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Berlinische Leben: “Kneipe mit Bewusstsein”/ von H.P. Daniels / West-Berlin 1972

Schlaff saß zwischen den Schränken, nein, zwischen Schrank und Kachelofen: eingeklemmt.
“Hahaha Klaustro-Klause, Schlaff, sitzt du gut in deinem Eckchen. Mann, hast du n Glück, dass der Winter vorbei ist, dass der Ofen nicht mehr geheizt werden muss. Sonst würdest du da jetzt schön schmoren, in deiner Klaustro-Klause, was, Schlaff? Wie heizt man überhaupt son Ding, son Kachelofen?”

“Keine Ahnung. Mit Kohlen, oder? Hab ich mir noch keine Gedanken drüber gemacht. Iss ja noch ne Weile hin…”
“Ach ja, Richard, denn sehn wir uns ja öfter jetzt, wa? Vielleicht hilft DER dir ja mit dem Ofen. Warum sagen die Berliner eigentlich immer ‘wa’?”

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“Weeß ick doch nich, warum die wa sagen, wa?”

“Omi hat auch immer wa gesagt. Omi am Büdchen.”
“Welche Omi? An was für nem Büdchen denn?”
“Omi am Büdchen in Kelkheim. Bei unserer Schule, gleich um die Ecke. Wir haben sie Omi genannt, weil sie schon ein bisschen älter war und was Omihaftes hatte. Zu Omi sind wir immer in der Pause. Ans Büdchen. Eine rauchen. Ne Cola trinken, oder so was. So ne typische Bude, mit Zeitungen, Zigaretten, Getränken, Süßigkeiten, kleine Sachen zum Essen, Brötchen, und ich glaube sogar auch Würstchen … heiß gemacht. Die Arbeiter von der Möbelfabrik und den Schreinereien sind da auch immer hin. Omi war Berlinerin. Und sie hat immer wa gesagt. An jeden Satz hinten dran gehängt. Daher kannte ich das schon. Habta wieda Pause, wa? Kommta wieda roochn, wa? Omi war immer nett mit uns Schülern…”

“Aha, ist ja sehr interessant! Spannende Geschichte. Kelkheim … KELK-HEIM, dieses Furzkaff, diese Provinzler da. Da kann man ja nichts Spannenderes erwarten!”

“Jetzt bist du ja in Berlin, Richard, was für ein Glück, da sehn wir uns ja jetzt öfter, Richard, wa?”
“Jaaaa, iss ja gut! Überlegt euch lieber mal, was wir heute Abend machen wollen.”
“Quasimodo!” schlägt Schlaff vor. “Wir könnten ins Quasimodo gehen.”

“Nee, also ins Quasimodo geh ich heute nicht mehr. Das ist doch ein scheißbürgerlicher Spießerladen. Touristenkneipe. Wenn ihr da hingehen wollt, bitte, dann geht da von mir aus hin, passt ja auch irgendwie zu euch Spießern. Aber ich komm da nicht mit, mir ist das zu blöd. Ich geh woanders hin?”
“Und, wo gehst du hin, Rikki?”
“Ich will in eine richtige Kneipe. Ne linke Kneipe mit dem richtigen Bewusstsein. Was Politisches…”
“Und wie soll diese Kneipe aussehen? Mit dem richtigen Bewusstein. Kneipe mit Bewusstsein? Wo soll die sein? Wir fanden das Quasimodo ganz gut…”
“Das ist doch was für Kleinbürger. Macht, was ihr wollt, ich such mir ne ideologisch einwandfreie Kneipe.”
Petty lachte laut. “Haha, Rikki, eine ideologisch einwandfreie Kneipe! Hast du das gehört, Schlaff? In eine ideologisch einwandfreie Kneipe will Rikki, ideologisch einwandfrei … das würde mich ja dann auch mal interessieren. Was eine ideologisch einwandfreie Kneipe ist. Da kommen wir mit, das will ich sehen. Komm Schlaff, kommt Verdammte dieser Erde, Rikki führt uns an, ihm nach. Rikki, unser großer Steuermann. Avanti Populo, Rikki, zeig uns den Weg zur ideologisch einwandfreien Kneipe! Führ uns an, Genosse, auf dem langen Marsch!”

“Redet doch nicht son Unsinn”, sagte Rikki, “ich weiß was, ich weiß wirklich was. Ich weiß, wo wir hingehen.”

Er kramte in einer Kiste, in einem Stapel alter Zeitschriften. “Agit 883” hieß die Zeitung die er hervorzog. Komischer Name. So eine typische Alternativzeitung mit wilder Aufmachung, Schreibmaschinen-Layout.

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“Schaut mal, hier sind ein paar Annoncen. Er blätterte und suchte.
“Black Korner … das klingt doch schon mal ganz gut … Nassauische Straße? Wo issn die Nassauische Straße?”
“Zeig mal her, Rikki. Korner mit K? Haben die sich nach Alexis Korner benannt? Den Vater des englischen Blues?”
“Das denkst auch wieder nur du, in deiner halb verblödeten Kiffer-Birne … dass alle sich nach irgendwelchen Bands und Musikern benennen müssten. Blues, ha Blues, was fürn langweiliger Scheiß. Wenn du mich fragst, ich stehe nur auf Tyrannosaurus Rex. Das ist ne Band. Das ist die Musik der Zukunft. Aber du und Schlaff, ihr mit eurem öden Blues, mit eurem Ten Years-After-Langweiler-Zeugs…”
“Ja, genau, Rikki … Klickelwutt Glien … die fandst du doch auch immer gut?”

“Ja, okay, Klickelwutt Gliehn, aber auch nur wegen des chinesischen Titels. Klicklwutt Gliehn. Nur das Wortspiel fand ich gut, nicht die Musik. Und ‘Zehn Jahre Arsch’ finde ich auch immer noch ganz lustig … für Ten Years After. Aber musikalisch ist für mich nur noch Tyrannosaurus Rex relevant.”
“Ne, Rikki, wirklich nicht. Ich will nur noch ideologisch einwandfreie Bands hören. Aber was ist jetzt mit der ideologisch einwandfreien Kneipe?”
“Na ja, Black Korner ist wohl doch nicht so. Schau mal hier, was hier steht: ‘Psychothek’ steht hier. Was solln das sein? Das klingt doch wieder nach so nem Kifferscheiß. Eher was für euch. Unpolitischer Kifferscheiß.”
“Schau mal, hier ist noch was. Was ist das denn? ‘Tina Putt – Brutstätte für Farbeierablage von Blauhelmen. Zur Wanne’. Heißt das jetzt Tina Putt? Oder Zur Wanne? Holsteinische Straße? Wo issn die?”

“Keine Ahnung, aber klingt doch schon besser als dieser Psycho-Scheiß. Psychedelic-Scheiß. Das wäre eher was für den Nowak: noch drei Trips bis Wochenende! Wisst ihr noch: der Nowak … Immer LSD. Aber hier ist noch was. Schaut mal: Das wäre doch was? ‘Drehscheibe. Undogmatische Kneipe für linke Leute’. Das ist’s doch genau das, was wir suchen. Und hört mal: 20 in- und ausländische Tageszeitungen, 40 Zeitschriften, 7 verschiedenen Biere, 7 Wodka-Sorten, 4 Fernsehprogramme. Das ist doch wirklich was, da gehen wir hin. Pfalzburger Straße 20. Gib mal den Stadtplan.”

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Sie suchten die Pfalzburger Straße.
“Schau mal hier. Die is ziemlich lang. Wo isn die Nummer?”
“Die 12 ist hier. Aber da auf der anderen Seite ist schon die 71. Wie kann das denn sein? Ist der Plan falsch?”
“Weißt du das nicht? Hier in Berlin ist doch alles anders. Hier haben sie ein völlig bescheuertes System, die Straßen zu nummerieren. Da gibt’s nicht die geraden Nummern auf der einen Straßenseite und die ungeraden auf der anderen. Nee, da zählen sie auf der einen Seite die ganze Länge lang rauf, und dann am Ende auf der anderen Seite weiter, also wieder zurück.
“Wie jetzt? Weiter? Oder zurück?”
“Na ja auf der einen Seite rauf und die andere Seite wieder runter.”
“Versteh ich nicht.”
“Mann, Petty, du kapierst auch wieder überhaupt nichts. Das kommt von eurer bescheuerten Kifferei. Also ich erklär’s dir nochmal.” Er deutete auf den Stadtplan. Pfalzburger Straße. “Schau, hier fängt sie an zu zählen, an der Lietzenburger Straße, da fängt sie an. Also hier auf der linken Seite ist die Nummer 1. Das heißt: eigentlih ist es ja die rechte Straßenseite. Dann zählt sie 1,2,3,4,5,6 und so weiter. Hier ist die 17, da die 26, da die 28, siehst du? Und hier am Ende, wie heißt die Straße da? Fechnerstraße, ja, da geht’s dann auf der anderen Seite weiter. Schau, hier ist die 44, da die 55, 79 und wieder bis rauf zur Lietzenburger Straße. Da liegt dann das Haus mit der höchsten Nummer dem mit der 1 gegenüber.”
“Seltsames System! Warum machen die das?”
“Sag ich dir doch: weil sie bescheuert sind. Da kann man sich dumm und dämlich suchen nach einer Hausnummer.”
“Und wo ist jetzt die Pfalzburger 20?”
“Hier ist die 17 und da ist die 26. Müsste also ungefähr dazwischen sein. Hier vielleicht. Da fahren wir am besten genauso wie gestern, steigen aber schon am U-Bahnhof Spichernstraße aus. Von da können wir dann zu Fuß rüber laufen.”

“Aaah … nicht so viel laufen!”
“Hör auf, Schlaff, du wirst doch wohl mal ein paar hundert Meter laufen können! Wenn die Revolution kommt, wirst du schon auch mal rennen müssen. Kannst ja jetzt schon mal ein bisschen trainieren!”

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Spichernstraße steigen sie aus.
“Komische Gegend. Schau mal da oben, auf diesem hässlichen Betonneubau. Was ist das denn? Soll das der Kopf von Jimi Hendrix sein?”

Sie schauen hoch auf den langgestreckten Neubau, da ist der Kopf eines Langhaarigen, schwarz wie ein Scherenschnitt auf transparentem roten Hintergrund, von hinten beleuchtet. Das hat etwas Ikonenhaftes, wie das berühmte Bild von Che Guevara mit Bart und Baskenmütze. Das Rikki in seiner neuen Wohnung, dieser Rumpelbude, über dem Sofa hängen hat.
“Ist das Hendrix?”
“Nee, Frank Zappa, oder?”
“Quatsch, das ist nicht Zappa! Zappa sieht anders aus. Zappa hat doch auch den Bart!”
“Hat der da oben doch auch!
“Nee, hat er nicht. Schau doch mal hin.”
“Aber Hendrix? Ein bisschen sieht er schon aus wie Hendrix. Hmm … vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es auch gar niemand. Jedenfalls niemand Spezielles. Einfach nur ein Langhaariger. Ein Freak.”
“Weißt du, Zappa oder Hendrix, mir ist das völlig egal. Das nimmt sich doch sowieso nichts. Ist doch alles das Selbe. Alter Mist von gestern. Tyrannosaurus Rex, das ist was. Das ist die Musik der Zukunft. Ihr werdet sehen. Ich sag’s euch. In ein paar Jahren werdet ihr an mich denken.”
“Mann Rikki, ich weiß gar nicht, ob es so gut ist … wenn wir uns jetzt öfter sehen.”
“Das ist ne Werbung für diesen Laden da oben. Ist der da oben drin? In diesem hässlichen Haus? Schau mal, diese riesigen bunten Buchstaben da am Haus: B-I-G-A-P-P-L-E. Big Apple? Ist das ne Disco?”

“Big Apple gibt’s in München auch. Auf der Leopoldstraße. Gleich neben dem PN. Das PN war immer beliebter, weil da meistens die besseren Bands gespielt haben. Kinks, Pretty Things, Boots, Renegades. Hendrix hat da auch mal gespielt. Ganz am Anfang seiner Karriere, als ihn noch keiner kannte. Oder hat der im Big Apple gespielt? Das weiß ich jetzt gar nicht mehr genau. Jedenfalls hab ich zuletzt im Big Apple Golden Earring und Man gesehen. Ist noch gar nicht so lange her…”
“Mann, Petty, das interessiert doch keine Sau, deine öden Kifferbands.”
“Ja, ich weiß, Rikki, Tyrannosaurus Rex … aber die gibt’s ja eigentlich schon gar nicht mehr … heißen die nicht inzwischen T.Rex? Und wo geht’s jetzt hier eigentlich zur ideologisch einwandfreien Kneipe?”

Sie liefen ein Stück, suchten ein bisschen, und gerade als Schlaff zu maulen anfing: “Wo issn das jetzt … ist das noch weit?” … fanden sie die Drehscheibe.

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Sie setzten sich rechts hinter der Tür an einen runden Tisch. Und bestellten Bier. Schlaff rauchte eine Gauloise, Rikki und Petty rauchten Reval. Ein paar Freaks liefen herum, rauchten Selbstgedrehte, ein paar langhaarige Gestalten. Und ein paar ältere Typen, die nach schwerer politischer Diskussion aussahen. Links neben der Tür stand ein großes Regal, mit unzähligen Zeitungen und Zeitschriften. Rikki wühlte da ein bisschen herum, schaute, blätterte.

“Ah, die Agit 883 gibt’s hier auch. Und was ist denn das hier für ein Blättchen?” “Berliner Extra-Dienst”, ein einfach hergestelltes Heftchen im winzigen DIN A 5 Format.
“Das ist doch interessant”, fand Rikki, “Obwohl die Aufmachung ja auch nicht gerade der Hit ist, ein bisschen mickrig, oder? Das könnte man doch besser machen. Und haben sie dieses Logo hier absichtlich ein bisschen an die Bild-Zeitung angelehnt? Ja, das ist gut, das ist ironisch gemeint. Das ist ganz gut!”
Schlaff und Petty fanden die ganze Kneipe ein bisschen muffig, eher öde. Langweilig.

“Und? Bist du jetzt zufrieden, Rikki? Ist die Kneipe ideologisch einwandfrei genug? Diese undogmatische Kneipe für linke Leute? Ist doch irgendwie langweilig, oder?
“Jetzt spielt euch mal nicht so auf. Immerhin haben sie Zeitungen hier. Viele Zeitungen Und vor allem linke Zeitungen. Das ist doch was.”
“Wie weit ist es denn von hier zum Quasimodo?” wollte Schlaff wissen, “das kann doch nicht so weit sein?”
“Ja, da können wir zu Fuß gehen. Wir haben ja einen Plan dabei!”

Schlaff maulte: “Zu Fuß? Wie weit denn?”

Rikki war einverstanden. Kein leichter Weg für beide.
“Ideologisch einwandfreie Kneipe, hahahah, Rikki. Das war also die ideologisch einwandfreie Kneipe. Sehr schön. Wunderbar. Ideologisch einwandfrei … aber total langweilig. Keine Musik, keine Zeichentrickfilme und keine Frauen. Was ist Rikki, fandst du die ideologisch einwandfreien Frauen hier besser als gestern im Quasimodo?”
“Immerhin gab es Zeitungen!”
“Ja, ja, Richard, vielleicht sehn wir uns ja jetzt öfter. In einer ideologisch einwandfreien Kneipe! Da könn wa denn so manche Molle zischen miteinanda, wa?”

“Ach Petty, hör doch auf!”


Agit 883 56 51, später zum geläufigeren Agit 883 verkürzt, war eine anarchistisch-libertäre Zeitschrift aus der Linken Szene West-Berlins, die mit wechselnden Untertiteln und in wechselnder Zusammensetzung der Redaktion von Februar 1969 bis Februar 1972 erschien. Sie gilt in Bezug auf die gewählten Themen, ihre Sprache und die Aufmachung (Illustrationen mit Fotomontagen und Comics, libertäre Agitation) als typisches Blatt der späten Studentenbewegung. Die Zahl im Titel der Zeitschrift war die Telefonnummer der Redaktion bzw. der Wohngemeinschaft und des Mitherausgebers Dirk Schneider in der Uhlandstraße 52 in Berlin-Wilmersdorf. (Quelle: WiKi)

Die Titelbilder stammen von dieser Website mit Scans aller Ausgaben:

http://plakat.nadir.org/883/

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Berlinische Leben – „Im Quartier von Quasimodo“ / von H.P. Daniels / Reblog

West-Berlin 1972.

Sie wollten mal nach den Kneipen schauen. Die Lage erkunden. Abgefahrene Studentenkneipen gibt’s doch hier wie Sand am Meer. Sie wollten mal schauen.
“Am besten wir fahren ins Zentrum”, sagte Rikki. “Bahnhof Zoo, die Gegend, Gedächtniskirche, Kudamm, da finden wir bestimmt jede Menge guter Kneipen.”
Rikki hatte einen Plan. Mit dem Bus ein paar Stationen bis Hermannplatz.
Schlaff sagte: “Herrmannsplatz”.
“Mann, Schlaff, Mann, wie oft soll ich’s dir noch sagen: der heißt nicht Hermannsplatz. Der heißt Hermannplatz. Merk dir das doch endlich mal!”

Sie fuhren ein Stück. Auf dem Oberdeck vom Doppeldeckerbus durfte man rauchen.
“Ist doch toll hier, was? In Berlin darf man sogar im Bus rauchen! Allerdings nur oben. Aber immerhin.”
“Hermannsplatz! Wir müssen raus”, sagte Schlaff und stand auf, “kommt, wir müssen raus!”
Rikki rollte mit den Augen. Herrmannsplatz … der merkt sich das nie! Sie stiegen aus. Und runter in die U-Bahn.
Sie schauten auf den Plan. “Berliner Straße müssen wir umsteigen!” Sie stiegen um. Richtung Zoo. Sie stiegen aus. Sie gingen rauf. Wo waren sie hier? Sie sahen sich um. Alle Richtungen.
Rikki gab den Berlin-Experten: Schaut mal hier, schaut mal da, Petty kam sich vor wie ein bescheuerter Tourist.
“Also wohin jetzt?”
“Weiß ich doch nicht!”
“Du bist doch der Berlin-Experte!”
“Wieso ich?”
“Weil du hier wohnst!”
“Na ja, so lang ja nun auch wieder nicht.”
“Immerhin wohnst du hier. Und wir nicht.”
“Na, so richtig wohne ich doch auch erst seit vorgestern hier. Seit meine Klamotten hier sind. Das Vorher zählt doch nicht.
“Aber dann spiel dich auch nicht immer auf als den großen Berlin-Experten! Also wohin jetzt?”
“Weiß ich doch nicht!”
“Ich dachte, du kennst hier alles? Alle tollen Kneipen. Was hast du denn hier die ganze Zeit gemacht?”
“Was heißt die ganze Zeit. Die ganze Zeit. Die ganze Zeit. Was hab ich gemacht? Wohnung gesucht. War schwierig genug…”
“Tssi, Tssi, Tssi. Jetzt streitet euch doch nicht schon wieder…”
Schlaffs gutmütige hohe Kinderstimme.

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“Und was ist das da drüben eigentlich? Worauf warten die denn?” Schlaff deutete auf eine riesige Menschenschlange unter der Eisenbahnbrücke. Vorwiegend junge Typen, Freaks, lange Haare, Hippies, Anarchos. Aber auch andere, eher Normale. “Was machen die da?”
“Schlaff, die suchen ne Wohnung!”
Rikki war wieder in seinem Berlin-Experten-Element:
“Die warten auf die Zeitung. Die Morgenpost!”
“Warum das denn? Zeitung? Abends um diese Zeit?”
“Ach, du kapierst mal wieder gar nichts. Die stehen da alle, weil um zehn der Typ mit der Morgenpost kommt. Der ist der Erste, der schon die Zeitung vom nächsten Tag verkauft. Wo die ganzen Wohnungsanzeigen drin sind.”
“Und warum können die nicht bis zum nächsten Tag warten? Um die Zeit bekommen die doch sowieso keine Wohnung mehr, oder?”
“Mann, Schlaff, du begreifst es nicht. Also pass auf, ich erklär’s dir: Um zehn kommt hier die Morgenpost mit den Wohnungsanzeigen. Und weil alle möglichst schnell an die Annoncen rankommen wollen, stehen sie hier und warten. Schon lang bevor der Zeitungsmann da ist. Und dann geht das so: Man kommt am besten immer zu zweit. Einer stellt sich an für die Zeitung. Der andere besetzt eine Telefonzelle. Siehst du die Telefonzellen da an der Ecke? Alle besetzt. Die warten auch. Sobald die Zeitung da ist, rennen sie zur Zelle und schauen die Anzeigen durch. Die sind sortiert nach Wohnungsgrößen. Also, wenn du ne Zweizimmer-Wohnung suchst, schaust du da. Die meisten suchen Einzimmerwohnungen, weil die am billigsten sind. Oder sie suchen besonders große Wohnungen, für ne Wohngemeinschaft…
“Wie du jetzt demnächst für uns, Rikki…”
“Ach lass mich in Ruhe mit dieser Wohngemeinschaftswohnung. War schwierig genug, die Einzimmerbude in Neukölln zu kriegen…
“Und dann?”
“Dann, wenn sie ne interessante Anzeige gefunden haben, rufen sie da an … sofort.”
“So spät am Abend noch?”
“Ja, Mann, das musst du, sonst hast du keine Chance!”
“Ach, dieses Berlin ist schon komisch … Und ein bisschen anstrengend, oder?”
“Was heißt hier komisch, Schlaff, was heißt anstrengend? Berlin ist einfach so, das ist hier so. Das ist eben ne richtige Großstadt. Nicht son Pisskaff wie Frankfurt. Oder das noch pisskäffigere Bad Soden. Oder Hofheim. Oder Kelkheim. Oder Eppstein. Oder Niedernhausen. Mann bin ich froh, dass ich endlich weg bin aus diesen Pisskäffern. Diesen elenden Provinznestern!”
“Und wohin gehen wir jetzt?”
“Weiß ich doch nicht. Wir können ja jemanden fragen.”
“Was willste denn fragen?”
“Na ja, wo hier ne gute Kneipe ist. Wir fragen jetzt einfach irgendjemanden. Irgendeinen Freak, der hier vorbeikommt. Da ist doch schon einer. Der sieht doch okay aus, der weiß bestimmt Bescheid. Da issn Freak.”
Rikki fragte nach einer guten Kneipe. Hier in der Nähe.
“Hier in der Nähe? Hmm.” Der Freak dachte nach. “Kommt drauf an, was ihr sucht. Was sucht ihr denn?”
“Na ja, ne gute Kneipe halt. Ne Studentenkneipe. Wo wir n Bier trinken können. Nicht so was Bürgerliches. Auf keinen Fall was Bürgerliches. Eher was Flippiges. Freakiges…”
“Hmm”, der Freak dachte weiter nach: “Hier in der Gegend?”
“Ja, möglichst nicht so weit.”
“Hmm.”
Plötzlich erhellte sich das Gesicht des Freaks: “Ach ja, gleich hier um die Ecke wäre was. Gleich da an der Kantstraße rechts. Und dann am Theater des Westens vorbei. Wo das Delphi-Kino drin ist. Da geht außen eine kleine Treppe runter. Quasimodo heißt der Laden. Der ist ganz okay. Da könnt ihr hin.”
“Danke. Hab ich’s doch gewusst. Dass der Freak Bescheid weiß. Da gehen wir jetzt hin!”

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Sie gingen die Treppe runter: Quasimodo. Ein Kellerlokal. Ganz witzig. Und ziemlich voll. Über einigen Tischen hingen freischwingend kleine Leinwände, auf denen Zeichtrickfilme flickerten:
“Kuck mal, Tom und Jerry!”
Sie bestellten Bier. Rikki und Petty rauchten Reval. Schlaff rauchte Gauloises. Sie lachten über Tom und Jerry. Und Donald Duck. Tranken. Rauchten. Unterhielten sich über das große Abenteuer Berlin. Ja, Berlin, Berlin, Berlin! Eine tolle Stadt. Und dass sich Schlaff jetzt auch vorstellen könnte, nach Berlin zu ziehen.
“Ja, Schlaff, zieh doch auch nach Berlin. Dann wären wir schon zu sechst. Du, Rikki, Lausi, Gisela, Birgit und ich. Dann muss Rikki halt ne Sechs- oder Siebenzimmerwohnung suchen…”
“…und sich abends anstellen unter der Bahnüberführung für die Zeitung mit den Anzeigen…”
Schlaff und Petty lachten. Rikki rollte mit den Augen.
“Hört bloß auf! Und außerdem sind mir das viel zu wenig Frauen für ne Wehgeh! Was gibt’s eigentlich hier für Frauen?” Er sah sich um: “Na ja!”
“Hahaha, Rikki der große Frauenexperte. Rikki und die Frauen, hahaha, die Frauen hier haben alle auf dich gewartet, klar Rikki…”
“Ach hör doch auf. Ich erinnere nur an dein letztes großes Desaster, Petty, hahaha, die Geschichte mit der Kauppert … Conny Kauppert … von der hast du dich doch bis heute nicht erholt. Wie lang ist das jetzt her? Das ganz große Desaster, dein persönliches Waterloo … mit der Kauppert … jajaja, das große Heulen und Zähneklappern. Da schau ich mich doch lieber hier mal um. Was es hier so gibt. Aber irgendwie ist mir dieser Laden zu bürgerlich, zu normal, zu spießig, zu sehr Touristen-Schuppen. Die Frauen sind auch nicht doll. Da muss es doch noch was anderes geben in dieser Stadt…”
“Aber nicht mehr heute, Rikki. Das machen wir dann morgen. Morgen können wir uns ja noch was anderes anschauen. Obwohl: ich find’s hier ganz lustig. Ist doch gut hier.”
Das fand Schlaff auch.
Sie bestellten noch ein Bier.
“Außerdem, wenn du hier schon so rumreitest auf der Geschichte mit Conny … dann möchte ich dich doch nur mal kurz an deine Sache mit der Schubert erinnern. Was war das denn? War das kein Waterloo, Rikki, mit der Schubert? Na, wie war das noch mal … mit der Schubert? Erzähl mal…”
Rikki heulte auf:
“Die Schubert. Mein Gott, die Schubert! Erinnere mich jetzt bloß nicht an die Schubert! Außerdem ist sie da, in ihrem verdammten Provinzkaff … und ich bin jetzt hier in Berlin!”

Wie schon „Hauptsache Berlin“ stammt „Im Quartier von Quasimodo“ aus dem bislang unveröffentlichten Roman „Nowhere Man“ von H.P. Daniels. Der inzwischen berühmte Live-Club im Keller des Delphi-Gebäudes hieß bis zum Jahre 1975 „Quartier von Quasimodo“. Dann kam der gebürtige Genueser Giorgio Carioti, verkürzte den Namen zu „Quasimodo“ und legte das Gewicht auf Live-Konzerte, nachdem das Lokal vorher eher als Studentenkneipe betrieben wurde. Das historische Foto stammt von der Website des Clubs:
http://www.quasimodo.de

Redaktion: Marcus Kluge

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Berlinische Leben – “Hauptsache Berlin” / Von H.P. Daniels / Reblog

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West-Berlin 1972

Rikki, Richard, nannte sich neuerdings “Riccard” – mit zwei c. Eine Marotte von ihm. Er fand das schick. Auffällig. Was Besonderes. Er sprach das Rickard aus, wie Richard, nur mit k. Sie sagten trotzdem weiter “Rikki”. Und wenn Petty ihn Riccard nannte, dann tat er’s völlig übertrieben … französisch, mit einem leicht ironischen Unterton. Als würde er den Namen mit spitzen Fingern anfassen, ein bisschen tuntig: “Rickaaahr”.

Rikki war der Erste von ihnen. Der Erste in Berlin. Aus dem engeren Zirkel, von der geplanten Wohngemeinschaft. Rikki hatte das Abitur schon vor den anderen, vor dem Rest. Rikki war die Avantgarde. Rikki hatte es auch am eiligsten, er hatte den Einberufungsbefehl schon im Briefkasten. Es war schnell gegangen. Schriftliches Abitur, mündliches Abitur, Einberufungsbefehl. Berlin. Lage sondieren: Universität und Wohnung. Und er sollte eine Fünf-Zimmer-Altbauwohnung besorgen, mindestens fünf Zimmer, besser sechs, für die Kommune, die Wohngemeinschaft. Dass sie alle ein eigenes Zimmer hätten, jeder von ihnen, und vielleicht noch einen Gemeinschaftsraum.

“Fünf- bis Sechzimmerwohnung! Mann, du hast Vorstellungen!” knurrte Rikki, nachdem Petty ihn gefragt hatte, was denn nun sei? “Hast du nach ner großen Wohnung geschaut für uns? Hast du was gefunden?”
“Nee, ne Einzimmerwohnung in Neukölln hab ich!”
“Du hast ja nicht mal geschaut, hast dich nicht mal bemüht!”
“Ach, lass mich in Ruhe!”
Rikki war noch einmal von Berlin zurückgekommen, um seine Klamotten zu holen.

Rikki erzählte, dass er nach seiner Ankunft in Berlin erstmal zum Tempelhofer Ufer gegangen ist. Zur Wohngemeinschaft der “Ton Steine Scherben”, um zu fragen, ob er ein paar Tage bei ihnen wohnen kann – als alter Anarcho und Ton-Steine-Scherben-Fan aus Frankfurt. Und dass er sie gesehen hätte, damals im Frankfurter Sinkkasten, hat er ihnen erzählt. Als sie nach einem furiosen Konzert die Betreiber des Ladens schwer unter Druck gesetzt haben: Dass die gefälligst noch zweihundert Mark auf die Gage drauflegen sollten … als Spende für die politischen Gefangenen. Oder sie würden ihnen die Bude zu Scherben kloppen. Dass er das toll gefunden hätte. Und wie die Typen vom Sinkkasten dann zornig murrend, aber kleinlaut, bezahlt hätten. Eine Spende für die politischen Gefangenen. Toll! Und dass das doch eine richtig gute und ja auch wirklich gerechtfertigte Aktion gewesen sei. Erzählte Rikki den Scherben. Und dass er schwer angetan sei von ihrer LP “Warum geht es mir so dreckig”. Und ob er jetzt ein paar Tage bei ihnen wohnen könne … bis er eine Wohnung gefunden hätte? Solidarität unter Anarchisten und so … und gemeinsam sind wir stark und so … und keiner wird uns mehr aufhalten können. Uns nicht und die Revolution nicht. Und Venceremos und so.
Die Scherben haben Rikki in ihrer Wohnung am Tempelhofer Ufer auf dem Fußboden schlafen lassen. Aber sie waren reserviert, haben ihn ziemlich unfreundlich behandelt. Sagt er jedenfalls. Ihnen war er verdächtig, wie er da so plötzlich aus dem Nichts bei ihnen aufgetaucht war. “Die haben mich für einen Bullenspitzel gehalten, diese paranoiden Idioten!” Seitdem waren Rikkis Sympathien für Ton Steine Scherben gedämpft.

Er hatte einen Tisch, einen Fernseher, einen Kleiderschrank, eine Couch, eine Reiseschreibmaschine, ein Radio, einen Plattenspieler, zwei Stühle einen Koffer und einige Kisten mit Schallplatten, Zeitschriften, Büchern. Das musste nach Berlin.
“Könnt ihr mir helfen?”
Ricky belud mit Petty und Schlaff einen gemieteten Ford Transit. Inter Rent. Schlaff fuhr, Schlaff, den sie Schlaff genannt hatten, eben weil er genau so war: “schlaff”. Ein großer breiter Teddybär mit hängenden Schultern, hängenden Armen: schlaff. Schlaff fuhr. Rikki hatte keinen Führerschein. Petty erst seit kurzem. So eine große Karre traute er sich noch nicht zu. Also fuhr Schlaff. Der ja immer fuhr. Normalerweise mit seinem weißen R4. Mit dem sie immer mitfuhren. Überall hin. Überall in der Gegend rum. Ohne Schlaff wären sie nirgendwo hingekommen. Ohne Schlaff wären sie aufgeschmissen gewesen. Und Schlaff, so schlaff er sonst war, der große gutmütige Bär mit schlaffem Ausdruck, schlaffer Körperhaltung, fuhr Auto alles andere als schlaff. Dass ihnen manchmal Hören und Sehen verging, wenn er in die unzähligen Taunus-Kurven stach und bretterte. Durchs Lorsbachtal.

“Einen R4 schmeißt du nicht um!” war so eine Redensart. “Schaffst du nicht! Das schaff nicht mal ich!” sagte Schlaff. Er hat ihn auch nie umgeschmissen, seinen weißen R4, wenn es auch manchmal bedrohlich nahe dran war, wenn es gefährlich geschaukelt und gequietscht hat. Nach Berlin ging es ohnehin meistens geradeaus: Autobahn. Schlaff fuhr. Immer geradeaus. Autobahn. Berlin.
“Und was machen wir an der Grenze? Wenn uns die DDR-ler die Karre auseinander nehmen? Wenn die gucken wollen, was wir da hinten drin haben? Wenn die in die Kisten schauen?”
“Weißt du, was, Rikki? Du packst einfach den ganzen Anarcho-Krempel, Ton Steine Scherben, Bakunin, Kroptkin, Stirner, Landauer, Mühsam und das ganze Zeugs, die SDS-Schriften, Kommune 1 und Kommune 2, Dutschke und Biermann … das packst du nach ganz unten in die Kisten. Und oben drauf dann die Gesamtausgabe von Brecht … hast du die überhaupt? Und Lenin “Was tun?” und “Staat und Revolution”. Und Karl Marx: “Das Kapital” … die blauen Bände aus dem Dietz Verlag. Und die ganze Kuba-Literatur von deiner Abiturprüfung. Das alles oben drauf. Und bei den Platten machst du’s genauso. Packst Biermann und Neuss ganz nach unten. Und oben drauf den Degenhardt: “Mutter Mathilde”. Den haben sie doch gerade erst aus der SPD rausgeschmissen, weil er zur Wahl der DKP aufgerufen hat. Und die Arbeiterlieder von Ernst Busch und son Zeug. Auch oben drauf. Am besten noch auf Amiga. Hast du sowas? Da lassen die uns sofort weiterfahren…”
Rikki fand die Idee gut und packte seinen Kisten entsprechend um. Das eine nach unten. Das andere nach oben. Es funktionierte.
“Ham Sie Kinder dabei?”
“Nee!”
“Waffen oder Munition?”
“Nee!”
“Machen Sie mal auf! Was ham sie in den Kisten?”
“Nur Schallplatten und Bücher…”
“Machen Sie mal die Kiste auf!”
Der Grenzposten sieht Blaue Bände … Das Kapital.
“Danke, Sie können weiterfahren!”
“Na, hab ich’s dir gesagt, Rikki?”
“Das blaue Wunder! Und unten drin liegt das ganze Anarcho- und Anti-DDR-Zeug. Sehr lustig!” Sie freuten sich. Rikki und Petty lachten. Schlaff fand diesen ganzen politischen Kram eher ein bisschen “überzogen”.
“Ach, wisst ihr, diese ganze Revolution, das ist eigentlich nicht so mein Ding!”
“Schlaff…!” Rikki sprach seinen Namen streng aus, ermahnte ihn, er solle mal nicht so reaktionär daherquatschen “Die Revolution kommt, Schlaff. Das wirst auch du nicht verhindern. Und diese Revolution wird alles wegfegen. Diese ganzen Spießer- und Kapitalistenschweine, und diesen ganzen miesen, grauen, grauenhaften, verspießerten DDR-Scheißdreck hier. Dieses ganze unfreie Scheißland, wo sie den Sozialismus einmauern müssen. Das ist doch kein Sozialismus. Wenn man den einmauern muss. Das ist doch n Scheißdreck, das will doch keiner haben. Und was ham die hier überhaupt für ne Autobahn? Das ist doch keine Autobahn. Diese elende Rumpelpumpel-Strecke. Das ist doch keine Straße! Du wirst sehen, Schlaff, das wird die Revolution alles wegfegen. Und du wirst es nicht aufhalten, du nicht, Schlaff. Und auch sonst niemand. Und wenn es hart auf hart kommt, wird die Revolution auch dich wegfegen. Wenn du dich dagegenstellst. Denn entweder du bist dann für die Revolution. Oder du bist dagegen. Und dann fegt sie dich halt weg. Alles Schlaffe sowieso.”
Rikki zündete sich eine Reval an.
“Tssi, tssi, tssi” machte Schlaff mit seiner hohen Mädchenstimme.
“Du wirst es sehen!”
Elende Rumpelstrecke durch die DDR. Hundert Stundenkilometer. Mehr ist nicht erlaubt. Schlaff.

Als sie den ganzen Krempel ausluden, ins Haus reintrugen, Stuttgarter Straße, Neukölln, sahen ihnen zwei Typen von gegenüber zu. Die hingen da im Fenster. Sie winkten. Warum winken die? Meinen die uns? Was wolln die?
“Ey, was machst du denn hier?” Die meinten Petty. Er sah genauer hin. Ein großer Blonder mit einer Motorradlederjacke. Und ein Kleinerer.
“Ey, das is ja n Ding! Was macht ihr denn hier?”
Friedrich Erdmann und Michael Popp aus München.
“Wir wohnen hier!”
Ausgerechnet gegenüber der neuen Wohnung von Pettys Freund Rikki aus Frankfurt wohnen zwei alte Bekannte von Petty aus München. Ja, sie hatten auch nach Berlin gewollt, von München. Das hatten sie ihm mal erzählt. Schon vor längerer Zeit. Und jetzt das: “Jetzt sind sie hier. Und wir sind auch hier. Was für ein Zufall. Alle hier. Iss ja n Ding, Mann! In Berlin kommt alles zusammen.”

Rikkis neue Wohnung war ein dunkles Loch: ein Zimmer mit Kachelofen, ein kleiner Flur, von dem eine Toilette abging und eine winzige Küche. Ohne Bad. Adresse war eigentlich Sonnenallee, aber man konnte auch von hinten rein, über die Stuttgarter Straße.
“Na, gefällt’s euch?”
“Hmm…”.
Schön, war es nicht, aber das war auch nicht wichtig. Schön war nicht wichtig. Hauptsache Berlin. Und eine eigene Wohnung. Und nicht so teuer. Und weit weg von den Eltern. So weit war Rikki schon mal. Darum beneidete Petty ihn. Und alles, was Rikki brauchte, war jetzt auch da. Seine Klamotten, seine Bücher und die Schallplatten. Und der Fernseher. “Ja, Mann, der ist wichtig! Wegen der Sportschau. Eintracht. Und Tatort…”
Rikki legte keinen besonderen Wert auf Gestaltung. Die Bude war schnell eingerichtet. Auf der Längsseite die Couch, oben drüber: Che Guevara, Fernseher gegenüber auf einer Kiste, das war erstmal am wichtigsten. Sportschau, Eintracht, Tatort. Der Schrank auf der Schmalseite gegenüber vom Fenster. Schlaff bestand darauf, dass sie den so hinrückten, dass zwischen dem großen Kachelofen und dem Schrank gerade so viel Platz bliebe, dass der thronartige Holzstuhl mit der hohen Rückenlehne und den beiden Armlehnen genau dazwischen passte. Exakt zwischen Ofen und Schrank. Das passte. Wie nach Maß. War ja auch nach Maß. Und der massige Schlaff, der Petty optisch immer an Chris Farlowe erinnerte. Rikki fand das auch, spätestens seit dem Konzert von Colosseum in der Frankfurter Messehalle: “Ja, du hast Recht. Der Schlaff sieht aus wie Chris Farlowe. Nur dass er nicht so eine schicke Fransenlederjacke trägt wie der…”
“Aber schlaff ist der Farlowe auch!”
“Ziemlich schlaff!”
Schlaffs Stammplatz in Rikkis neuer Wohnung: Eingeklemmt auf dem großen Holzstuhl, zwischen Kachelofen und Schrank, und davor noch ein Tisch. Dort saß Schlaff jetzt immer. Da fühlte er sich wohl. Geschützt. Geborgen. Heimelig. Wie in einem Versteck. Petty nannte es Schlaffs “Klaustroklause”. Rikki fand das lustig: “Na Schlaff, gehste wieder in deine Klaustroklause?” Sie haben ihn nie woanders sitzen sehen. Die ganzen Tage nicht. Immer nur Klaustroklause. Dort aß er, dort trank er, dort war er zuhause. Schlaff.
“Och, sehr schön hier in meiner Ecke, sehr angenehm!” sagte Schlaff mit seiner ulkig weichen, hohen und betulichen Stimme. “Sehr schön hier, jaja, sehr schön!” Chris Farlowe in der Klaustroklause.
Es sei denn sie gingen raus, verließen Rikkis neue Bude, die Stadt erkunden. Berlin. “Mensch, wir sind in Berlin!” Und es gefiel ihnen. Dieses graue und kaputte Berlin. Die verrotteten Altbauten mit den narbigen Fassaden.
“Mann, guck mal, die Löcher da, ob das noch Einschusslöcher aus dem Krieg sind?” Diese abgeplackten Fassadenstücke. Hier war nichts zu spüren von der Frankfurter Biederkeit, kein modischer Schnickschnack, keine schicken Menschen wie in München, nicht dieses falsche Getue. Kein Geprunke und Geprotze. Kein schicker Scheißdreck. Hier war alles gröber, roher, echter. Und in der Sonne bekamen die kaputten Häuser, das Graue, Verfallene und Verrottete sogar einen besonderen Glanz. Doch, Berlin gefiel ihnen. Jetzt müssten sie es sich nur noch erobern.

– wird fortgesetzt –

Bei „Hauptsache Berlin“ handelt es sich um das dritte Kapitel von H.P. Daniels unveröffentlichem Roman „Nowhere Man“, der mit autobiografischen Reminiszenzen von den 1970er Jahren erzählt. Demnächst folgt hier ein weiteres Kapitel als Vorveröffentlichung und ich hoffe, wir können bald den ganzen Text als Buch oder E-Book lesen. Ich danke H.P. sehr herzlich, ebenfalls danke ich Rainer Jacob, der den Text mit einer Illustration versehen hat. M.K.

Berlinische Leben – “Stoffwechsel” / von H.P. Daniels / Momentaufnahme aus dem West-Berlin der frühen 70er Jahre

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Vorwort:

Anfang der 70er Jahre soll West-Berlin die Welthauptstadt des Heroins gewesen sein. Wahrscheinlich beruht diese Einschätzung auf dem ungeheuren Erfolg des Kolportage-Romans „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. In Wirklichkeit war die Szene der harten Drogen recht begrenzt. Sehr viel größer war die Kifferszene. Ich behaupte mal, es lebte damals eine Generation, in der es mehr Kiffer als Nichtkiffer gab. Schüler, Studenten, Lehrlinge, doch auch Rechtsanwälte, Ärzte und Antiquitätenhändler frönten dem Cannabis-Genuss. Ganz besonders Antiquitätenhändler.

Der „Shit“ war nicht teuer und das Geschäft hatte noch nichts mit Waffen und Gangs zu tun. Es war eine skurrile Szene, die sich abends in Teestuben, Cafés und Discos traf. Seltsamerweise ist über dieses West-Berliner Phänomen kaum geschrieben worden. Als ich mich mit dem Schriftsteller und Musikjournalisten H.P. Daniels darüber unterhielt, holte dieser das Manuskript einer Kurzgeschichte aus der Schublade. Sie sei „nichts zum Veröffentlichen,“ aber ich durfte sie lesen. Meiner Meinung nach, war sie sie für die Schublade zu schade. Und weiter fand ich, dass sie stilistisch und thematisch besonders gut in mein Blog passen würde, auch wenn H.P. Sie für eine Art „Jugendsünde“ zu halten schien. Ich begann H.P. zu überreden und schließlich stimmte er zu. Mein Freund Rainer Jacob hat dann noch den Text mit zwei Bleistiftzeichnungen illustriert. Ich freute mich H.P. Daniels als ersten Gastautor begrüßen zu dürfen und wünsche nun erneut gute Unterhaltung mit „Stoffwechsel“, der Momentaufnahme einer Gruppe dilettantischer Dealer auf ihrer ersten Schmuggeltour. M.K.

 

STOFFWECHSEL

 

Es fängt damit an, dass Daniel einen Rundfunkmoderator kennt, den Bernd auch kennt.
– Klar, kenne ich den: Peter König. King haben sie ihn genannt. Kann schon sein, dass der inzwischen ein ganz netter Typ ist, aber damals konnte ich ihn nicht leiden. Ist ja auch schon mindestens zwanzig Jahre her inzwischen. König war Diskjockey im GLOBE, am Kudamm. Er hat Platten aufgelegt. Und nebenbei gedealt. Oder er hat gedealt. Und nebenbei Platten aufgelegt. Je nachdem, wie man es betrachtet. So genau konnte man das nicht trennen. Das gehörte irgendwie zusammen bei dem: Plattenauflegen und Dealen. Dealen und Platten auflegen. King war sowas wie ein Großhändler, Verteiler. Er hat alle kleinen Dealer von Berlin beliefert. Hundertgrammweise. Heck haben wir dazu gesagt, weil ein Heck sich heckt: es vermehrt sich. Du verkaufst das Meiste, rauchst den Rest und du hast genug Geld, um wieder ein Heck zu kaufen.

Irgendwann war uns das zu blöde mit Peter König, mit seiner Monopolstellung. Dass der als Einziger in Berlin den Markt beherrschte, dass er die Preise bestimmte. Mit ein paar Kumpels haben wir unsere ganze Knete zusammengeschmissen, ein paar Klamotten verkauft, Schallplatten und sowas, und noch ein bißchen was gepumpt. Dann sind wir los. Amsterdam. Zu viert in meinem alten Hundertachtziger Daimler. Dschingis war auch mit. Der hat so Ledersachen gemacht: Gürtel, Taschen, Hüte, sowas. Er wollte Leder kaufen in Amsterdam. Das war dort auch günstig

Die ganze Nacht durchgefahren, am Morgen waren wir da. Amsterdam. Eine Kamikaze-Aktion. Dschingis wusste, wo er hingehen musste, wo er sein Zeug bekommt, alle möglichen Sorten von Leder. Er hatte eine Adresse und wir hatten keine Ahnung. Wo wir einkaufen könnten. Etwas ratlos blöde haben wir rumgestanden. Mitten in Amsterdam. Schwer übermüdet nach dem ganzen Weg von Berlin. Und wir haben beschlossen, wenn wir bis abends nichts gefunden haben, hauen wir wieder ab.

Irgendwann, mitten im Tag, mitten in der Stadt, kam ein Typ auf uns zu, so mit PSST, PSST, und wollt ihr was kaufen?

– Kommt drauf an, was du hast!
Er zeigte uns ein lächerliches Piece, so ein mickriges Zwanzig-Mark-Krümelchen.

– Eigentlich hatten wir an eine größere Menge gedacht, haben wir ihm gesagt. Und ob er vielleicht einen Tipp für uns hätte?
– Wieviel?
– Na, so drei, vier Kilo.

Er zuckte. Gleichzeitig mit den Augen und den Mundwinkeln:
– Ihr wollt wirklich drei bis vier Kilo? Und ihr seid euch da auch ganz sicher?

– Natürlich, es kommt drauf an, was du uns bieten kannst. In punkto Preis und Qualität.
In Ordnung. In zwei Stunden sollten wir wieder zur selben Stelle kommen.

Und wir haben das gemacht, wir hatten eh keine andere Wahl.

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Der Typ führte uns in eine Wohnung. Sehr schnieke alles. Nicht so eine Höhle, wie man das sonst so kannte. Nein, sehr edel alles, luxuriös eingerichtet. Ledersofa, Glastisch, teuere Stereoanlage. Tausende von Platten. Und überall an den Wänden riesige Posters: Keith Richards, Plakate von Stones-Konzerten. Jimi Hendrix. Doors. Sauber aufgehängt, sehr stilvoll, unter Glas. In edlen, poliert silbrigen Rahmen. Doch, der Typ hatte Geschmack. Und das nötige Kleingeld. Rik war eine eindrucksvolle Erscheinung. Mit einer schwarzen Lederhose, weißer Seidenbluse mit weiten Ärmeln. Und jede Menge Indianerschmuck. Silberne Ringe und Armreifen mit dicken Türkisen. Mit seinen dunklen, lockigen Haaren hatte Rik eine frappierende Ähnlichkeit mit Jim Morrison.

Im Angebot hatte er schwarzen, knetbaren Paki und Kaschmir. Wir durften probieren. Erstklassiges Zeug. Kein großes Gerede, schnell wurden wir uns einig. Der Preis war okay, wir zahlten in bar.

Da standen wir nun mit unseren Kilos. Unser Geld hatte für vier Kilos gereicht. Nicht ganz, aber Rik hatte uns großzügig etwas Rabatt gewährt.

Da standen wir nun mit vier Kilo besten schwarzen pakistanischen Haschischs. Mitten in Amsterdam.

Der Vermittler war immer noch dabei. Ganz netter Kerl eigentlich.

– Und? fragte er. Wie kriegt ihr das Zeug jetzt rüber, über die Grenze? Wussten wir nicht.

– Okay, sagte er, ich zeig euch eine Stelle, wo ihr zu Fuß rüber könnt. Für fünfzig Mark zeig ich euch den Weg.

Zu zweit sind wir los mit dem. Die anderen beiden sind im Auto gefahren. Sie wollten uns auf der anderen Seite aufsammeln. Mit dem Typen sind wir in der Bahn zu irgendeinem Kaff gefahren. Dann hat er uns zu einem Waldstück geführt.

– Hier müsst ihr einfach immer geradeaus gehen. Einfach nur geradeaus. Irgendwann seid ihr über die Grenze. Und wenn ihr eine gelbe Telefonzelle seht, seid ihr in Deutschland.

Wir gingen geradeaus in den Wald, wie er es uns gesagt hatte. Aber irgendwie müssen wir uns verlaufen haben. Stundenlang latschten wir durch diesen gottverdammten Wald. Ich hatte das blöde Gefühl, dass wir ständig im Kreis herumliefen. Inzwischen war es dunkel geworden, und wir haben völlig die Orientierung verloren. Und diese verdammten vier Kilo Shit dabei. Uns wurde immer mulmiger, weil wir nicht wussten, wo die Grenze war. Und wo wir waren. Und weil uns jederzeit Zollbeamte über den Weg laufen könnten. Oder Polizei. Dann wären wir am Arsch gewesen. Aber es blieb ruhig.

Endlich sahen wir die Telefonzelle. Sie kam uns vor wie ein Leuchtturm für ein Schiff, das den Kurs verloren hatte. Geschafft. Wir hatten es geschafft. Wir waren drüben. In Deutschland mit vier Kilo Haschisch.

– Hey, wir dachten schon, ihr kommt überhaupt nicht mehr, wir dachten, sie haben euch geschnappt. Was war denn los, Mann?

Dschingis erzählt, dass sie mit dem Auto am regulären Grenzübergang einfach durchgefahren sind:

– War kein Grenzer da. Nicht einer. Wir sind durchgefahren, einfach durch. Und mussten noch nicht mal die Pässe zeigen. Keine Kontrolle. Nichts. Ganz easy. Und Ihr. Wo wart ihr denn so lang?

In Berlin haben wir die vier Kilo relativ schnell unters Volk gebracht. Haschisch fürs Volk. Hat nicht Karl Marx mal so was gesagt? Wir haben das Zeug fünfzig Pfennig billiger verkauft pro Gramm als Peter König. Unser Programm, hahaha. Da war der King stinkig, weil wir ihm das Geschäft vermasselt haben, und sein Monopol baden ging. Aber er konnte nichts machen.

Das Geschäft lief so gut, dass wir weitermachten, die Sache wiederholten, und wir unsere Beziehungen ausweiteten. Wir fuhren regelmäßig nach Amsterdam, kauften ein bei Rik, gewannen Routine beim Grenzübertritt, wurden professionelle Schmuggler, versorgten die Freaks in Berlin. War ja alles noch nett und harmlos zu der Zeit. Keine Mafia, keine Gewalt, keine Waffen, keine Drohungen. Das kam erst später.

Ende

Editorial – “Beliebte Beiträge” / Link-Sammlung

Halbmensch

Berlinische Leben – “Deutschland Deutschland alles ist vorbei” / Ein Hügel voller Narren – Kapitel Zwei / von Marcus Kluge / 1981
Familienportrait – Bunte Kindheit / Fotos aus den Jahren 1955-60
Berlinische Leben – „Halber Mensch“ / Die Poesie des Unfertigen / 9.11.1989
Familienportrait – Sag mir wo die Blumen sind / Die Ballade von Wolfgang und Notburga / 3. und letztes Kapitel / 1961-2014
Berlinische Leben – “Fünfziger Jahre Stadtbummel” / West-Berlin Fotos
Berlinische Leben – “Hinter der grünen Tür” / Ein Hügel voller Narren Kapitel Fünf / von Marcus Kluge / Oktober 1981
Familienportrait – Die Autos meiner Kindheit / 1954-66
 2013-09-05-09-43-44
Berlinische Leben – “Nach Berlin im Schweinejahr” / aus dem Roman “Fleischer” von Volker Hauptvogel / Teil 1 / 1975
Berlinische Leben – “Hauptsache Berlin” / Von H.P. Daniels
Familienportrait – Tante Lotte und Onkel Paul / Ein Preuße, Polizist, Fotograf und sein tragisches Ende (1933-46)
Berlinische Räume – “A Visit To Zensor” / Photographs from the famous record store taken in 1983
Familienportrait – Party Like It’s Nineteen-Fortynine
Berlinische Leben – “Easy Andi Solo Gitarre” / Portrait einer Freundschaft / 1969-1999
Berlinische Räume – “Pestalozzistraße möbliert” / von Cornelia Grosch / 1972-73
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Schnelle Schuhe – „Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke / aus der Reihe: Punk in West-Berlin Teil 4– Illustration: “Halber Mensch” von Rainer Jacob

Berlinische Leben – “Hauptsache Berlin” / Von H.P. Daniels / Reblog

Schlaffi-neu

West-Berlin 1972

Rikki, Richard, nannte sich neuerdings “Riccard” – mit zwei c. Eine Marotte von ihm. Er fand das schick. Auffällig. Was Besonderes. Er sprach das Rickard aus, wie Richard, nur mit k. Sie sagten trotzdem weiter “Rikki”. Und wenn Petty ihn Riccard nannte, dann tat er’s völlig übertrieben … französisch, mit einem leicht ironischen Unterton. Als würde er den Namen mit spitzen Fingern anfassen, ein bisschen tuntig: “Rickaaahr”.

Rikki war der Erste von ihnen. Der Erste in Berlin. Aus dem engeren Zirkel, von der geplanten Wohngemeinschaft. Rikki hatte das Abitur schon vor den anderen, vor dem Rest. Rikki war die Avantgarde. Rikki hatte es auch am eiligsten, er hatte den Einberufungsbefehl schon im Briefkasten. Es war schnell gegangen. Schriftliches Abitur, mündliches Abitur, Einberufungsbefehl. Berlin. Lage sondieren: Universität und Wohnung. Und er sollte eine Fünf-Zimmer-Altbauwohnung besorgen, mindestens fünf Zimmer, besser sechs, für die Kommune, die Wohngemeinschaft. Dass sie alle ein eigenes Zimmer hätten, jeder von ihnen, und vielleicht noch einen Gemeinschaftsraum.

“Fünf- bis Sechzimmerwohnung! Mann, du hast Vorstellungen!” knurrte Rikki, nachdem Petty ihn gefragt hatte, was denn nun sei? “Hast du nach ner großen Wohnung geschaut für uns? Hast du was gefunden?”
“Nee, ne Einzimmerwohnung in Neukölln hab ich!”
“Du hast ja nicht mal geschaut, hast dich nicht mal bemüht!”
“Ach, lass mich in Ruhe!”
Rikki war noch einmal von Berlin zurückgekommen, um seine Klamotten zu holen.

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Rikki erzählte, dass er nach seiner Ankunft in Berlin erstmal zum Tempelhofer Ufer gegangen ist. Zur Wohngemeinschaft der “Ton Steine Scherben”, um zu fragen, ob er ein paar Tage bei ihnen wohnen kann – als alter Anarcho und Ton-Steine-Scherben-Fan aus Frankfurt. Und dass er sie gesehen hätte, damals im Frankfurter Sinkkasten, hat er ihnen erzählt. Als sie nach einem furiosen Konzert die Betreiber des Ladens schwer unter Druck gesetzt haben: Dass die gefälligst noch zweihundert Mark auf die Gage drauflegen sollten … als Spende für die politischen Gefangenen. Oder sie würden ihnen die Bude zu Scherben kloppen. Dass er das toll gefunden hätte. Und wie die Typen vom Sinkkasten dann zornig murrend, aber kleinlaut, bezahlt hätten. Eine Spende für die politischen Gefangenen. Toll! Und dass das doch eine richtig gute und ja auch wirklich gerechtfertigte Aktion gewesen sei. Erzählte Rikki den Scherben. Und dass er schwer angetan sei von ihrer LP “Warum geht es mir so dreckig”. Und ob er jetzt ein paar Tage bei ihnen wohnen könne … bis er eine Wohnung gefunden hätte? Solidarität unter Anarchisten und so … und gemeinsam sind wir stark und so … und keiner wird uns mehr aufhalten können. Uns nicht und die Revolution nicht. Und Venceremos und so.
Die Scherben haben Rikki in ihrer Wohnung am Tempelhofer Ufer auf dem Fußboden schlafen lassen. Aber sie waren reserviert, haben ihn ziemlich unfreundlich behandelt. Sagt er jedenfalls. Ihnen war er verdächtig, wie er da so plötzlich aus dem Nichts bei ihnen aufgetaucht war. “Die haben mich für einen Bullenspitzel gehalten, diese paranoiden Idioten!” Seitdem waren Rikkis Sympathien für Ton Steine Scherben gedämpft.

Er hatte einen Tisch, einen Fernseher, einen Kleiderschrank, eine Couch, eine Reiseschreibmaschine, ein Radio, einen Plattenspieler, zwei Stühle einen Koffer und einige Kisten mit Schallplatten, Zeitschriften, Büchern. Das musste nach Berlin.
“Könnt ihr mir helfen?”
Ricky belud mit Petty und Schlaff einen gemieteten Ford Transit. Inter Rent. Schlaff fuhr, Schlaff, den sie Schlaff genannt hatten, eben weil er genau so war: “schlaff”. Ein großer breiter Teddybär mit hängenden Schultern, hängenden Armen: schlaff. Schlaff fuhr. Rikki hatte keinen Führerschein. Petty erst seit kurzem. So eine große Karre traute er sich noch nicht zu. Also fuhr Schlaff. Der ja immer fuhr. Normalerweise mit seinem weißen R4. Mit dem sie immer mitfuhren. Überall hin. Überall in der Gegend rum. Ohne Schlaff wären sie nirgendwo hingekommen. Ohne Schlaff wären sie aufgeschmissen gewesen. Und Schlaff, so schlaff er sonst war, der große gutmütige Bär mit schlaffem Ausdruck, schlaffer Körperhaltung, fuhr Auto alles andere als schlaff. Dass ihnen manchmal Hören und Sehen verging, wenn er in die unzähligen Taunus-Kurven stach und bretterte. Durchs Lorsbachtal.

“Einen R4 schmeißt du nicht um!” war so eine Redensart. “Schaffst du nicht! Das schaff nicht mal ich!” sagte Schlaff. Er hat ihn auch nie umgeschmissen, seinen weißen R4, wenn es auch manchmal bedrohlich nahe dran war, wenn es gefährlich geschaukelt und gequietscht hat. Nach Berlin ging es ohnehin meistens geradeaus: Autobahn. Schlaff fuhr. Immer geradeaus. Autobahn. Berlin.
“Und was machen wir an der Grenze? Wenn uns die DDR-ler die Karre auseinander nehmen? Wenn die gucken wollen, was wir da hinten drin haben? Wenn die in die Kisten schauen?”
“Weißt du, was, Rikki? Du packst einfach den ganzen Anarcho-Krempel, Ton Steine Scherben, Bakunin, Kroptkin, Stirner, Landauer, Mühsam und das ganze Zeugs, die SDS-Schriften, Kommune 1 und Kommune 2, Dutschke und Biermann … das packst du nach ganz unten in die Kisten. Und oben drauf dann die Gesamtausgabe von Brecht … hast du die überhaupt? Und Lenin “Was tun?” und “Staat und Revolution”. Und Karl Marx: “Das Kapital” … die blauen Bände aus dem Dietz Verlag. Und die ganze Kuba-Literatur von deiner Abiturprüfung. Das alles oben drauf. Und bei den Platten machst du’s genauso. Packst Biermann und Neuss ganz nach unten. Und oben drauf den Degenhardt: “Mutter Mathilde”. Den haben sie doch gerade erst aus der SPD rausgeschmissen, weil er zur Wahl der DKP aufgerufen hat. Und die Arbeiterlieder von Ernst Busch und son Zeug. Auch oben drauf. Am besten noch auf Amiga. Hast du sowas? Da lassen die uns sofort weiterfahren…”
Rikki fand die Idee gut und packte seinen Kisten entsprechend um. Das eine nach unten. Das andere nach oben. Es funktionierte.
“Ham Sie Kinder dabei?”
“Nee!”
“Waffen oder Munition?”
“Nee!”
“Machen Sie mal auf! Was ham sie in den Kisten?”
“Nur Schallplatten und Bücher…”
“Machen Sie mal die Kiste auf!”
Der Grenzposten sieht Blaue Bände … Das Kapital.
“Danke, Sie können weiterfahren!”
“Na, hab ich’s dir gesagt, Rikki?”
“Das blaue Wunder! Und unten drin liegt das ganze Anarcho- und Anti-DDR-Zeug. Sehr lustig!” Sie freuten sich. Rikki und Petty lachten. Schlaff fand diesen ganzen politischen Kram eher ein bisschen “überzogen”.
“Ach, wisst ihr, diese ganze Revolution, das ist eigentlich nicht so mein Ding!”
“Schlaff…!” Rikki sprach seinen Namen streng aus, ermahnte ihn, er solle mal nicht so reaktionär daherquatschen “Die Revolution kommt, Schlaff. Das wirst auch du nicht verhindern. Und diese Revolution wird alles wegfegen. Diese ganzen Spießer- und Kapitalistenschweine, und diesen ganzen miesen, grauen, grauenhaften, verspießerten DDR-Scheißdreck hier. Dieses ganze unfreie Scheißland, wo sie den Sozialismus einmauern müssen. Das ist doch kein Sozialismus. Wenn man den einmauern muss. Das ist doch n Scheißdreck, das will doch keiner haben. Und was ham die hier überhaupt für ne Autobahn? Das ist doch keine Autobahn. Diese elende Rumpelpumpel-Strecke. Das ist doch keine Straße! Du wirst sehen, Schlaff, das wird die Revolution alles wegfegen. Und du wirst es nicht aufhalten, du nicht, Schlaff. Und auch sonst niemand. Und wenn es hart auf hart kommt, wird die Revolution auch dich wegfegen. Wenn du dich dagegenstellst. Denn entweder du bist dann für die Revolution. Oder du bist dagegen. Und dann fegt sie dich halt weg. Alles Schlaffe sowieso.”
Rikki zündete sich eine Reval an.
“Tssi, tssi, tssi” machte Schlaff mit seiner hohen Mädchenstimme.
“Du wirst es sehen!”
Elende Rumpelstrecke durch die DDR. Hundert Stundenkilometer. Mehr ist nicht erlaubt. Schlaff.

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Als sie den ganzen Krempel ausluden, ins Haus reintrugen, Stuttgarter Straße, Neukölln, sahen ihnen zwei Typen von gegenüber zu. Die hingen da im Fenster. Sie winkten. Warum winken die? Meinen die uns? Was wolln die?
“Ey, was machst du denn hier?” Die meinten Petty. Er sah genauer hin. Ein großer Blonder mit einer Motorradlederjacke. Und ein Kleinerer.
“Ey, das is ja n Ding! Was macht ihr denn hier?”
Friedrich Erdmann und Michael Popp aus München.
“Wir wohnen hier!”
Ausgerechnet gegenüber der neuen Wohnung von Pettys Freund Rikki aus Frankfurt wohnen zwei alte Bekannte von Petty aus München. Ja, sie hatten auch nach Berlin gewollt, von München. Das hatten sie ihm mal erzählt. Schon vor längerer Zeit. Und jetzt das: “Jetzt sind sie hier. Und wir sind auch hier. Was für ein Zufall. Alle hier. Iss ja n Ding, Mann! In Berlin kommt alles zusammen.”

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Rikkis neue Wohnung war ein dunkles Loch: ein Zimmer mit Kachelofen, ein kleiner Flur, von dem eine Toilette abging und eine winzige Küche. Ohne Bad. Adresse war eigentlich Sonnenallee, aber man konnte auch von hinten rein, über die Stuttgarter Straße.
“Na, gefällt’s euch?”
“Hmm…”.
Schön, war es nicht, aber das war auch nicht wichtig. Schön war nicht wichtig. Hauptsache Berlin. Und eine eigene Wohnung. Und nicht so teuer. Und weit weg von den Eltern. So weit war Rikki schon mal. Darum beneidete Petty ihn. Und alles, was Rikki brauchte, war jetzt auch da. Seine Klamotten, seine Bücher und die Schallplatten. Und der Fernseher. “Ja, Mann, der ist wichtig! Wegen der Sportschau. Eintracht. Und Tatort…”
Rikki legte keinen besonderen Wert auf Gestaltung. Die Bude war schnell eingerichtet. Auf der Längsseite die Couch, oben drüber: Che Guevara, Fernseher gegenüber auf einer Kiste, das war erstmal am wichtigsten. Sportschau, Eintracht, Tatort. Der Schrank auf der Schmalseite gegenüber vom Fenster. Schlaff bestand darauf, dass sie den so hinrückten, dass zwischen dem großen Kachelofen und dem Schrank gerade so viel Platz bliebe, dass der thronartige Holzstuhl mit der hohen Rückenlehne und den beiden Armlehnen genau dazwischen passte. Exakt zwischen Ofen und Schrank. Das passte. Wie nach Maß. War ja auch nach Maß. Und der massige Schlaff, der Petty optisch immer an Chris Farlowe erinnerte. Rikki fand das auch, spätestens seit dem Konzert von Colosseum in der Frankfurter Messehalle: “Ja, du hast Recht. Der Schlaff sieht aus wie Chris Farlowe. Nur dass er nicht so eine schicke Fransenlederjacke trägt wie der…”
“Aber schlaff ist der Farlowe auch!”
“Ziemlich schlaff!”
Schlaffs Stammplatz in Rikkis neuer Wohnung: Eingeklemmt auf dem großen Holzstuhl, zwischen Kachelofen und Schrank, und davor noch ein Tisch. Dort saß Schlaff jetzt immer. Da fühlte er sich wohl. Geschützt. Geborgen. Heimelig. Wie in einem Versteck. Petty nannte es Schlaffs “Klaustroklause”. Rikki fand das lustig: “Na Schlaff, gehste wieder in deine Klaustroklause?” Sie haben ihn nie woanders sitzen sehen. Die ganzen Tage nicht. Immer nur Klaustroklause. Dort aß er, dort trank er, dort war er zuhause. Schlaff.
“Och, sehr schön hier in meiner Ecke, sehr angenehm!” sagte Schlaff mit seiner ulkig weichen, hohen und betulichen Stimme. “Sehr schön hier, jaja, sehr schön!” Chris Farlowe in der Klaustroklause.
Es sei denn sie gingen raus, verließen Rikkis neue Bude, die Stadt erkunden. Berlin. “Mensch, wir sind in Berlin!” Und es gefiel ihnen. Dieses graue und kaputte Berlin. Die verrotteten Altbauten mit den narbigen Fassaden.
“Mann, guck mal, die Löcher da, ob das noch Einschusslöcher aus dem Krieg sind?” Diese abgeplackten Fassadenstücke. Hier war nichts zu spüren von der Frankfurter Biederkeit, kein modischer Schnickschnack, keine schicken Menschen wie in München, nicht dieses falsche Getue. Kein Geprunke und Geprotze. Kein schicker Scheißdreck. Hier war alles gröber, roher, echter. Und in der Sonne bekamen die kaputten Häuser, das Graue, Verfallene und Verrottete sogar einen besonderen Glanz. Doch, Berlin gefiel ihnen. Jetzt müssten sie es sich nur noch erobern.

– wird fortgesetzt –

Bei „Hauptsache Berlin“ handelt es sich um das dritte Kapitel von H.P. Daniels unveröffentlichem Roman „Nowhere Man“, der mit autobiografischen Reminiszenzen von den 1970er Jahren erzählt. Demnächst folgt hier ein weiteres Kapitel als Vorveröffentlichung und ich hoffe, wir können bald den ganzen Text als Buch oder E-Book lesen. Ich danke H.P. sehr herzlich, ebenfalls danke ich Rainer Jacob, der den Text mit einer Illustration versehen hat und Cornelia Grosch, die Fotos aus dem alten West-Berlin beisteuerte. M.K.

Mehr von H.P. Daniels: https://www.facebook.com/profile.php?id=100000086822391&ref=ts&fref=ts

Cornelia Groschs Mauer-Wander-Blog: http://conyberlin.blog.de/

Rainer Jacobs Website: http://www.rainerjacob.com

 

 

Berlinische Leben – “Nachruf: Alexander Kögler” 8.8.1957 – 30.8.2014 / Directors Cut Version von H.P. Daniels

(Für alle, die nur die kürzere Tagesspiegel-Version kennen, dokumentiere ich die H.P.s eigene Langfassung. M.K.)

Selbst Rockstar werden? Das wäre mit Arbeit verbunden. Wie uncool! 

In der West-Berliner Szene war er der lässigste. Es fehlte ihm nur an Beständigkeit. Seine „15 Minutes of Fame“ dauerten immerhin 16 Monate. So lange betrieb er das „Risiko“.

Zum Schluss bekam er Morphium. Nach schweren Operationen wegen eines Gehirntumors, erst im Krankenhaus, dann in einem Tempelhofer Hospiz. Geschwächt von Hepatitis, Leberzirrhose und neuen Tumoren. Am Ende Morphium. Gegen die Schmerzen, gegen die Angst, gegen das Leben, und dessen letzte Härten. So keuchte sich Alex Kögler aus dem Leben, segelte davon. Sabina war bei ihm, hörte auf seinen röchelnden Koma-Atem, hat sein Verschwinden auf Fotos festgehalten. Als sie ihn selbst nicht mehr festhalten konnte. Im Leben. Als er auch längst schon nicht mehr der Alex war, den sie einst gekannt hatte, mit dem sie etliche Jahre gemeinsam gelebt hatte, frühere Jahre, lange her. Mit Auf und Ab. Und An und Aus.

Äußerlich war Alex kaum mehr wiederzuerkennen, aufgedunsen, zahnlos, weiß- und schütterhaarig. Ein greisenhafter Mann mit 57.

Morphium gegen die finalen Schmerzen. Vorher waren es andere Drogen gewesen. Seine Medizin: Alkohol, Amphetamine, Heroin. Und immer wieder und noch mal: Alkohol. Bis zur Bewusstlosigkeit.

Seine Eltern hatten sich getrennt als er sieben Jahre alt war. Sein Vater, ein bekannter Maler, war fortgegangen aus Berlin, nach Karlsruhe, als Professor an die dortige Kunstakademie. Die Mutter hat Alex in ein Internat am Starnberger See geschickt. Die Schule hat er abgebrochen, und dann – zurück in Berlin – hat er auch eine angefangene Fotografenlehre bald wieder hingeschmissen. Es war die einzige richtige Arbeit, der er je nachgegangen ist. Eine gute Zeit, wie er sich später erinnerte.

Es heißt, dass Süchtige emotional stehen bleiben in dem Lebensjahr, in dem sie der Sucht zum ersten Mal nachgeben. Alex war 15, als er mit dem Heroin anfing. Und er ist sein Leben lang ein kleiner Junge geblieben. Und ein Süchtiger. Der noch als Erwachsener diese weichen, jungenhaften Gesichtszüge trug und vor jedem Spielzeugladen stehen blieb, sich begeistert am Schaufenster die Nase platt drückte, bevor er sich wieder etwas in die Vene drückte.

Weihnachten war er immer bei seiner Mutter. Sie wollte das so, hat seine Gesellschaft erwartet, und er hat sich nie geweigert. Ein Ritual, das eigentlich nicht passte zu seiner Coolness und Antispießerattitüde. Genauso wenig wie bestimmte Redewendungen, die er gerne benutzte: “Ach, wie süß!” oder “Ist das niedlich!”. Ganz ohne Ironie.

Aber sonst war Alex wirklich ein cooler Typ. Auch, oder vielleicht gerade, weil er nicht so rumlief, wie es damals in der harten Berliner Leder- und Nieten-Punkszene üblich war. Als nichtberlinernder Berliner gab er sich als Dandy in feinen Maßanzügen, edlen Hemden und Krawatten, Mänteln aus erlesenen Stoffen und schicken Schals. Farblich alles geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Und weil er ein blendend aussehender Typ war, wie ein Film- oder Rockstar, mit kräftigen dunklen, leicht graumelierten Haaren, wie eine Mischung aus Tony Curtis, Richard Burton, Robert Mitchum und Bryan Ferry, wirkte seine Aufmachung weder lächerlich noch maskiert. Sogar die wildesten Punks fanden ihn cool.

Alex stach heraus aus der Menge. Auch Sabina ist er sofort aufgefallen, als sie ihn das erste Mal sah. Und sie ist ihm aufgefallen. Anfang der 80er Jahre im Café Central am Nollendorfplatz kamen sie ins Gespräch und betranken sich. Es dauerte noch eine Weile – bis sie allen auffielen, als schillernd glamouröses Szene-Paar des Berliner Nacht- und Lebenskünstlerlebens.

So charismatisch er wirkte, so gering war sein Glaube an sich selbst. Heroin half und Alkohol sowieso, bis zur Besinnungslosigkeit.

Neben seiner Passion für den amerikanischen Schriftsteller Jim Thompson und besonders dessen dunklen Roman “The Killer Inside Me”, hatte es ihm die Fernsehserie “Ein Herz und eine Seele” mit Ekel Alfred angetan. Gegensätze im Leben, Gegensätze in den Vorlieben. Er liebte Donald Duck, den ewigen Verlierer, wohingegen er Micky Maus, den altklugen Spießer, nicht ausstehen konnte.

Alex lachte, erzählte lustige Geschichten, zitierte immer wieder Heinz Erhardt, imitierte, improvisierte und betrank sich. Doch vor allem begeisterte er sich für Musik. Für die deutschen Elektroniker von Kraftwerk und Can, die kantige “Deutsch Amerikanische Freundschaft”, die schrägen “Throbbing Gristle”, den knarzigen Captain Beefheart und den smarten Bryan Ferry. Später dann “Frankie Goes To Hollywood”: “Relax, don’t do it” Und Sinead O’Connor: “Nothing Compares To You”. Mit besonderer Vorliebe imitierte Alex die unterschiedlichsten Rockstars, ihre Manierismen, ihre Posen. Sabina fotografierte ihn. Alex Kögler und sein Leben als Gesamtkunstwerk. Sabina dokumentierte. Er liebte die große Illusion des Pop-Lebens. Dass jeder ein Star werden könnte. Vielleicht wäre er selber gerne Rockstar geworden. Doch das wäre mit Arbeit verbunden, und verdammt uncool gewesen. Arbeit war nichts für Kögler, den Dandy, der von regelmäßigen Zuwendungen seiner Mutter lebte, finanziert aus der Erbschaft ihres Vaters, des expressionistischen Malers Arthur Degner.

Ein paar Mal stand er aber doch auf Bühnen. “Die unglaubliche Alex Kögler Band” war wohl mehr Name als eine beständige Band. Mit dem avantgardistischen Musiker Frieder Butzmann und der Gruppe “Wir und das Menschliche e.V.” trat er zwischen anderen schrillen Bands am 4. September 1981 vor 1.400 Zuschauern im Tempodrom auf, beim “Festival Genialer Dilletanten”. Wobei Alex deren Konzept sehr entgegenkam: weil es nicht darum ging, Instrumente oder Musik zu beherrschen, sondern eher um das Unvermögen, das Nicht-Können, das Scheitern, eben das Dilettantische als neuem künstlerischem Ausdruck. Wo die Regeln auf den Kopf gestellt wurden, und es als größere künstlerische Leistung galt, einen Saal leerzuspielen, als beim Publikum anzukommen.

Volltrunken stand Alex auf der Bühne und kreischte markerschütternd: “Ich liebe dich!” Hinter Lärm und Show und Suff eine geradezu rührende Liebeserklärung an Sabina. Aber das war auch schon das Ende von Köglers Musikerkarriere. Um weiterzumachen, hätte er weiter machen müssen, vielleicht ein Instrument spielen, vielleicht singen lernen. Doch das Weitermachen, das Beständige, das Bemühen um etwas, war nicht seine Sache. Fand er langweilig. Spießig. Lieber noch mal etwas ganz anderes machen.

Kögler wurde Kneipier. Nach einer Erbschaft übernahm er das “Risiko” an den Yorckbrücken, eröffnete den Laden neu an Silvester 1984. Eine schmale Bar, die unter Köglers Regie aufblühte zu großer Bekanntheit. Designt von Sabina, kühl und schmucklos, dem damaligen Berliner Zeitgeist der coolen neuen Welle entsprechend, wurde das Risiko für unzählige Musiker, Filmer, Maler, Autoren, Performance-Künstler aller Art zum nächtlichen Wohnzimmer.

Alex Kögler war der charmant unterhaltsamer Gastgeber, um den sich alle scharten, die Großen und die Kleineren der Berliner und der internationalen Szene. Von denen manche Große nicht groß blieben in späteren Jahren, und klein nicht manch Kleine, die irgendwann groß rauskamen. Zu Köglers Gästen gehörten Nick Cave, Wim Wenders, Rainer Fetting, Jim Jarmush, Jeffrey Lee Pierce, Anita Lane, Lydia Lunch, Alan Vega, Christiane F., Bela B. Und Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten war eine der legendären Tresenkräfte im Risiko. Die Bar als Bühne.

Und Alex Kögler war mit allen befreundet, alle mochten seine liebenswürdige, humorvolle und großzügige Art. Im Risiko stand er im Mittelpunkt einer großen Nonstop-Party. Seiner Party. Wo sie alle Drogen konsumierten, Konzerten und Happenings beiwohnten, die hier unregelmäßig auf engstem Raum stattfanden. Wo die wahnwitzigsten Pläne entstanden und wieder verworfen wurden, Kunstprojekte besprochen, Bands gegründet und wieder aufgelöst wurden. Kögler soff mit allen, ließ sie umsonst saufen, nahm Drogen mit allen, und soff und soff. Drogen als Medizin und als Spaßmittel, zur Beflügelung. Zum Abheben.

Im Morgenlicht stolperten sie hintereinander aus der schmalen, stählernen Tür, die zwei Stufen runter auf die Yorckstraße.

Um die organisatorische und geschäftliche Seite seiner Kneipe kümmerte Kögler sich weniger. Manchmal griff er in seine Kneipenkasse, um Drogen zu kaufen. Seine treue und besorgte Tresenbelegschaft – Maria, Chris, Blixa oder Sabina – versteckten gelegentlich die Kasse vor Alex. Dass er das Geld nicht gleich wieder zum nächsten Dealer trug, und dass noch genug da war für die Miete und Getränkelieferungen. Trotzdem gingen noch oft genug die Getränke aus. Und Alex lief zu “Leos Futterkrippe” an der nächsten Ecke, um sich ein paar Paletten Dosenbier auszuleihen. Und wenn die Heizung nicht mehr lief, holten sie einen Kanister Öl von der Tankstelle gegenüber.

Samstags gab es Prügeleien. Wenn Alex angeschlagen am Foto: Sabina van der LindenFoto: Sabina van der Linden

Boden lag und ihm das Blut übers Gesicht lief, hatte er immer noch diese weichen, kindlichen Züge, und trotz Dreck und Blut strahlte er immer noch seine aristokratisch dandyhafte Eleganz aus. Sabina hat es fotografiert. Das Gesamtkunstwerk Alex Kögler. Trinkend, blutend, auf Speed und Heroin. Am Boden.

Seine Warhol’schen “15 Minutes of Fame” dauerten genau 16 Monate. Am 30. April 1986 schloss das Risiko. Köglers Party war vorbei. Mit all den vielen Freunden. Alles war weg – Bier alle, Geld alle, die Gäste, die Freunde weg. Nur das Finanzamt war noch da mit seinen Forderungen. Alex fiel zurück ins Nichts, in die Bedeutungslosigkeit. Ein tiefes Loch. Er erhöhte die Dosis. Immer mehr. Bis es zu viel wurde, er loskommen wollte von Berlin. Und vom Heroin. Und er Anfang der 90er zu seiner Mutter nach Malta zog, wo sie inzwischen einen Großteil der Zeit verbrachte. Alex versuchte einen Heroin-Entzug und entdeckte stattdessen Codein-Pillen, die rezeptfrei in maltesischen Apotheken zu bekommen waren. Mitte der 90er zog er mit Sabina für eine Weile in die Hauptstadt La Valetta. Und war immer auf der Suche nach Apotheken mit seinen Lieblingspillen.

Irgendwann gingen sie von Malta nach Antwerpen. Schon damals war die belgische Hafenstadt Europas härtester Drogenumschlagplatz. Harte Zeiten für den weichen Alex. Sie wohnten in einer Gegend, wo Polizeirazzien an der Tages- und Nachtordnung waren. Sabina hat es fotografiert. Auch wie Alex auf seinen Dealer wartete. Total verloren in Antwerpen. Wo die Unordnung immer mehr um sich griff. Wo die Junkies in Alex’ Wohnung Rohre und Leitungen aus den Wänden rissen, um das Kupfer zu verkaufen – für Heroin. Wo Alex fast gestorben wäre an einer Überdosis. Und ihn Sabina gerade noch einmal festhalten konnte im Leben. Nochmal rausrütteln konnte aus dem Tod, ihn noch einmal zurückholen ins Leben. Wo sie selber fast gestorben wäre vor Angst. Bis er die Augen wieder aufmachte und sie glasig ansah: “Was ist los?”

Irgendwann haben sie sich gestritten. Heftig. Alex hat gesagt, sie soll gehen. Sabina ist nach Berlin gegangen, hat einen Entzug gemacht, ist clean geblieben. Alex war davon nicht zu überzeugen. Er hat sich aufgegeben.

Als seine Mutter starb, zog er in ihr Reihenhäuschen in Tempelhof. Er hat alles so gelassen wie es früher war. Nur die Pflanzen sind vertrocknet, weil er sie nicht mehr gegossen hat. Irgendwann wollte er wieder Sabina besuchen. Er könne bleiben, sagte sie, aber die Flasche, die er dabei hatte, müsse wieder gehen. Da ging auch er.

Zum Schluss war er in einem Methadon-Programm. Doch gab er jetzt ohnehin dem Alkohol den Vorzug vor dem Heroin. Weil der Prozess des Verschwindens länger dauert mit Alkohol, das Hinübergleiten in den Rausch, ins Abtauchen. Die schönste Phase eigentlich. Immer wieder noch ein Schluck aus der Jägermeister-Flasche.

Zum Schluss bekam er Morphium und segelte davon. Sabina war bei ihm und sah ihn plötzlich wieder so wie sie ihn kennengelernt hatte vor 33 Jahren. Jung und schön.

H.P. Daniels

“LOST – Last Morning Of Risiko” – Film von Uli M. Schueppel, 1986: https://www.youtube.com/watch?v=kltw0YyRHAY

Bei dem Beitragsbild handelt es sich um einen Screen-Shot aus Roland Klicks Film “White Star” von 1983, in dem Alex eine kleine Rolle spielte.

http://www.imdb.com/title/tt0086578/

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