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Illustrierte Lesung: „Passbilder“ – Ein Jahrhundert Berlin in Wort und Bild

Im Periplaneta Literaturcafé* am 15. April um 20 Uhr, der Eintritt ist frei.

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Der Autor und Blogger Marcus Kluge liest aus seinen autobiografischen Romanen und Familiengeschichten. Er schlägt einen Bogen zwischen dem Jahr 1910, in dem seine Großmutter nach Berlin kam, um als Hausmädchen zu arbeiten, und der heutigen Hauptstadt der Berliner Republik. Ihn interessiert das Leben der einfachen Leute und wie die große Politik Einfluss auf sie nimmt.

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Im seinem ersten Roman, „Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll“, schildert er den West-Berliner Underground der 70er Jahre. Der zweite Roman, „Ein Hügel voller Narren“, führt den Leser ins von Hausbesetzungen polarisierte Berlin des Jahres 1981.

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Der Illustrator und Artdirector Rainer Jacob zeigt zur Lesung historische Fotos und eigene Zeichnungen.

– Es begann zu Ostern im Jahr 2013. Das Wetter war schlecht und ich hatte einen seltenen Anfall von Langeweile. Einer Eingebung folgend ging ich in den Keller und holte einen Karton mit alten Fotos und Papieren hoch. Ich versenkte mich in die Geschichte meiner Familie und war fasziniert.
Meine Mutter hatte mir viel erzählt, andere Verwandte auch, doch die „Aktenlage” gab einiges her, über das nie gesprochen wurde.

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Die Fotos, die einen Zeitraum von 1910 bis heute abdecken, halfen auch oft meiner Erinnerung auf die Sprünge. Ich schreibe nicht als Journalist oder als Familienchronist, eher als Geschichtenerzähler. Sicher ist auch etwas Sehnsucht nach dem alten Berlin beteiligt, in dem natürlich nicht alles besser war. Doch heute, 2016, ist auch die letzte Brache bebaut, jeder Kiez mit einer auswechselbaren Mall versorgt und jeder Freiraum zum Zwecke des Gelderwerbs vernichtet. Es fehlt mir mein altes Berlin, heute mehr denn je. – M.K.

Blog: https://marcuskluge.wordpress.com/

* Periplaneta Literaturcafé, Bornholmer Straße 81a, 10439 Berlin
Tel.: 03044673433  Internet: http://www.periplaneta.com/about/cafe/

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Berlinische Leben – “Helden” / Ein Hügel voller Narren Kapitel Sieben / von Marcus Kluge

David Bowie has left the building. Now he rocks another stage. We’ll never forget him.

Die erste Nachricht, die ich heute morgen wahrnahm, war der Tod von David Bowie. Traurig, fast schmerzhaft ist der Verlust. Ich war früh Fan von ihm, habe aber erst Jahre später verstanden, wieviel Tiefgang und Bedeutung seine Kunstfiguren hatten. Er war weit mehr als ein Musiker. Eher ein Konzeptartist, der Musik, Kostüm, Bühnenpräsenz, Film und sogar die Selbstpromotion zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen konnte.

Zur Erinnerung an ihn reblogge ich das Helden-Kapitel aus “Ein Hügel voller Narren”.

-(Was bisher geschah: Oktober 1981. Roberto kommt nach zwei Jahren Knast in Kanada zurück in ein ihm fremdes West-Berlin. Die Stadt ist polarisiert, auf der einen Seite stehen Politik, Polizei und Spießbürger, auf der anderen Hausbesetzer, Punks und ihre Unterstützer. Mit Klaus-Jürgen Rattay ist bereits ein Hausbesetzer getötet worden. Roberto versteckt sich in meinem Büro, er hat Schulden bei ein paar Gangstern. Roberto glaubt seinen Freund Ari gesehen zu haben, doch Ari soll sich umgebracht haben. Ich versuche mich als Autor und habe einen Psychiater konsultiert, weil ich unter Panikattacken und Schreibhemmungen leide. Der Arzt, Professor Philippus, behandelt auch einen geheimnisvollen Mann, der sein Gedächtnis verloren hat. Wer ist dieser August Deter?)

Es war relativ lange warm gewesen und der Herbst ließ sich Zeit. Doch dann waren die Blätter innerhalb weniger Tage braun geworden und gefallen. Morgens war es empfindlich kühl und das leidige Heizen des Kohleofens begann. Das auch viele andere noch Kohleöfen hatten, merkte ich an meinem Asthma, die schmutzige Braunkohle, die zumeist verheizt wurde, nahm mir wie jeden Herbst die Luft weg. Das hatte angefangen, als ich ein kleines Kind war und war seitdem nicht besser geworden.
Von der Rattay-Sache hörte man in den offiziellen Medien wenig, nachdem der Versuch Rattay zum Kriminellen hochzustilisieren gescheitert war, versuchte man den Todesfall nun totzuschweigen. Es hatte sich ein unabhängiger Untersuchungsausschuss gebildet und es zeigte sich, dass viele Zeugen gesehen hatten, wie der Busfahrer in voller Absicht auf Rattay losgefahren war. Trotzdem schien nichts zu passieren, von den über 60 Zeugen vernahm die Polizei nur wenige. Es würde im Sande verlaufen, dafür würden, der nach außen weltoffen und liberal wirkende Bürgermeister von Weizäcker und sein Haudrauf-Innensenator Lummer schon sorgen. Polizei und Justiz waren in West-Berlin nicht unabhängig, dazu war der Filz zu dicht und zu weitreichend.
Das es in Deutschland auch noch eine außerparlamentarische Opposition gab, zeigte die Friedensdemo in Bonn. 300 000 Menschen waren in die kleine provisorische Hauptstadt am Rhein gekommen, um gegen die weitere Aufrüstung mit Massenvernichtungswaffen zu demonstrieren.
Roberto wohnte immer noch in meinem Büro, er verdiente viel Geld mit windigen Ost-West-Geschäften, die Pistaziengang hielt still und ich schob das Schreiben Tag für Tag vor mir her, bis Rittlin anrief und Druck machte.

Ich spannte einen jungfräulichen Bogen Papier in die Schreibmaschine und begann nachzudenken. Welchen der drei Filme sollte ich mir zuerst vornehmen? “Die Kinder vom Bahnhof Zoo”, “Mephisto” oder “Das Kabinett des Dorktor Caligari”? Der erste war schwierig, weil ich das Buch nicht mochte und der letzte war einfach, weil ich Dr. Caligari liebte und gut kannte. Am besten ich finge mit Mephisto an, das war mittelschwierig. Ich suchte nach einer Überschrift. “Der verbotene Roman von Klaus Mann endlich verfilmt”. Ich schaute mir mein Werk an und stellte fest: viel zu lang für eine Überschrift. Ich riss den Bogen aus der Maschine, zerknüllte ihn und warf ihn in den Papierkorb. Der Papierball fiel daneben, weil der Papierkorb voll war, meine Katze begann danach zu jagen. Fasziniert betrachtete ich Pünktchen und begann mir ihr zu spielen. Nach fünf Minuten fiel mir ein, das ich arbeiten wollte. Ich spannte erneut einen frischen Bogen ein und dachte nach.
Es fiel mir jetzt gar nichts mehr ein, mein Hirn war wie leergefegt. Ich dachte an die Ratschläge, die ich in verschiedenen Büchern gefunden hatte. “Schaffen sie sich Rituale!”. Genau, ich kochte Kaffee, drehte eine Zigarette, für Filterzigaretten fehlte mir das Geld und dann legte ich noch eine Tüte Bonbons neben die Schreibmaschine.
Ich trank den Kaffee, rauchte, lutschte Bonbons, aber nichts passierte in meinem Kopf. Gar nichts. Vielleicht hilft ein Ablenkungsmanöver? Ich fing an in der Schreibtischschublade zu kramen. Ich las alte Kontoauszüge, Rechnungen, Lohnsteuerkarten, die ich nicht benutzt hatte. Immer noch nichts. Dann fiel mir Uschis Zettel in die Hand. Ich rief sie kurzerhand an.
“Hallo, der Marcus hier, erinnerst du dich?”
“Ja, klar. Gut das du anrufst. Also, ich hab die Sache nochmal durchdacht und mit meiner Freundin Gudrun drüber geredet. Du hattest schon recht und so.”
Ich war skeptisch: “Was meinst du denn mit, und SO?”
“Na, für dich musste das ja so aussehen, als ob ich dich über den Tisch ziehen wollte.”
“Eher ja übers Bett ziehen und ja, der Gedanke kam mir. Willst du unbedingt ein Kind und ist dir egal, wer der Vater ist?”
“Das stimmt wohl, ich will ein Kind und der Vater spielt nicht so eine große Rolle, außer das er gutaussehend und intelligent sein soll.”
“Und das bin ich, ja?”, langsam macht mir das Gespräch Spaß.
“Ja, das bist du offensichtlich. Also, es tut mir Leid, wenn du dich benutzt fühltst. Als Wiedergutmachung wollte ich dich auf eine Party einladen, die wir am Wochenende hier geben.”
“Wo ist denn hier? Ich fahr nicht in alle Bezirke. Ich hoffe du wohnst in einem ordentlichen Bezirk!”, natürlich verarschte ich sie, das hatte sie verdient.
“Ich weiß nicht, Neukölln?”
“Oh je, das wird wohl nichts. Neukölln!”
Ich zierte mich ein bißchen und lies mich einladen. Danach klappte es endlich auch mit dem Schreiben. Ich kam gut voran. Mephisto fiel mir leicht, ich hatte das Gefühl es wäre “knackig”. Caligari war auch kein Problem. Ich las nochmal in der Filmliteratur nach, lobte die Athmosphäre, die expressionistische Gestaltung, ich verkaufte einen cineastischen Leckerbissen. Dann kamen “Die Kinder vom Bahnhof Zoo”. Ich hatte den Kolportage-Roman immer verabscheut. Seine Gossen-Romantik machte Heroin für Teenager noch verführerischer, dachte ich. Außerdem hätte ich es lieber gesehen, wenn Roland Klick den Film mit Laien aus der Drogenszene gedreht hätte. Er war ja auf dem besten Weg dazu. Doch sein politischer Ansatz gefiel den Produzenten nicht und das Tag und Nacht Junkies in den Produktionsräumen herumhingen, oder sogar dort wohnten, gefiel ihnen noch weniger. Klick wurde ausgebootet und Uli Edel machte einen glatten, kommerziellen Streifen daraus. Ich drückte mich ziemlich vorsichtig aus, trotzdem konnte ich meine Kritik nicht verschweigen. Mit dem Ergebnis war ich zufrieden. Die drei Texte trippte ich nochmal sauber ab. Mitten im Mephisto klopfte es an meine Tür. Ein Postbote fragte mich:
“Kennen sie einen Marcus?”
Ich nickte und zeigte auf mich selbst. Der Bote fragte weiter:
“Wohnt hier ein Robert Oderberger?”
Ich wollte die Tür schon zuknallen, als mir bewusst wurde, das er Roberto meinte:
“Ja, das ist richtig.”
Der Bote schaute mich schief an, schien nachzudenken, dann gab er mir ein Telegramm. “An Robert Oderberger c/o Marcus ?, Rheinstraße 14, 1 Berlin 41.”
“dein vater liegt im albrecht-achilles-kh stop wenn du ihn nochmal sehen willst solltest du dich beeilen stop mutter stop”
Das war heftig, als ob Roberto nicht schon genug um die Ohren hatte, jetzt auch das noch. Ich ging zu REAL, kaufte sechs Dosen Hansa-Pils, zu mehr reichte mein Geld nicht und begann auf Roberto zu warten.

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(Berlin Wall Potsdamer Platz November 1975 looking east. CC BY-SA 2.0 Edward Valachovic)

Währenddessen in der Praxis von Professor Amon Philippus in der Uhlandstraße. Der Professor war etwas ratlos, was seinen neuen Patienten betraf. Er wurde nicht schlau aus diesem August Deter, schon der Name war mysteriös.
Und seine Aussage in der Gruppe, er hätte sozusagen sich selbst verloren, kam ihm auch seltsam bekannt vor. Als ob sich jemand diese Figur ausgedacht hätte? Irgendetwas störte ihn bei Deter, für das die Sonnenbrille nur ein Symbol war, sollte er möglicherweise eine Gegenübertragung entwickeln? Deter war ein Rätsel. Eine so weitgehende, retrograde Amnesie war zudem äußerst selten. Trotzdem blieb er seinen Grundsätzen treu und glaubte dem Patienten erst einmal. Aber er musste unbedingt mehr erfahren, vielleicht war dieser Deter der eine besondere Patient, an dem er Philippus, einen völlig neuen Aspekt der Psychiatrie erkennen und studieren könnte, um sich damit in die Annalen der Wissenschaft einzuschreiben. Professor Philippus war zwar ein anerkannter Fachmann, beispielsweise auf dem Gebiet der Traumabehandlung, er hatte einen Lehrstuhl, doch die große internationale Anerkennung war ihm bisher versagt geblieben. Er hatte wohl auch zu wenig veröffentlicht.
Wieder trug Deter die Pilotenbrille, aber diesmal braucht der Professor nichts zu sagen, nachdem Deter Platz genommen hatte, steckte dieser seine Augengläser in die Seitentasche seiner Lederjacke. Arzt und Patient saßen sich nun entspannt gegenüber und Philippus ergriff das Wort:
“Wie geht es ihnen heute, Herr Deter?”
“Eigentlich ganz gut. Es gibt Momente, da fühle ich mich, als ob ich hier in Berlin Urlaub machen würde. Vorhin saß ich im Café Kranzler, wie ein Tourist trank ich eine Weiße und dachte, das Leben sei gar nicht so schlecht. Aber gleich kam dann erneut die Frage, wer ich eigentlich bin und was ich hier verloren habe.”
“Wieso sind sie denn nach Berlin gekommen?”
“Ich hatte so ein Gefühl, hier würde ich mehr über mich erfahren und
einen Freund treffen. Außerdem hatte ich einen Zettel in der Tasche, das einzige was man nach dem Unfall bei mir gefunden hat. Auf dem Zettel stand die Adresse einer Pension in Berlin. Da wohne ich jetzt. Pension Birth in der Rankestraße.”
“Haben sie diesen Mägdelein-Zettel dabei?”, fragte der Doktor.
Deter griff in seine Brieftasche und reichte Philippus einen kleinen, schmuddligen Zettel. Darauf stand mit Bleistift in Druckbuchstaben nur der Name und die Adresse der Pension Birth. “Birth”, das englische Wort für Geburt, merkwürdig, dachte Philippus. Doch dann riss er sich von diesem Gedanken fort und gab den Zettel zurück.
“Und einem Unfall ist ihr Gedächtnis verloren gegangen.”, stellt Philippus fest.
Deter nickte und erläuterte:
“Ja, aber ich kann mich kaum erinnern, auch die Zeit in der Klinik liegt zum Teil im Dunkeln. Wegen der Kopfverletzung hat man mich erstmal in eine künstliches Koma versetzt. Als sie mich wieder weckten, war ich immer noch sehr benommen. Man hatte mir den Kopf rasiert und ich hatte Pflaster auf der Schädeldecke. Zweimal am Tag kam ein Krankenpfleger und brachte mich in einen Behandlungsraum. Ich bekam eine Spritze, schlief ein und wurde ich in so einer merkwürdigen Maschine behandelt, die “Sieger-Maschine”, nannten sie die. Da habe ich Elekroschocks bekommen. Aber die Chefärztin meinte sie hätte diese Therapie weiterentwickelt, indem bestimmte Hirnregionen durch Elektroden angeregt werden, zum Beispiel der Hippo …, irgendwas mit Hippo?”
“Hippocampus wahrscheinlich. Die Region sieht ein wenig wie Seepferdchen aus, daher die Bezeichnung. Der Hippocampus ist für die Gedächtniskonsolidierung zuständig.”
“Die Chefärztin räumte ein, das dabei das Mittel- und Langzeit-Gedächtnis geschädigt würde, aber statt dessen würden 100-fach neue Bahnungen gebildet. Das sei in meinem Fall unbedingt nötig, damit ich nicht weiter vergesslich bleibe.”
Professor Philippus schüttelte mit dem Kopf: “Das ist eine absolut experimentelle Behandlungsweise, wobei der Terminus Behandlungsweise auch zu bezweifeln ist. Eigentlich wird die Elektrokonvulsionstherapie seit Mitte der 70er Jahre in Europa gar nicht mehr angewendet. Weniger wegen ihrer gewalthaften Natur, viele Patienten haben ja Angst davor und das ist nie gut bei einer Therapie, sondern weil sie keine sichtbaren Erfolge zeitigt. Eine höchst seltsame Klinik, in die sie da geraten sind. Wie heißt den diese Kollegin, die da Chefärztin ist?”
“Ihr Name ist Hölderlein, Doktor Viktoria Hölderlein. Sie meinte, ich hätte ein schweres Trauma erlebt und es wäre nur gut, wenn ich die Erinnerung daran verlieren würde. Sie schwärmte geradezu von ihrer Erfindung. Es wäre, als sein ein Menschheitstraum wahr geworden. Man könne, unbelastet von einer Biografie, die von Verletzung und Erfolglosigkeit geprägt war, ganz neu starten. Als ich in der Klinik war, hörte sich das für mich plausibel und tröstlich an. Vielleicht lag das aber daran, dass sie mir Medikamente gegeben haben, die meine Laune verbessert haben. Die meiste Zeit schwebte ich dort, wie auf rosa Wölkchen, keine Ahnung, was die mir gegeben haben. Die Hölderlein nannte ihre Maschine “Sieger-Maschine”, weil jeder Patient danach wie ein Sieger durchs Leben gehen würde, meinte sie. Im Nachhinein kommt mir dieses Gerede ziemlich verrückt vor, so als ob die Frau selber in eine Klapsmühle gehörte.”

Philippus untersuchte Deters Kopf und fand tatsächlich kleine Narben:
“Das ist ja eine wilde Geschichte. Sie haben nicht Schriftliches von dieser Institution?”
“Ich kann mir vorstellen, wie sich das für sie anhört. Wahrscheinlich glauben sie, ich hätte mir das ausgedacht. Manchmal glaube ich das selber. Weil alles in einem grauen Nebel verschwimmt, wenn ich etwas festhalten will. Aber das Schlimmste ist, ich habe das Gefühl ein furchtbares Verbrechen begangen zu haben.”
“Was war das denn für ein Verbrechen, Herr Deter?”
“Eine Art Anschlag auf Menschen, eine Bombe glaube ich und irgendwie bin ich mit schuld daran. Es kommen mir jetzt auch öfter Erinnerungen hoch. Eigentlich hatte ich gehofft, dass das passiert. Nun habe ich eher Angst davor, weil ich fürchte, ich könnte eine böse Wahrheit über mich erfahren.”
“Lieber Herr Deter, ich fürchte man hat ihnen in dieser Klinik in verantwortungsloser Weise in ihrem Hirn herumgepfuscht. Hoffentlich fällt ihnen noch mehr dazu ein, dann muss man diese sogenannten Kollegen anzeigen. Und sonst werden wir mit ihren Erinnerungen arbeiten, sie brauchen da nicht allein durchzugehen. Neben mir haben sie ja auch noch die Gruppe. Außerdem werde ich ihnen angstlösendes Medikament aufschreiben und zusätzlich noch “Prager Wasser”, das regt das Gedächtnis an.”
Nein, er hatte keine Vorurteile gegen diesen Patienten, dachte der Doktor. Der Mann tat ihm ehrlich leid und er würde ihm helfen und herausbekommen, was hinter dieser rätselhaften Geschichte steckte.

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(David Bowie Meistersaal Hansa-Tonstudios 1977 CC BY-SA 3.0)

Um 18 Uhr war Roberto immer noch nicht zurück. Ich machte das Radio an und hörte SF-Beat. Juliane Bartel moderierte, meine Lieblingsstimme im Radio. Bei ihr hatten selbst die Versprecher Klasse. Einmal hatte sie, als sie Off-Kudamm-Kinos sagen wollte, “Off-Keydamm-Kunos” daraus gemacht. Der Ausdruck war für mich zum geflügelten Wort geworden. Ich bezeichnete damit West-Berlin-Touristen, die mit dem Stadtplan in der Hand durch die Nebenschauplätze der “Frontstadt” irrten, und dabei einen ängstlichen und verwirrten Eindruck machten.
Juliane Bartel schlug, mithilfe des Stichworts “Helden”, einen Bogen von der Friedensdemonstration vor ein paar Tagen im Bonner Hofgarten, zum Film “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”. Sie teilte meine Meinung, der Streifen wäre spannender geworden, wenn Klick ihn mit Laien gemacht hätte. Aber auch das den entstandenen Streifen von Uli Edel lobte sie. Irrte ich mich in meinem Urteil? War ich voreingenommen? Immerhin hatte ich den Film nicht gesehen. Ach was, ein Vorurteil war auch ein Standpunkt! Ich ging in die Küche, holte mir ein neues Bier und drehte eine Zigarette. Jetzt spielten sie “Heroes” von Bowie, die englische Fassung.

“And we kissed,
as though nothing could fall
And the shame was on the other side
Oh we can beat them, for ever and ever
Then we could be Heroes,
just for one day.”

Bowie hatte das Stück im Sommer 77 im Berliner Hansa-Studio aufgenommen. Wenn man vom Mischpult aus aus dem Fenster blickte, konnte man die Mauer und einen Wachturm sehen. Im Schatten der Mauer traf sich regelmäßig ein Liebespaar, daher hatte Bowie die Idee zu “Helden”.
Ich hatte Bowie nur einmal gesehen in seiner Berliner Zeit. Es war morgens um halb fünf in einem Klub in Charlottenburg, der DNC hieß, Damaschke-Nachtclub. Der Laden war fast leer, ich hatte es nicht geschafft rechtzeitig zu gehen, ich hatte Liebeskummer und zuviel getrunken. Bowie kam in einem Trench-Coat mit hochgestelltem Kragen herein, er marschierte zielstrebig auf den Bartender zu. Ich musste daran denken, das Trench-Coats “Grabenmäntel” hießen, weil sie ursprünglich in den Schützengräben der ersten Weltkriegs getragen wurden. Bowie fragte etwas, der Barmann zeigte auf den Billardraum. Dort konnte ich beobachten wie Bowie mit einem Langhaarigen etwas austauschte, Geld gegen Koks nahm ich an. Das der Musiker in Berlin ein orgiastisches Leben führte, hatten mir Freunde erzählt. Und morgens um fünf geht man nicht los um Downer oder Grass zu kaufen, nur Koks machte Sinn, zum weiterfeiern oder irgendeinen Termin am Morgen abzuarbeiten, ohne dass man geschlafen hatte. Ich folgte Bowie nach draußen und sah noch, wie er in ein wartendes Taxi stieg, während ich mich aufmachte zur Haltestelle des Vierer-Nachtbusses zu laufen.

Es klopfte an meine Tür in der Rheinstraße, ich ließ meinen Freund ein. Roberto begann sofort mir eine Anekdote von Puvogel zu erzählen und ich hatte Schwierigkeiten ihn zu stoppen, um ihm die Nachricht über seinen Vater zu übermitteln. Dann las er das Telegramm von seiner Mutter, ich merkte ihm keinerlei Rührung an. Ich bot ihm einen Stuhl an und holte ein Bier für ihn. Er saß da, stumm und irgendwie verloren, ich fragte ihn:
“Soll ich mitkommen, Roberto?”
Er nickte. Nachdem wir eine Zigarette gemeinsam geraucht hatten, ging er hinüber ins Büro und zog sich seinen hellblauen Anzug an, sogar eine Krawatte hatte er umgebunden. Sie war weinrot, mit einem gelben Charly Brown darauf. Eine halbe Stunde später saßen wir im Taxi, im Gegensatz zu mir hatte er, seit er für Puvogel Konterbande transportierte, immer Geld in der Tasche. Beim Pförtner fragten wir nach dem Zimmer von Herrn Oderberger, der Uniformierte teilte uns mit, dass die Besuchszeit gleich vorbei sei, schließlich verriet er uns aber doch, wo wir hinmussten. Vor dem Krankenzimmer stand Robertos bleiche, übermüdet aussehende Mutter. Caro, Robertos Schwester war beim Vater und wir beschlossen, dass Roberto und ich sie ablösten. Robertos Vater sah alt aus, viel älter als Anfang 70, das Gesicht ähnelte bereits einem Totenschädel und seine Stimme war schwach und brüchig. Der Krebs hatte seine Reserven aufgezehrt und das Terrain für Bruder Hein vorbereitet. Er schien sich sehr über Robertos Besuch zu freuen und mich begrüsste er auch sehr freundlich, ich war ja oft in der kleinen Wohnung in der Pfalzburger Straße gewesen, als wir einen Übungsraum im Keller unter dem Uhrenladen hatten. Roberto setzte sich auf die Bettkante und ich ein paar Meter weiter auf einen Stuhl. Der andere alte Mann, der noch in dem Zimmer lag, schlief.
“Ich schätze es geht nicht mehr lange mit mir und würde dir gern noch was sagen, bevor ich hier verschwinde. Dein Freund kann ruhig mithören.”
Roberto unterbrach seinen Vater:
“Sollest du dich nicht lieber schonen, Papa.”
Der Vater schüttelte den Kopf:
“Nee, das muss jetzt sein. Ich habe dir das nie gesagt, Robert, oder wegen meiner, Roberto, wenn dir das lieber ist. Aber ich war immer stolz auf dich. Als du in Indien deine Pension aufgebaut hast, vielleicht war das kein großes Geschäft, eher sowas wie mein Uhrenladen, doch du hast das allein geschafft und ich fand das toll.”
Robertos Vater machte eine Pause. Ich holte ein Glas Wasser, Roberto gab ihm zu trinken:
“Papa, das strengt dich doch zu sehr an, das kannst du mir später noch sagen.”
“Nein, nein, das muss ich jetzt sagen. Glaub mir, ich weiß das. Eins noch, die Leica. Ich hätte sie damals Legrand abschwatzen sollen, aber ich konnte nicht. Sie ist wertvoll. Wertvoller als Legrand weiß. Caro und du hättet einen besseren Start ins Leben gehabt, es war ein Fehler, es tut mir leid.”
Er musste eine Pause machen, das Sprechen strengte ihn sehr an, doch er war nicht davon abzuhalten, weiter zu sprechen:
“Du weißt ja dass ich in der Berliner Ghetto-Gruppe war, 1943 hat mich die Gestapo festgenommen und sie haben mich sechs Wochen im Keller der Prinz-Albrecht-Straße eingepfercht. Ein SS-Offizier hatte meine Leica für sich behalten. Ich dachte ich sehe sie nie wieder. Na ja, du kannst dir vorstellen, was die Gestapo mit mir gemacht hat. Ich war fast froh, als ich in ein Lager gekommen bin. Dort habe ich eben jenen Offizier wiedergetroffen. Das Lager war in der Nähe von Pressburg und der Offizier, er hieß Altmann, hat mir befohlen mit der Kamera das Lagerleben zu dokumentieren. Es war schlimm, das Schlimmste, was ich je machen musste. Heute denke ich, es wäre besser gewesen, mich umbringen zu lassen. Aber ich habe an meinem Leben gehangen, deshalb habe ich diese Arbeit gemacht und deshalb wollte ich die Leica nicht zurückhaben. Ich hätte sie am liebsten gar nicht mehr angefasst.”
Herr Oderberger zeigte auf den Nachttisch, Roberto griff hinein und holte einen Umschlag heraus. Es war ein alter DIN-A5 Umschlag aus gräulich-verblichenem Natronpapier.
“Den sollst du haben, Roberto, da steht drin, was ich erlebt habe. Eigentlich gehört die Leica Caro und dir und …”
Er beugte sich vor und flüsterte:
“Es keine normale Schraub-Leica III, es ist eine Leica IV, ein Apparat, der nie in Serie gegangen ist. Es gab nur wenige Prototypen. Wahrscheinlich ist es die einzige, die es noch gibt. Sie ist sehr, sehr wertvoll.”
Oderberger war am Ende seiner Kräfte, er sagte nun nichts mehr. Roberto küsste ihn auf die Stirn und hielt seine Hand. Ich verlies das Krankenzimmer ohne mich zu verabschieden und wartete auf dem Flur. Eine halbe Stunde später kam Roberto heraus und nickte. Sein Vater war gestorben. Wir sprachen noch kurz mit Caro und Robertos Mutter, aber ich habe keine Ahnung, was dabei gesagt wurde. Mir war, als hätte mir jemand mit einem Brett auf den Kopf geschlagen. Ich fühlte mich heillos überfordert, Frau Oderberger fragte mich, ob ich den Toten noch einmal sehen möchte, ich schüttelte nur den Kopf. Wie mochte sich Roberto fühlen, wenn schon ich so durch den Wind war? Wir schafften es uns zu verabschieden und als wir vor dem Eingang der Klinik gierig Luft einsogen, fiel unser Blick fast synchron nach rechts, wo 50 Meter weiter, am Kudamm der Athenergrill lag. Wir nickten uns zu und stolperten in Richtung Athenergrill los.
Ohne ein Wort zu sprechen liefen wir auf den Getränke-Tresen zu. Kurz bevor wir ihn erreichten, fiel mir ein, das wir ja erst an der Kasse vorn bezahlen mussten. Dieses System war unumgänglich, die Tresenkräfte zapften erst dann Bier, wenn man ihnen einen Bon vorlegte. Roberto übernahm das Zahlen und bestellte Bier und Ouzo, weil es keine doppelten Ouzos gab, eben vier kleine. Mit unseren Getränken setzten wir uns in die letzte hinterste Ecke.
Ich musste an Beaky denken, unseren gemeinsamen Schulfreund, der 1973 an einer Überdosis Heroin gestorben war. Mit ihm hatte ich auch hier gesessen. Wir sprachen kurz über Beaky und sein kurzes, heftiges Leben. Aber ein anderes Thema stand im Raum und begehrte Aufmerksamkeit. Schließlich holte Roberto den Natronpapier-Umschlag heraus:
“Sag mal, Marcus, könntest du mir einen Gefallen tun? Ich glaube, ich kann das jetzt nicht lesen, vielleicht später einmal, aber jetzt nicht. Könntest du das lesen und mir später irgendwie schonungsvoll beibringen, was drinsteht?”
Ich nahm den Umschlag aus seiner Hand und sagte:
“Ja, klar, kann ich machen.”, obwohl ich gar keine Lust hatte, mich diesem Kapitel der deutschen Geschichte auf so intime Weise zu nähern. Ich griff in den Umschlag und holte ein Heftchen im Format DIN A6 heraus. Aus dem Heftchen fielen ein paar winzige Fotos, auf denen Menschen in gestreiften Häftlingsanzügen zu sehen waren, die so dünn waren, dass es schwerfiel zu sagen, ob es Männer oder Frauen waren.
Ich steckte alles schnell wieder in den Umschlag und dann in meine Jackentasche. Dann stand ich auf, klopfte Roberto auf die Schulter und sagte:
“Ich hol mal noch zwei Ouzo.”

– wird fortgesetzt –

Hansa-Tonstudios: http://de.wikipedia.org/wiki/Hansa-Tonstudios

Bowie in Berlin: http://de.wikipedia.org/wiki/David_Bowie#Die_Berliner_Zeit

Illu: Rainer Jacob

Trailer Film “Chistiane F.”: https://www.youtube.com/watch?v=kgAfjw3Op5Q

Schnelle Schuhe – „Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke / aus der Reihe: Punk in West-Berlin Teil 4

Meinen kleinen Rückblick zum 2. Geburtstag des Blogs, beende ich mit einer Zeitreise ins Jahr 1977, als sich im Punk House am Lehniner Platz die West-Berliner Punkszene konstituierte. Meiner Freundin Cordula Lippke bin ich für diese unterhaltsam-authentische Zeitstudie sehr dankbar, zumal ich selbst erst später in diese Szene kam. Ich lernte Cordula beim Zensor kennen, für den sie arbeitete und dadurch quasi automatisch die West-Berliner Musiker und hier gastierende Künstler kennenlernte. Zu gern würde ich deshalb eine Fortsetzung von Cordulas Text lesen und ich weiß, dass es vielen Lesern ebenso geht. Sie wird auch kommen, die Fortsetzung, da bin ich sicher. Aber wie ich gestern feststellte, manches kann man nicht erzwingen: “You Can’t Hurry Love” und auch das Schöpferische ist eigensinnig, es kommt wenn es da ist. Aber erst einmal: Vorhang auf für einen Besuch im West-Berlin der 70er Jahre. M.K.

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Für meinen Sohn, der gerade 19 ist und seine Jugend an der XBox verschwendet.

1977 kam ich nach Berlin um Kunst zu studieren, eigentlich: Visuelle Kommunikation, der eben erst eingerichtete FB 4 der Hochschule der Künste (die seit 2002 Universität der Künste heißt). Meine Eltern hatten es für mich vorbereitet. Ich war schon zur Aufnahmeprüfung nach Berlin gereist, aus Bad Gandersheim, wo ich gerade mein Abitur bestanden und bei der Zeugnisausgabefeier meinen ersten Vollrausch erlebt hatte.

Berlin war mein Sehnsuchtsort aus vielen Gründen. Auch dieses Lied, das ich aus einem alten deutschen Spielfilm kannte, schwingt da mit:
“Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin … Da
gehörst du hin”* [„Der eiserne Gustav“ 1958].
Kurz zuvor war ich noch Bowie Fan gewesen. Bowie hatte mir zuerst meine Schwester im gemeinsamen Kinderzimmer vorgespielt: “There’s a starman waiting in the sky …” Das hatten wir 1972 im Chor gesungen.

1971 besuchten wir als Familie Berlin. Wir waren mit dem Flugzeug in Tempelhof gelandet, im Zoo und in Ost-Berlin gewesen und konnten einem Selbstmörder beim Nichtspringen vom Europa-Center zuschauen.
Ich hatte die Nase voll von den irritierten Blicken der Kleinstädter und Kurgäste, wenn meine roten oder blauschwarzen Haare, meine schrille selbstgeschneiderte Kleidung (eine Hommage an meine Oma Alwine, die immer alles selbst genäht hatte), ihr Weltbild störten. Im Frühjahr hatte ich die Aufnahmeprüfung an der HdK bestanden und war zum Studienbeginn mit Sack und Pack nach Berlin gezogen.

September 1977. In der Hochschule der Künste, im Konzertsaal, spielte Iggy Pop – das war mir wichtig! Er war ein Freund von David Bowie (wie wenig ich davon wusste, dass die Beiden kurz zuvor in Berlin gelebt hatten, wurde mir erst in diesem Jahr, 2014, in der grossen Bowie-Ausstellung bewusst). Ich bin allein zum Konzert gegangen, kannte ja noch Keinen in der großen Stadt, die ja noch eine halbe Stadt war und doch die größte Westdeutschlands, strictly West-Berlin.
Meine erste eigene Wohnung war eine recht teure möblierte Ein-Zimmer-Butze mit Aussenklo und ohne Bad in Neukölln (U-Bahnhof Grenzallee). Das war damals verbreitet in West-Berlin. Ich hatte mich bald daran gewöhnt ins Stadtbad zu gehen, um in einer der Kabinen ein Wannenbad zu nehmen. War auch gar nicht teuer.
Ja, ich war froh, von meiner Familie weg zu sein. “Das Dasein ist okay, aber Wegsein ist okayer!”, singt Funny van Dannen heute in mein Ohr. Die Familie hatte sich bald nach meinem Weggang aufgelöst (hinterrücks).
Bei mir in Berlin war Ausgehen angesagt, das war ja in Bad Gandersheim so gut wie unmöglich gewesen. Ich liess mich hierhin und dorthin treiben, was die Stadtmagazine eben so ankündigten (die taz war noch nicht gegründet, das zitty gerade erst) – ein Landei von 19 Jahren, auf der Suche nach dem Glück – und lernte viele seltsame Menschen kennen. Heute staune ich, dass mir trotz meiner grenzenlosen Naivität und Unerfahrenheit nicht mehr passiert ist als dieser Typ, den ich eigentlich meinen ersten Freund nennen müsste, wenn es nicht so peinlich wäre. Er hieß Harald und war heroin-abhängig, was mich als Fan von “The Velvet Underground” wahrscheinlich eher neugierig als vorsichtig machte, hatte ich doch bisher nur in Songtexten von dieser Droge gehört. Und das war Kunst, oder? Meine Drogen waren (und sind) Kaffee und Zigaretten. Selbst vom Alkohol wurde mir eher noch übel. Dieser Typ also hatte wunderbare lange blonde Locken und einen niedlichen süddeutschen Akzent. Die Hippiediskotheken, in die er mich ausführte, waren nicht ganz mein Geschmack. Ich hatte schon im Radio Punkmusik gehört (Niedersachsen war Einzugsgebiet vom BFBS, British Forces Broadcasting Service, wo auch John Peel sendete).
Eine neue Bekanntschaft empfand mein geringschätziges Naserümpfen über die üblichen Kneipen als Herausforderung und zeigte mir den neuesten Schuppen am Lehniner Platz: das Punk House. Von diesem Tag an war ich dort Stammgast, fuhr jeden Abend (das Nachtleben begann damals noch vor Mitternacht) mit dem 29er Bus vom Hermannplatz den Kudamm rauf. Ich hatte meine neue Heimat und viele Freunde gefunden, die zusammen mit mir das Punk-Sein in Deutschland gerade erst entwickelten. So kam es mir vor. Das war mein Ding. “Don’t know what I want but I know how to get it”. Jeder konnte so sein wie er wollte. Keine Vorschriften, keine Vorurteile. Nur Hippie durfte man nicht sein. Klar, dass ich mich von Harald trennen musste. Zum Abschied klaute er mir die paar Wertgegenstände, die mein möbliertes Zimmer hergab. Schmerzlich vermisste ich nur die Spiegelreflexkamera. Ich hatte meine erste Großstadtlektion gelernt, seitdem war ich Heroin-Usern gegenüber misstrauisch. Eine neue Kamera sollte ich erst drei Jahre später wieder bekommen, als mein irischer Freund mir eine aus einem Fotogeschäft klaute.

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Aber das alles war jetzt nicht wichtig. Genauso wenig wie mein Studium. Das Nachtleben hatte mich voll im Griff und es war absolut erfüllend. “The Talking Heads” und viele andere Bands spielten live im Punk House, wo die Bühne nur ein abgeteiltes Stück Tanzfläche war, Auge in Auge mit den Fans, manche Musiker blieben hinterher noch ein Weilchen da. Wildes Pogo tanzen, sich vor Begeisterung gegenseitig mit Bier überschütten und ab und zu am Flipper austoben, solche Sachen waren jetzt wichtig. Ich lernte dort Nina Hagen kennen und schüttelte Rio Reiser die Hand.
Wie lange gab es das Punk House? Ich weiss es nicht. [Wolfgang Müller in „Subkultur Westberlin 1979-1989“ erzählt davon: „Im Sommer 1977 eröffnet das Funkhouse am Kurfürstendamm. Westberlin – Funky Town? Ein kapitaler Flop. Das Lokal läuft schlecht. Der Inhaber erkennt die Zeichen der Zeit. Eine kleine Buchstabenauswechslung hat große Folgen: Aus dem Funkhouse wird das Punkhouse. Und dieses Punkhouse entwickelt sich nun zum ersten Treffpunkt einer gerade erst im Entstehen begriffenen Westberliner Punkszene.“ ] Wenn ich die Vielfalt der Erlebnisse und der Konzerte dort addiere, komme ich auf gefühlte zehn Jahre. Es war aber wohl nur etwas mehr als ein Jahr.

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Das Silvester zum Jahr 1978 erlebte ich schon mit meiner ersten Band, “DinA4”, die Mädchenband ohne Auftritte, aber mit Proberaum, den uns Blixa Bargeld in einem Keller in der Sponholzstrasse, Friedenau, besorgt hatte. Wir hatten uns im Punk House an der Theke kennengelernt und zusammengetan, Birgit, Barbara, Gudrun und ich. Wir entschieden uns für unsere Instrumente nach Gutdünken und Laune, denn Können war kein Kriterium. Silvester feierten wir in Gudruns Schöneberger Wohnung mit vielen Freunden und einem genialen Buffet voller Speisen, die mit Lebensmittelfarbe ihren ursprünglichen Charakter verlieren sollten: grüne Buletten, blauer Vanillepudding, sowas alles. Dazu mein erster LSD-Trip, eher unspektakulär.
Für mich war und ist Silvester allein schon ein Trip und dieses Feuerwerk über dem Wartburgplatz war einfach großartig. Ein paar Hippies waren auch da (aus Flensburg und Köln oder so), sie waren Musiker und hatten uns damit Einiges voraus. Sie waren okay, obwohl wir uns als Punks gern von den Hippies abgrenzten. Sie verhalfen uns später, als “Din A Testbild”, immerhin zum ersten richtigen Auftritt: 13. August 1978, Mauergeburtstag. Süße sechzehn Jahre Mauer wurden mit einer Torte gefeiert, die die
Berliner Punkband “PVC” von der Bühne herunter verteilte. Lecker! Ich glaube, es war schon eine gewisse Dankbarkeit für diesen Schutzwall vorhanden, der uns das besondere, zulagengeförderte, wehrdienstbefreite, West-Berliner Punkleben ermöglichte.

Beim Mauerfestival 1978 lernten wir die Düsseldorfer/Solinger Szene kennen. Musiker übernachteten bei uns und diese neuen Verbindungen brachten schöne Transitreisen mit sich. Wir spielten und tanzten im Ratinger Hof und in Hamburg. Ich erinnere mich heute nicht gut an die Einzelheiten. Liebesdinge spielten eine Rolle, Drogen natürlich und das, was wir definitiv nicht Rock’n’Roll nannten.
Zu der Zeit war ich bereits länger beim Plattenladen Zensor quasi “angestellt” um die Buchhaltung zu machen. Das brachte es mit sich, dass ich in Berlin alle Konzerte, die mich irgendwie interessierten, umsonst besuchen konnte. Ich bin gerade dabei eine Liste zu erstellen und die Länge, die Menge haut mich selbst um. Da wundert es mich nicht mehr, dass ich bald mein Studium geschmisssen habe. Das Leben war doch zu schön. Ich wollte es mir nicht von obskuren Aufgaben verderben lassen, die keinen Spaß machten und deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Inzwischen wohnte ich auch in der Wartburgstrasse (Schöneberg), Parterre. Die Küche war schwarz lackiert, das Schlafzimmer bonbonfarben und das Wohnzimmer grün und blau, wie ich es heute noch schön finde. Der Vermieter regte sich fürchterlich auf und schrieb Briefe an meine Eltern und meine Hochschule. Das amüsierte mich. Es gab ein Klo in der Wohnung! Zum Baden ins Stadtbad gehen war kein Problem. Ein Problem war der Kohleofen, der sich meinen Heizkünsten fast immer verweigerte. Als ich, zu Silvester 1978/79, vom Weihnachtsbesuch bei der Familie in Westdeutschland zurückkam, hatte ich Glatteis im Flur. Es war der legendäre Schneewinter, (in Schneewehen steckengebliebene Züge, ausgefallene Heizung, Fahrgäste, die miteinander die letzten Rotweinreserven teilten). Ich kroch mit dicken Wollpullovern unter die Bettdecke. Die Silvesterparty im Übungsraum konnte ich eh nicht mehr erreichen. Am nächsten Tag erfuhr ich, wer alles in welche Ecke gekotzt hatte.

Der Zensor war ganz in der Nähe, Belziger Str. 23. Burkhardt freute sich, dass ich mich mit seiner elenden Zettelwirtschaft und den Anforderungen des Steuerberaters beschäftigen wollte. Ich wollte einfach nur ein bisschen Geld verdienen und mochte es, zwischen den Schallplatten (hatte doch selbst schon eine ansehnliche Sammlung zu Hause in den Obstkisten) und ihren Liebhabern zu arbeiten. Die vorderen Ladenräume gehörten dem Blue Moon, einem Rockabilly-Klamottenladen.

– wird fortgesetzt –

*”Du bist verrückt
Mein Kind
Du musst nach Berlin!
Wo die Verrückten sind

Da gehörst du hin!

Du bist verrückt
Mein Kind

Du musst nach Plötzensee.
Wo die Verrückten sind
Am grünen Strand der Spree!”

Berliner Volkslied. Die Melodie ist ein Marsch aus der selten gespielten und ersten abendfüllenden Operette “Fatinitza” (1876) von Franz von Suppé. Der Marsch ist im Libretto nicht textiert, die Worte hat der Berliner Volksmund hinzugefügt.

“Schnelle Schuhe” – Punk-Seite aktualisiert

Auch der vierte Teil der Serie “Landei, aufgeschlagen” von Cordula Lippke ist bei den Lesern sehr erfolgreich gewesen und wird fortgesetzt. Auch dieser Beitrag ist jetzt über die Punk-Seite “Schnelle Schuhe”, oben links im Kopf des Blogs zu erreichen.

Oder gleich hier:

http://wp.me/P3UMZB-Ye

Rätsel – Auflösung und Gewinner

Es war wohl doch ziemlich schwierig, trotzdem haben vier Einsender alle sechs Personen richtig ermittelt und sich für die Gewinne qualifiziert. Erstmal die richtigen Antworten:

1: Nante

Das Berliner Original mit dem Hang zu Kümmel und Butterstulle ist natürlich der Eckensteher Nante.

http://de.wikipedia.org/wiki/Eckensteher_Nante

2: Suzanne_Valadon_-_Self-Portrait_-_Google_Art_Project

Die Malerin, die selbst einen berühmten Maler zum Sohn hatte, ist Suzanne Valadon. Ihr Sohn Maurice Utrillo, aber der war ja nicht gefragt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Suzanne_Valadon

3: Rimbaud

Der frühreife und früh verstorbene Dichter ist Arthur Rimbaud.

http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Rimbaud

4: John Cage gilt mit seinen mehr als 250 Kompositionen als einer einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.

http://de.wikipedia.org/wiki/John_Cage

5: 800px-Valeska_Gert_-_Mutter_Erde_fec

Die Skandal erregende Tänzerin ist Valeska Gert. Der Wunsch in einem roten Sarg beerdigt zu werden, konnte ihr nicht erfüllt werden. Stattdessen umhüllten ihre Anhänger den schwarzen Sarg mit einem rotem Tuch.

http://de.wikipedia.org/wiki/Valeska_Gert

6:640px-Patti_Smith

Die gesuchte “godmother of punk” ist Patti Smith. Der Fotograf, mit dem sie zusammen war: Robert Mapplethorpe.

http://en.wikipedia.org/wiki/Patti_Smith

Das wertvolle Mini-Album von den “Goldenen Vampiren” hat

Jeanette Chong gewonnen.

Die Doppel-LP der Band Mutter geht an:

Andrea Zimmermann.

Außerdem richtig waren die Einsendungen von:

Hcl Bazic

und Gabriele Fester.

Illustration oben: Selbstbildnis von Suzanne Valadon 1898.

 

Schnelle Schuhe – „Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke / aus der Reihe: Punk in West-Berlin Teil 4

Für meinen Sohn, der gerade 19 ist und seine Jugend an der XBox verschwendet.

1977 kam ich nach Berlin um Kunst zu studieren, eigentlich: Visuelle Kommunikation, der eben erst eingerichtete FB 4 der Hochschule der Künste (die seit 2002 Universität der Künste heißt). Meine Eltern hatten es für mich vorbereitet. Ich war schon zur Aufnahmeprüfung nach Berlin gereist, aus Bad Gandersheim, wo ich gerade mein Abitur bestanden und bei der Zeugnisausgabefeier meinen ersten Vollrausch erlebt hatte.

Berlin war mein Sehnsuchtsort aus vielen Gründen. Auch dieses Lied, das ich aus einem alten deutschen Spielfilm kannte, schwingt da mit:
“Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin … Da
gehörst du hin”* [„Der eiserne Gustav“ 1958].
Kurz zuvor war ich noch Bowie Fan gewesen. Bowie hatte mir zuerst meine Schwester im gemeinsamen Kinderzimmer vorgespielt: “There’s a starman waiting in the sky …” Das hatten wir 1972 im Chor gesungen.

1971 besuchten wir als Familie Berlin. Wir waren mit dem Flugzeug in Tempelhof gelandet, im Zoo und in Ost-Berlin gewesen und konnten einem Selbstmörder beim Nichtspringen vom Europa-Center zuschauen.
Ich hatte die Nase voll von den irritierten Blicken der Kleinstädter und Kurgäste, wenn meine roten oder blauschwarzen Haare, meine schrille selbstgeschneiderte Kleidung (eine Hommage an meine Oma Alwine, die immer alles selbst genäht hatte), ihr Weltbild störten. Im Frühjahr hatte ich die Aufnahmeprüfung an der HdK bestanden und war zum Studienbeginn mit Sack und Pack nach Berlin gezogen.

September 1977. In der Hochschule der Künste, im Konzertsaal, spielte Iggy Pop – das war mir wichtig! Er war ein Freund von David Bowie (wie wenig ich davon wusste, dass die Beiden kurz zuvor in Berlin gelebt hatten, wurde mir erst in diesem Jahr, 2014, in der grossen Bowie-Ausstellung bewusst). Ich bin allein zum Konzert gegangen, kannte ja noch Keinen in der großen Stadt, die ja noch eine halbe Stadt war und doch die größte Westdeutschlands, strictly West-Berlin.
Meine erste eigene Wohnung war eine recht teure möblierte Ein-Zimmer-Butze mit Aussenklo und ohne Bad in Neukölln (U-Bahnhof Grenzallee). Das war damals verbreitet in West-Berlin. Ich hatte mich bald daran gewöhnt ins Stadtbad zu gehen, um in einer der Kabinen ein Wannenbad zu nehmen. War auch gar nicht teuer.
Ja, ich war froh, von meiner Familie weg zu sein. “Das Dasein ist okay, aber Wegsein ist okayer!”, singt Funny van Dannen heute in mein Ohr. Die Familie hatte sich bald nach meinem Weggang aufgelöst (hinterrücks).
Bei mir in Berlin war Ausgehen angesagt, das war ja in Bad Gandersheim so gut wie unmöglich gewesen. Ich liess mich hierhin und dorthin treiben, was die Stadtmagazine eben so ankündigten (die taz war noch nicht gegründet, das zitty gerade erst) – ein Landei von 19 Jahren, auf der Suche nach dem Glück – und lernte viele seltsame Menschen kennen. Heute staune ich, dass mir trotz meiner grenzenlosen Naivität und Unerfahrenheit nicht mehr passiert ist als dieser Typ, den ich eigentlich meinen ersten Freund nennen müsste, wenn es nicht so peinlich wäre. Er hieß Harald und war heroin-abhängig, was mich als Fan von “The Velvet Underground” wahrscheinlich eher neugierig als vorsichtig machte, hatte ich doch bisher nur in Songtexten von dieser Droge gehört. Und das war Kunst, oder? Meine Drogen waren (und sind) Kaffee und Zigaretten. Selbst vom Alkohol wurde mir eher noch übel. Dieser Typ also hatte wunderbare lange blonde Locken und einen niedlichen süddeutschen Akzent. Die Hippiediskotheken, in die er mich ausführte, waren nicht ganz mein Geschmack. Ich hatte schon im Radio Punkmusik gehört (Niedersachsen war Einzugsgebiet vom BFBS, British Forces Broadcasting Service, wo auch John Peel sendete).
Eine neue Bekanntschaft empfand mein geringschätziges Naserümpfen über die üblichen Kneipen als Herausforderung und zeigte mir den neuesten Schuppen am Lehniner Platz: das Punk House. Von diesem Tag an war ich dort Stammgast, fuhr jeden Abend (das Nachtleben begann damals noch vor Mitternacht) mit dem 29er Bus vom Hermannplatz den Kudamm rauf. Ich hatte meine neue Heimat und viele Freunde gefunden, die zusammen mit mir das Punk-Sein in Deutschland gerade erst entwickelten. So kam es mir vor. Das war mein Ding. “Don’t know what I want but I know how to get it”. Jeder konnte so sein wie er wollte. Keine Vorschriften, keine Vorurteile. Nur Hippie durfte man nicht sein. Klar, dass ich mich von Harald trennen musste. Zum Abschied klaute er mir die paar Wertgegenstände, die mein möbliertes Zimmer hergab. Schmerzlich vermisste ich nur die Spiegelreflexkamera. Ich hatte meine erste Großstadtlektion gelernt, seitdem war ich Heroin-Usern gegenüber misstrauisch. Eine neue Kamera sollte ich erst drei Jahre später wieder bekommen, als mein irischer Freund mir eine aus einem Fotogeschäft klaute.

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Aber das alles war jetzt nicht wichtig. Genauso wenig wie mein Studium. Das Nachtleben hatte mich voll im Griff und es war absolut erfüllend. “The Talking Heads” und viele andere Bands spielten live im Punk House, wo die Bühne nur ein abgeteiltes Stück Tanzfläche war, Auge in Auge mit den Fans, manche Musiker blieben hinterher noch ein Weilchen da. Wildes Pogo tanzen, sich vor Begeisterung gegenseitig mit Bier überschütten und ab und zu am Flipper austoben, solche Sachen waren jetzt wichtig. Ich lernte dort Nina Hagen kennen und schüttelte Rio Reiser die Hand.
Wie lange gab es das Punk House? Ich weiss es nicht. [Wolfgang Müller in „Subkultur Westberlin 1979-1989“ erzählt davon: „Im Sommer 1977 eröffnet das Funkhouse am Kurfürstendamm. Westberlin – Funky Town? Ein kapitaler Flop. Das Lokal läuft schlecht. Der Inhaber erkennt die Zeichen der Zeit. Eine kleine Buchstabenauswechslung hat große Folgen: Aus dem Funkhouse wird das Punkhouse. Und dieses Punkhouse entwickelt sich nun zum ersten Treffpunkt einer gerade erst im Entstehen begriffenen Westberliner Punkszene.“ ] Wenn ich die Vielfalt der Erlebnisse und der Konzerte dort addiere, komme ich auf gefühlte zehn Jahre. Es war aber wohl nur etwas mehr als ein Jahr.

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Das Silvester zum Jahr 1978 erlebte ich schon mit meiner ersten Band, “DinA4”, die Mädchenband ohne Auftritte, aber mit Proberaum, den uns Blixa Bargeld in einem Keller in der Sponholzstrasse, Friedenau, besorgt hatte. Wir hatten uns im Punk House an der Theke kennengelernt und zusammengetan, Birgit, Barbara, Gudrun und ich. Wir entschieden uns für unsere Instrumente nach Gutdünken und Laune, denn Können war kein Kriterium. Silvester feierten wir in Gudruns Schöneberger Wohnung mit vielen Freunden und einem genialen Buffet voller Speisen, die mit Lebensmittelfarbe ihren ursprünglichen Charakter verlieren sollten: grüne Buletten, blauer Vanillepudding, sowas alles. Dazu mein erster LSD-Trip, eher unspektakulär.
Für mich war und ist Silvester allein schon ein Trip und dieses Feuerwerk über dem Wartburgplatz war einfach großartig. Ein paar Hippies waren auch da (aus Flensburg und Köln oder so), sie waren Musiker und hatten uns damit Einiges voraus. Sie waren okay, obwohl wir uns als Punks gern von den Hippies abgrenzten. Sie verhalfen uns später, als “Din A Testbild”, immerhin zum ersten richtigen Auftritt: 13. August 1978, Mauergeburtstag. Süße sechzehn Jahre Mauer wurden mit einer Torte gefeiert, die die
Berliner Punkband “PVC” von der Bühne herunter verteilte. Lecker! Ich glaube, es war schon eine gewisse Dankbarkeit für diesen Schutzwall vorhanden, der uns das besondere, zulagengeförderte, wehrdienstbefreite, West-Berliner Punkleben ermöglichte.

Beim Mauerfestival 1978 lernten wir die Düsseldorfer/Solinger Szene kennen. Musiker übernachteten bei uns und diese neuen Verbindungen brachten schöne Transitreisen mit sich. Wir spielten und tanzten im Ratinger Hof und in Hamburg. Ich erinnere mich heute nicht gut an die Einzelheiten. Liebesdinge spielten eine Rolle, Drogen natürlich und das, was wir definitiv nicht Rock’n’Roll nannten.
Zu der Zeit war ich bereits länger beim Plattenladen Zensor quasi “angestellt” um die Buchhaltung zu machen. Das brachte es mit sich, dass ich in Berlin alle Konzerte, die mich irgendwie interessierten, umsonst besuchen konnte. Ich bin gerade dabei eine Liste zu erstellen und die Länge, die Menge haut mich selbst um. Da wundert es mich nicht mehr, dass ich bald mein Studium geschmisssen habe. Das Leben war doch zu schön. Ich wollte es mir nicht von obskuren Aufgaben verderben lassen, die keinen Spaß machten und deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Inzwischen wohnte ich auch in der Wartburgstrasse (Schöneberg), Parterre. Die Küche war schwarz lackiert, das Schlafzimmer bonbonfarben und das Wohnzimmer grün und blau, wie ich es heute noch schön finde. Der Vermieter regte sich fürchterlich auf und schrieb Briefe an meine Eltern und meine Hochschule. Das amüsierte mich. Es gab ein Klo in der Wohnung! Zum Baden ins Stadtbad gehen war kein Problem. Ein Problem war der Kohleofen, der sich meinen Heizkünsten fast immer verweigerte. Als ich, zu Silvester 1978/79, vom Weihnachtsbesuch bei der Familie in Westdeutschland zurückkam, hatte ich Glatteis im Flur. Es war der legendäre Schneewinter, (in Schneewehen steckengebliebene Züge, ausgefallene Heizung, Fahrgäste, die miteinander die letzten Rotweinreserven teilten). Ich kroch mit dicken Wollpullovern unter die Bettdecke. Die Silvesterparty im Übungsraum konnte ich eh nicht mehr erreichen. Am nächsten Tag erfuhr ich, wer alles in welche Ecke gekotzt hatte.

Der Zensor war ganz in der Nähe, Belziger Str. 23. Burkhardt freute sich, dass ich mich mit seiner elenden Zettelwirtschaft und den Anforderungen des Steuerberaters beschäftigen wollte. Ich wollte einfach nur ein bisschen Geld verdienen und mochte es, zwischen den Schallplatten (hatte doch selbst schon eine ansehnliche Sammlung zu Hause in den Obstkisten) und ihren Liebhabern zu arbeiten. Die vorderen Ladenräume gehörten dem Blue Moon, einem Rockabilly-Klamottenladen.

– wird fortgesetzt –

*”Du bist verrückt
Mein Kind
Du musst nach Berlin!
Wo die Verrückten sind

Da gehörst du hin!

Du bist verrückt
Mein Kind

Du musst nach Plötzensee.
Wo die Verrückten sind
Am grünen Strand der Spree!”

Berliner Volkslied. Die Melodie ist ein Marsch aus der selten gespielten und ersten abendfüllenden Operette “Fatinitza” (1876) von Franz von Suppé. Der Marsch ist im Libretto nicht textiert, die Worte hat der Berliner Volksmund hinzugefügt.

Berlinische Leben – “Hinter der grünen Tür” / Ein Hügel voller Narren Kapitel Fünf / von Marcus Kluge / Oktober 1981

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Roberto hatte noch etwas Schwierigkeiten mit dem Bentley. Die Renn-Grün lackierte Limousine war zwar eine Augenweide, doch die Gangschaltung war hakelig und ohne Servolenkung war das Einparken Maßarbeit. Aber sein Chef schien darüber hinwegzusehen, überhaupt war der Antiquitätenhändler ein leutseliger Typ:
“Sehen sie dort, Roberto, die nächste Auffahrt müssen sie nehmen. Das ist das Lager der grenzüberschreitenden Okkassionen.” Er gab eine Art Glucksen von sich. Roberto war zunächst als Fahrer bei ihm beschäftigt, aber es sollte “mehr” werden und das “mehr” würde lukrativ sein.
Roberto und sein Chef betraten ein marodes Fabrikgebäude. Ihr eigener Aufzug stand in Kontrast zu dem alten Bauwerk. Roberto trug ein schickes weißes Rüschenhemd und sein Chef ein marineblaues Klubsacco. Der ältere Herr mit dem Bäuchlein hatte ein Tuch von Hermes um den Hals und er stützte sich auf einen Gehstock mit Silberknauf.

Sie fuhren im Lastenaufzug in den vierten Stock und betraten, durch eine grün gestrichene Stahltür, eine Fabriketage, die vollgestopft mit Antiquitäten war. Die unterschiedlichsten Gegenstände waren hier versammelt, Schränke, Sitzmöbel, Lampen, Emailleschilder und Gemälde machten das Gros aus. Es waren sogar einige Altarbilder und Kreuze dabei. An jedem Stück hing eine diskrete Karte mit einer Datierung, einer Nummer und einer Summe, für die man das Teil erwerben konnte. Roberto fragte neugierig: “Wo kommen die Sachen denn her?”
Sein Chef hatte nur darauf gewartet ein Stichwort zu bekommen und begann zu referieren: “Das sind alles Stücke von unseren Brüdern und Schwestern aus der DDR. Genauer gesagt von meinem alten Kollegen Schelm, der damit Valuta für den Realsozialismus eintreibt.”
Roberto unterbrach ihn: “Ich habe mal gehört, das gar keine Antiquitäten aus der DDR ausgeführt werden dürfen?”
“Licet iovi non licet bovi, sagten die Lateiner zurecht. Also was dem Jupiter erlaubt ist, darf der Ochse noch lange nicht. Will sagen, die Bonzen dürfen das, gemeines Volk natürlich nicht. Und das Angebot hier ist zwar alles andere als offiziell, aber es ist von ganz oben abgesegnet, eben weil unsere Brüder und Schwestern so chronisch pleite sich, was Valuta angeht. Die DDR muss ja gewisse Dinge auf dem Weltmarkt oder beim Klassenfeind kaufen. Bestimmte Rohstoffe, hochwertige Technik, die sie selbst nicht hinkriegen, oder ganz schlicht Rohkaffee. Die hätten doch sehr schnell eine révolte ihres geliebten Proletariats am Hals, wenn sie ihr Volk auf Kaffee-Entzug setzen würden. Um diese Preziosen zu bezahlen brauchen sie Valuta, harte Devisen. Ihre blauen Karl Marx Portraits sind ja wertlos und deshalb bringen einmal in der Woche Lastwagen diese antiquités zum umrubeln nach West-Berlin.”
Roberto kapierte schnell: “Also sie verkaufen ihr Tafelsilber in der selbständigen politischen Einheit Westberlin.”, wobei er die offizielle Floskel der Ost-Medien für West-Berlin benutzte.
“Genau, Roberto, das Tafelsilber. Wobei so ein 18 Millionen Volk eine Menge Besteck hat. Alles was aus Nachlässen und bei politischen Gegnern abfällt, ganz zu schweigen von den Kirchen und den Archiven der Museen, ist alles volkseigen, ha ha. Aber nun lassen sie uns arbeiten.”
Roberto holte einen Notizblock und Stift hervor und begann die Nummern aufzuschreiben, die sein Chef ihm diktierte. Dann verschwand der Ältere in einem Büro, wo das Geschäftliche abgewickelt wurde. Anschließend musste Roberto einige Gemälde in den Bentley bringen, sein Chef selbst trug eine “Anna selbdritt”, ein Altarbild, das die heilige Anna, ihre Tochter Maria und ein grinsendes Jesuskindlein zeigte, in das er sich verguckt hatte: “Frühes 16. Jahrhundert, das gibt richtig Penunze!” Offensichtlich schätzte er nicht nur die künstlerische Darstellung, sondern auch den schnöden Mammon, den er damit verdienen würde. Der Rest des Einkaufs, die Möbel und die großformatigen Bilder würden direkt in die Schlüterstraße geliefert werden, es war eben ein Geschäft unter Freunden, das nach Treu und Glauben abgewickelt wurde. Roberto lernte auch, diese Fabriketage stand nicht etwa jedem West-Berliner Händler offen, sondern nur einem kleinen Kreis von Eingeschworenen. Den es sollte auf keinen Fall publik werden, wie die DDR hier ihre Devisenbeschaffung betrieb. So wurde Roberto auch ein Schwur abgenommen, über das was er hinter der grünen Tür gesehen hatte, Stillschweigen zu bewahren.

Im Gegensatz zu mir war Roberto, trotz seines Veilchens, bester Laune: “Ich habe einen tollen neuen Job. Antiquitäten im grenzüberschreitenden Verkehr. Da ist richtig Knete drin.”
Ich war immer noch etwas verwirrt und ängstlich nach meinem Panikanfall am Nachmittag. Mich nicht mehr auf den eigenen Beinen halten zu können, stellte eine beunruhigende, neue Dimension dar und ich befürchtete eine weitere Verschlimmerung. Trotzdem freute ich mich über mein erfolgreiches Bewerbungsgespräch: “Ich habe auch einen neuen Job, ich schreibe als Copywriter für eine Werbeagentur. Über Filme! Ich hoffe nur, ich begreife noch, was mein neuer Chef Rittlin mit knackig meint. Aber sag mal grenzüberschreitend, das hört sich nach Schmuggel an. Vielleicht solltest du die Finger von solchen Geschichten lassen, du bist doch auf Bewährung, oder?”
“Nee, ist alles amtlich, pass auf. Ich hab doch da diesen Antiquitätenhändler kennengelernt, toller Typ, schon älter, war früher Agent. Der kennt aus seiner Agentenzeit einen “Schelm-Dombrowski” oder so. Der ist jetzt ein hohes Tier in der DDR und für Devisenbeschaffung zuständig. Schelm-Dombrowski verscherbelt wertvolles Zeug an meinen Chef im Westen, der es hier in seiner Galerie in der Schlüterstraße teuer verkaufen kann und alle verdienen klotzig dabei.”
Bei Agent und Schlüterstraße kam mir ein Verdacht: “Sag mal, heißt der Typ etwa Puvogel?”
“Ja, genau, woher weißt du das?”
Auf die Gefahr den Miesepeter zu spielen, klärte ich meinen Freund auf: “Oh je, der Mann hat eine üble Rolle beim Tod eines alten Schulfreundes gespielt. Pass bloß auf, der ist pervers, der arbeitet mit K.O.-Tropfen und allen möglichen dirty tricks.”
“Aber der ist total nett.”
Ich zeigte auf sein blaues Auge und fragte: “Wie bist du denn mit den Arabern verblieben? Müssen wir hier mit Überfällen rechnen?”
“Nee, keine Panik. Die bekommen jede Woche einen Riesen von mir, dann halten die still.”
“Viertausend Mark im Monat ist ganz schön happig.”
“Doch das klappt. 2000 bekomme ich für jeden Transport aus Ost-Berlin.”
Ich gab auf, wenn Roberto unbedingt solche Risiken eingehen wollte, konnte ich ihn nicht zur Vorsicht zwingen. Er müsste seine Erfahrungen selbst machen, auch wenn die schmerzhaft waren. Noch schmerzhafter als das blaue Auge, das er schon hatte. Doch bevor ich wieder in brütendes Nachdenken versinken konnte, schlug Roberto vor, wir sollten unsere neuen Jobs mit ein paar Bier begießen: “Sagtest du nicht, es gibt hier so einen Klub wo auch Bands spielen? Music-Cabaret, oder so?”
“Cabaret weniger, aber Music-Hall, ja. Da spielen meist schräge neue Bands. Monika Döring veranstaltet die Konzerte, die findet die tollsten Bands und holt sie hier in die Rheinstraße. Und das beste ist, sie lässt mich immer umsonst rein, weil ich ihr erzählt habe, dass ich über Musik schreibe. Keine Ahnung was da heute läuft, aber ja, da gehen wir hin.” Roberto hatte wahrscheinlich Recht und ich machte mir zuviel Gedanken. Um meine Laune zu verbessern legte ich eine Platte auf, “The Saints”. “I’m Stranded” sorgte immer für gute Stimmung bei mir. Ich holte zwei Hansa-Pils aus dem Kühlschrank, die waren zur Zeit das billigste Bier das Real führte und damit mein Hausgetränk. Eins gab ich Roberto, mit dem anderen setzte ich mich an meinen Schreibtisch, vor den dreiteiligen Spiegel, an dem ich gewöhnlich mein Make-Up machte. Ich trank erstmal einen herzhaften Schluck und goss dann eine Pfütze in meine linke Handfläche, die ich großzügig auf meinen Haarstoppeln verteilte, bis die Haare schön pieksig in die Höhe zeigten. Auch hinten mussten sie hochstehen, daher brauchte ich den dreiteiligen Klappspiegel. Abschließend schminkte ich noch die Augen mit einem Kajalstift und bewunderte zufrieden das Ergebnis. Roberto hatte sich umgezogen, nun hatte er wieder sein Marijuana-T-Shirt an, darüber eine Jacke, die er sich in Indien aus einer großen Coca-Cola-Fahne schneidern gelassen hatte. Ich komplettierte meine Garderobe mit einer neu aussehenden brauen Lederjacke, ein Fehler, denn ich später bereuen sollte.
Die Music-Hall lag am Ende Rheinstraße, kurz vor dem Walter-Schreiber-Platz. Monika saß an der Kasse, sie hatte hellblaue Strähnen in ihren kurzen blonden Haaren und ein hellblaues Stirnband gab ihr gewisse Ähnlichkeit mit einem Osterei. Monika Döring war damals eine Institution in Berlin, sie veranstaltete die besten Konzerte. Hinter ihr hing ein selbstgemalter Zettel, auf dem stand: “Die Goldenen Vampire – Eintritt 3 Mark”.

“Ist schon wieder Ostern?”, fragte ich, in dem ich auf ihre Frisur zeigte.”Verarsch mich doch, Marcus. Dabei will ich mich doch nur für euch hübsch machen.”, sie drehte ihren Kopf hin und her.

“Du siehst heute wieder absolut geil aus, Monika! Wer sind den die goldenen Vampire? Ich kenne nur einen drittklassigen italienischen Horrorfilm, der so heißt”

“Eine brilliante neue Gitarrenband um Kristof Hahn und Olaf Krämer, den Sänger. Ist ein Überraschungsgig, wir haben kaum Werbung gemacht, die drei Mark sind nur um die PA zu bezahlen.”
Kristof hatte mal auf einer Party kennengelernt, ich freute mich, das hörte sich spannend an. Natürlich kam ich umsonst rein, Roberto zahlte. Der Laden war halbvoll, fast nur Punks saßen auf den Podesten an den Wänden. Während Roberto und ich, links an der Tanzfläche vorbei, durch die ganze Kneipe zum Tresen liefen, zerschellten einige Biergläser an unserern Schuhen. Das passierte mir immer, wenn ich nicht die schwarze, sondern die braune Lederjacke anhatte, das mochten die Punks nicht, in Kleidungsvorschriften waren sie sehr streng, Robertos T-Shirt brachte ihn wohl auch in Hippie-Verdacht. Er schaute etwas irritiert, aber ich versicherte ihm, bei den auf uns geworfenen Gläsern handelte es sich um einen freundlichen Kommentar auf unsere Andersartigkeit.

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Wir stellten uns an die Bar und bestellten bei Mike, dem Barkeeper, Bier. Der DJ spielte “The Passenger” von Iggy Pop, wie jeden Abend in der Hall, normalerweise kam es allerdings später, der DJ versuchte Stimmung zu machen, um wenigstens ein paar Leute auf die Tanzfläche zu bekommen. Eine hübsche Blondine in Minirock, Stiefeln und Lederjacke begann zu tanzen. Es tippte mir jemand auf die Schulter, es war der ältere Rothaarige aus dem SO 36.
“Was treibt dich her? Die Goldenen Vampire?”
Ich war es nicht gewöhnt angesprochen zu werden und hätte beinahe die Flucht ergriffen, aber die heisere Stimme war so freundlich, dass ich mir ein paar Worte abrang: “Nö, war mehr Zufall. Aber Kristof soll ein guter Gitarrist sein. Er hat auch schon mit Frieder Butzmann zusammen gespielt.”
“Ich bin übrigens Pappirossi, ich schreibe für die TAZ.”
Jetzt erst erkannte ich Pappirossi, jeder der in linken Kultur- und Sub-Kultur-Szene von West-Berlin unterwegs war, kannte den Mann mit den kupferfarbenen Haaren, oder wenigstens seine wohlwollenden, aber oft spitzfindigen Artikel: “Deine Sachen lese ich gern. Ich bin ja auch Autor. Marcus heiße ich. Marcus Kluge”
“Wo schreibste denn?”
“Na, in der Werbung und so privat. Ich würde auch gern veröffentlichen, ich weiß bloß nicht worüber ich schreiben soll.”
“Oh je, Werbung, das verdirbt dir nur den Stil!”, dann zeigte er auf die Bühne, “wieso schreibste nicht über Bands wie die hier. Sowas könnte man vielleicht. sogar in der TAZ unterbringen oder du machts einfach ein Fanzine? Du weißt doch, was ein Fanzine ist?”
Ich nickte, obwohl ich nur einen blassen Schimmer hatte, was ein Fanzine war. Genau so wenig, wie ich genau wusste, was knackig sein sollte, wusste ich nicht was ein Fanzine sein sollte, aber ich würde recherchieren und dann vielleicht ein knackiges Fanzine machen. Ich beobachtete die Blondine auf der Tanzfläche, sie schwenkte ihre Arme, wie ein Go-Go-Girl aus den 60er Jahren. Es hatte was.

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Auf der Bühne bauten sich inzwischen vier finster aussehende Jungs auf. Sie hatten löcherige Jeans und alte Lederjacken an, ihre Haare verdeckten fast die Augen und zwei trugen sogar Sonnenbrillen, obwohl die Bühne nur spärlich beleuchtet war: lichtscheue Elemente. Der Sound war laut, knisternd, es erinnerte an frühe Surfmusik, MC5, sowie an Bauhaus. Das Vampirthema zogen sie auch in den Texten durch: “Eine silberne Kugel zu gut getroffen, aus und vorbei!” Eigentlich erstaunlich, dass noch keine Band außer Bauhaus so ein Vampir-Image benutzt hatte, es war doch naheliegend, bei den vielen düster klingenden Bands, die zu der Zeit auftauchten. Kristof spielte komplizierte Solos, die mich an meinen Freund Andi denken ließen. Die Punks wippten nur mit ihren Füßen, zwei, drei Leute tanzten, für Pogo eignete sich die Musik nicht. Mit gefiel es gut, ein Seitenblick auf Roberto zeigte, das er nicht so begeistert war. Unser Musikgeschmack hatte sich definitiv auseinander entwickelt.

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Wir bestellten mehr Bier und Roberto zeigte mir, wie man Tequila mit Salz und Zitrone trinkt. Nach zwei Runden davon schob ich mein Bier zur Seite und beschloß langsamer zu trinken. Irgendwie hatte ich das Gefühl, der Abend würde noch eine Überraschung bringen. Nach dem Gig kam Kristof an die Theke, ich lobte ihn, doch er war nicht zufrieden: “Ach nee, ich habe einiges in den Sand gesetzt. Es schmeichelt mir ja, das es dir gefallen hat. Aber sein wir mal ehrlich, wer von uns beiden ist der Bücher-Junkie und wer ist der Musiker?”, er grinste und spielte darauf an, dass ich mich mal einen Bücher-Junkie genannt hatte. Ja, das war ich wohl, wobei ich die Bücher nicht nur kaufte, sondern auch las. Roberto hatte die Spendierhosen an und so tranken wir auch mit Kristof eine Runde Tequila.
Eben stellte Roberto fest, dass der Barkeeper eine Ähnlichkeit mit dem jungen Paul McCartney hatte, als die Blondine von der Tanzfläche kam und sich direkt neben mich stellte. Unter ihrer knappen schwarzen Lederjacke blitzte ein lindgrüner BH aus durchsichtigem chiffonartigen Stoff vor. Nicht nur deshalb fand ich sie aufregend. Sie schwitzte und ich sprach sie an: “Leder ist Klasse, aber man schwitzt leicht.” Sie blickte überrascht, aber quittierte meinen nicht gerade originellen Spruch mit einem freundlichen Lächeln. Ich rechnete mir Chancen aus. Sie nahm eine Zigarette von mir und wir kamen ins Gespräch. Sie machte eine Ausbildung auf der Lette-Schule, irgendwas mit Mode. Ich stellte mich als Werbetetexter vor, der ich ja seit circa sechs Stunden war.
“Man nennt das auch Copywriter, übrigens, ich heiße Marcus, und du?”
Sie zog die Stirn in Falten, als ob sie etwas Trauriges mitzuteilen hätte: “Uschi! Ich weiß, das hört sich blöd an, aber wenn man Ursula heißt, ist Uschi schon eine Verbesserung.”
“Ursula, die Bärin. Ist doch gar nicht schlecht.”, in Gedanken probierte ich “Bärchen” aus.
“Vielleicht suche ich mir ein Pseudonym, wenn ich erst Modedesignerin bin. Etwas wie Eve Saint-Laurent oder Karla Lagerfeld.”
Roberto war verschwunden, entweder er hatte selbst jemand kennengelernt oder er hatte sich diskret zurückgezogen. Uschi und ich tranken Tequila, ich fühlte mich nicht betrunken, das Zeug war toll. Der Reißverschluss von ihrer Lederjacke war weit offen, so dass mein Blick unwillkürlich immer wieder auf ihren grünen BH fiel. “Hast du den selbst geschneidert?”, wollte ich wissen.
“Ja, toll oder? Aus einem Stoff aus den 1940er Jahren. Den Schlüpper auch.”, wobei sie ihren Minirock kurz anhob, um mir ihren grün verhüllten Unterleib zu zeigen. Uschis Körpersprache war recht eindeutig. Wir begannen nonverbal zu kommunizieren. Ich hätte nicht sagen können, wer angefangen hatte, wahrscheinlich beide gleichzeitig. Wir küssten und befingerten uns, bis ich den Vorschlag machte, zu mir zu gehen. Ziemlich angeheitert und Arm in Arm liefen wir die 1000 Meter bis zur Rheinstraße 14. Uschi hatte ihr Bier mitgenommen, ab und zu tranken wir einen Schluck, bis wir das leere Glas auf einem Schaltkasten an der Kaisereiche zurückließen. Bei mir oben angekommen zogen wir uns ohne weitere Verzögerung gegenseitig aus, wir knutschten heftig und erkundeten unsere Körper. Schließlich zog Uschi auch ihre lindgrüne Unterhose aus und machte eine einladende Geste: “Ich will das du mit mir schläfst, Marcus!”
Ich war zwar sehr erregt, doch ich musste trotzdem den Vorbehalt ansprechen, der mir durch den Kopf ging: “Was ist denn mit Verhütung?”
Uschi machte eine wegwischende Handbewegung und versicherte mir: “Mach einfach, es kann nichts passieren.”, und als ich trotzdem nicht einfach machte, ergänzte sie: “Denk nicht drüber nach, ich hab die Sache im Griff!”
Trotz des Alkohols und meiner Geilheit sah ich plötzlich eine rote Flagge vor meinem inneren Auge aufziehen. Im Bruchteil einer Sekunde wurde mir bewusst, dass hier irgendetwas Verdächtiges vor sich ging, ich wusste nicht genau was, aber ich hatte das fatale Gefühl manipuliert zu werden. Und ebenfalls in kürzester Zeit schrumpfte meine Männlichkeit auf ihr Mindestmaß und ich fühlte mich schlagartig nüchtern. Uschi war nicht erfreut. Nach einem Moment des Atemholens zündete ich eine Zigarette an, zog zweimal daran und reichte sie dann an Uschi weiter. Ich hatte das Bedürfnis, die Angelegenheit zu besprechen: “Bist du jetzt sauer auf mich?”
“Ja, irgendwie schon, ich versteh nicht wieso du mittendrin aufgehört hast?”
“Na, das ist doch klar, oder? Ich will auf keinen Fall Vater werden.”
“Ach, so schnell wird man doch nicht Vater!”
“Doch doch”, bestand ich darauf: “genau so schnell wird man Vater, nach meinem Kenntnisstand.”
Offensichtlich waren wir an diesem Punkt unterschiedlicher Meinung. Uschi stand auf, zog sich an, kritzelte ihre Telefonnummer auf einen Zettel, sagte noch, ich könne ja mal anrufen und dann war sie weg.

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Den Bentley wollte Roberto am Bahnhof Zoo parken und dann mit der S-Bahn bis Friedrichstraße fahren. Die 25.- D-Mark für den Zwangsumtausch hatte ihm Puvogel in die Hand gedrückt. Am Kranzler-Eck musste Roberto bei Rot halten und die Fußgänger strömten vor ihm über den Zebrastreifen. Das schöne Herbstwetter hatte viele Touristen in die Stadt gelockt. Ein großer junger Mann fiel ihm auf, er kannte diesen Gang. Piloten- Sonnenbrille und ein hochgestellter Trenchcoat-Kragen versteckten das Gesicht, aber Gestalt und Gang sahen aus, als ob Ari eben vor ihm über die Straße gelaufen wäre, doch das war ja gar nicht möglich. Ari war tot, von einem acht Gramm schweren Vollmantel-Kegelstumpf-Geschoss, aus einer alten Walther P38, in Wien, tödlich getroffen. Das Hupen der Fahrer hinter ihm riss ihn aus seinen Gedanken, er ließ die Kupplung kommen und würgte den Bentley ab. Nun wurde das Hupen lauter und ungeduldiger. Endlich setzte sich die grüne Bentley-Limousine in Bewegung. Ari? Nein, das konnte nicht sein! Er hatte wohl ein Gespenst gesehen, eine Halluzination, dabei war er völlig nüchtern. Eine komische Sache. Er versuchte zu lachen, doch es gelang ihm nicht.

– wird fortgesetzt –

Die Illustration hat Rainer Jacob gezeichnet.

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