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„Athener Grill, Far-Out und Uhrwerk Orange” / Mendelsohn-Bau Lehniner Platz – Lost and Found

1969 schleppte mich ein Schulfreund mit zur Roten Garde, einer maoistischen Jugendorganisation. Als er die Adresse nannte, fragte ich nach, gab es wirklich einen Platz in West-Berlin, der nach dem russischen Revolutionär benannt war: Leniner Platz? Nein, natürlich nicht, Lehnin bei Brandenburg war der Ursprung, doch das Umland hatte man nicht auf dem Schirm in den Mauerjahren.

Die Rote Garde hatte Räume im Mendelsohn-Bau, der in den 1920er Jahren als Woga-Komplex erbaut wurde. Doch die drögen Schulungen und humorfreien Diskussionen bei den Gardisten konnten mich nicht begeistern. Eher begeisterte mich die Architektur der Neuen Sachlichkeit und die Blechpizza, die ich am Lehniner Platz zum ersten Mal aß. Das schicke Restaurant “Ciao” hatte eine gehobene, häufig prominente Klientele. Neben dem Eingang war ein Fenster, dort konnte man für eine Mark ein Stück der äußerst leckeren, neuen Backware “Mark-Pizza” erwerben. Man kannte zwar Spaghetti und Makkaroni, aber Pizza war noch eine seltene Spezialität, es würde viele Jahre dauern, bis man Pizza im Supermarkt kaufen können würde. Inzwischen werde ich von jungen Menschen gefragt was denn “Mark-Pizza” gewesen wäre. So schnell vergeht die Zeit.

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Oben: Das Ciao in den 70er Jahren, im November 2016 fand ich dort ein Kebap-Grillhaus namens Black&White Istanbul.

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Der WOGA-Komplex (https://de.wikipedia.org/wiki/WOGA-Komplex_am_Lehniner_Platz) wurde von Erich Mendelsohn zwischen 1925 und 1931 erbaut. Er stellt eine Verbindung aus Kulturstätten, Einkaufsmöglichkeiten und Wohngebäuden dar. Der Komplex wird stilistisch der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. Begibt man sich am Ende des Kurfürstendammes auf den Lehniner Platz, fallen einem zwei ausladende Kopfbauten auf, in deren Mitte sich eine kleine Ladenstraße befindet, die auf ein querstehendes Gebäude zuläuft. Hieran schließt sich eine Wohnanlage mit Grünflächen und Tennisplätzen. In einem der beiden Kopf-Bauten ist aktuell die Schaubühne untergebracht. Der WOGA-Komplex steht unter Denkmalschutz. (Nach WiKi)

Mich zog es immer wieder zum Mendelsohn-Bau. 1970 gab es neben den Kinos noch einen Theatersaal, in dem ich eine Aufführung des Musicals “Hair” sah. Im “Ciao” ging ich mit meiner Cousine Ingrid essen, weil wir keine Promis waren und auch keinen teuren Wein bestellen wollten, behandelte man uns ziemlich von oben herab. In meinem ersten Roman “Xanadu ’73” verarbeite ich das Erlebnis:

Sie laufen den Kudamm in Richtung Halensee und Hanna fragt, halb besorgt, halb scherzhaft:“Du willst mich aber nicht in den Athenergrill ausführen?“ Er schüttelt den Kopf, tatsächlich ist ihm die Frage peinlich, er wird sogar ein wenig rot. Wenige Meter hinter dem Athenergrill, hält er ihr eine Tür auf. Ins “Ciao” lädt er sie ein. Einen schicken Italiener, wo man manchmal sogar Schauspieler oder andere Prominente sieht. Schon ist der Kellner da, wieselt um die beiden, radebrecht, „Einen Tisch, a due?“ Beaky nickt und der Kellner will sie ganz hinten im Lokal platzieren, Hanna stoppt ihn souverän. Sie will am Fenster sitzen, was auch kein Problem ist, der Laden ist fast leer.
Hanna hat nur eine rosafarbene Weste und nichts zum Ablegen an, Beakys Fransenlederjacke will ihm der Kellner abnehmen, es gibt etwas Gezerre und Beaky gewinnt das Match. Einen Freund haben sie in ihrem Kellner nicht gewonnen mit diesem Entrée.
Jetzt bringt der Kellner Beaky die Weinkarte, davon lässt er sich nicht irritieren, man hat ihn vorgewarnt. Weltmännisch sucht er einen bezahlbaren Wein aus, auch das probieren und freundlich Nicken bekommt er hin. Aber er fühlt sich überhaupt nicht wohl und schließlich gesteht er sein Missempfinden Hanna, die sieht es ähnlich. Als sie Beaky darauf hinweist, dass der Kellner einen ganz anderen, teureren Wein gebracht hat, kommt Beaky eine spontane Eingebung, Er bedeutet Hanna ihr Glas auf Ex zu trinken, dann zerrt er sie hoch, greift seine Jacke, schleust sie durch den Eingang auf den Gehsteig. Sie rennen los, er hat sich vorher versichert, das sie keine Absätze trägt. So jagen sie den Kudamm hoch zurück in Richtung Leibnizstraße und kichern. Als sie an der Ecke Eisenzahnstraße sind, blicken sie zurück und sehen den gestikulierenden Kellner, worauf sie einen erneuten Lachanfall bekommen. Sie halten sich die Bäuche und lachen bis es wehtut.

Im Studio-Kino sah ich Zappas “200 Motels” und “Clockwork Orange”. Bei letzterem erlitt ein Freund, Connie, einen Panikanfall, den ich im Roman, als eine Drogenüberdosis schildere:

Der ausgezeichnete Film fesselt mich erneut. Ich verfolge die bösen Taten des Helden und leide mit ihm, als er in den Knast kommt. Als Alex schließlich eine Aversionen erzeugende Droge gespritzt bekommt und festgeschnallt stundenlang “horrorschaumäßige” Filme ansehen muss, fällt mir auf, dass Beaky neben mir mit schreckgeweiteten Augen auf die Leinwand starrt und seine Fingernägel in die Oberschenkel drückt. Er wirkt wie ein Spiegelbild von Alex. Ich frage ihn und erst später wird mir bewusst, dass das eine ziemlich blöde Frage war: “Bist du OK?” Statt zu antworten schüttelt er den Kopf. Ich zerre ihn aus der Stuhlreihe, wir verlassen den Saal und finden uns in einem der runden Gänge, die um die Säle herum führen. Beaky ist noch bleicher geworden und mir fällt auf, dass er Stecknadelpupillen hat.
Ich verwerfe meine erste Theorie, nach der Beaky eine Panikattacke erlitten hat. Ganz offensichtlich hat er auf dem Klo noch weitere Drogen genommen, wahrscheinlich hat er ein Opiat gespritzt. In den frühen 70er Jahren dachte man relativ schnell an Heroin, weil es in Berlin billig und leicht zu beschaffen war.

Nina Hagen scheint den Lehniner Platz auch zu mögen, nach ihrer Übersiedlung in den Westen gab sie hier ein Konzert, umsonst und draußen. Ich glaube, es müsste 1978 gewesen sein, dass ich sie dort live, mit der Nina Hagen Band, gesehen habe.

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Oben: Postkarte aus den 50er Jahren. Unten: Illu zum Kapitel “Uhrwerk” aus “Xanadu ’73” von Rainer Jacob.

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In den 70er und 80er Jahren besuchte ich häufig, wie alle Nachtschwärmer dieser Zeit, den “Athener Grill”. Die Berliner sprachen den Namen aus, als ob es ein Wort wäre, Athenergrill, betont auf der zweiten Silbe: A-THÉ-nergrill! Auch diesem Etablissement widme ich einen Abschnitt im Xanadu-Roman.

Beaky und ich laufen zurück in Richtung Lehniner Platz, um im Athenergrill, dem wahrscheinlich beliebtesten Selbstbedienungsrestaurant dieser Jahre, einzukehren. Ich bin dort immer wieder gewesen bis in die 90er Jahre, als ich eine Kakerlake in aller Ruhe durch die Vorspeisenvitrine laufen sah. 1973 habe ich noch Vertrauen in die Restauration und hole mir zwei von den kleinen Mimis Dönern in Pita-Brot, die damals 1.50 kosteten. Beaky isst eine quietschsüße, griechische Angelegenheit aus Joghurt und Honig, auch das bestätigt meine Idee, das er vor allem dem Heroin zugetan war. Denn alle Heroin-Junkies, die ich kennenlernte waren Süßschnäbel, wieso auch immer. Ich trinke Fanta dazu und Beaky schwarzen Kaffee, von dem er im Lauf des Abends vier oder fünf Tassen trinkt, denn wir sitzen lange im Athenergrill. Das war ja das Gute an diesem Etablissement, es schloss nie. Irgendwann gegen morgen kamen zwei mürrische Putzfrauen und vertrieben die Gäste, aber nur für eine kurze Weile, dann kehrten die üblichen Gestalten zurück und man hatte den Eindruck, sie seien nie weg gewesen.

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Es muss um 1960 gewesen sein, als wir meinen Vater ins Albrecht-Achilles-Krankenhaus brachten, der sich einer Operation unterziehen musste. Die Klinik gibt es nicht mehr, heute residiert hier das Finanzamt Wilmersdorf.

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1983 fotografieren Rainer Jacob und ich die Band “Dreidimensional” am Mendelsohn-Bau für meine Zeitschrift “Assasin”. Sie kommen sogar auf das Cover des zweiten Heftes. Obwohl die Spandauer Musiker sehr jung, fast kindlich wirken, erinnern mich die Bilder regelmäßig an “Uhrwerk Orange” und den Panikanfall meines Freundes in den 70er Jahren.

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Diverse Kneipen und Clubs haben den Lehniner Platz zum Anziehungspunkt für die wechselnde Klientele der Jugendgruppierungen gemacht. Mitte der 70er Jahre trafen sich die ersten Berliner Punks im PunkHouse neben dem Athener Grill, wo heute ein öder Spielsalon zum Geld verlieren einlädt.

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In der ehemaligen Ladenstraße gab es Berlins einziges Rollschuh-Diner “Mendelsohns”, davor war es ein “Treibhaus”, sowie eine Version des umtriebigen Tolstefanz und dann lange, die bei Bagwan-Jüngern beliebte Disco “Far-Out”.

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In den 90er Jahren war ich noch ein paar mal am Lehniner Platz. Ich besuchte eine Botho Strauss-Inszenierung in der Schaubühne.  Die Gesellschaftselite, die Strauss vorführt und als langweilig und uninspiriert kritisiert, war als Inszenierung genau das: langweilig und uninspiriert. Die Zeiten, da die Schaubühne mich begeisterte schien vorbei und auch der Athener Grill wurde nie wieder mein Ziel, nachdem ich das erwähnte Krabbeltier in der Vorspeisenvitrine beobachtete.

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Inmitten der Wohnanlage befinden sich Tennisplätze, auf denen Prominente, wie Erich Kästner, der in der Nähe wohnte, oder Willy Brandt, als er Regierender Bürgermeister war, spielten. 2007 musste der letzte Pächter die Plätze aufgeben, nachdem ein Investor unrealistische Summen für die Pacht verlangt hatte. Das Bauvorhaben des Investors ist dieses Jahr vom Bezirk abgelehnt worden, so dass wieder Hoffnung besteht, die charmante Sportanlage wieder nutzbar zu machen. In ebenfalls bedauerlichem Zustand ist das Postamt Nestorstraße, 1930-32 von Willy Hoffmann erbaut. Der verputzte Stahlbetonriegel in Stil der Neuen Sachlichkeit mit Bezügen zur Wohnbebauung der östlich anschließenden Cicerostraße (WOGA-Komplex), bildet den nördlichen Abschluss des Hochmeisterplatzes.

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Ansonsten ist der gesamte Komplex in ausgezeichnetem Zustand, unten die Wohnanlage Cicerostraße und darunter das Apartmenthaus in der Mitte des WOGA-Komplexes.

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Oben: Der Ausführungsplan des Woga-Komplexes von 1927.  Quelle: – Von SL1974 (S.Lucht) – von ihm selbst erstellt; Original-Ausführungsplan von 1927 ist im Besitz der Kunstbibliothek, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin; abgelichtet in Pitz, Helge: Der Mendelsohn-Bau am Lehniner Platz, Berlin 1981, S. 42., CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3292680


Text und Fotos: Marcus Kluge (s.u.)

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Von der Erstausgabe des Romans “Xanadu ’73” gibt es noch einige Restexemplare. Bestellbar bei mir, unter marcusklugeberlin@yahoo.de für 13€ inkl. Versand in Deutschland.

Berlinische Leben – “Hauptsache Berlin” / Von H.P. Daniels / Reblog

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West-Berlin 1972

Rikki, Richard, nannte sich neuerdings “Riccard” – mit zwei c. Eine Marotte von ihm. Er fand das schick. Auffällig. Was Besonderes. Er sprach das Rickard aus, wie Richard, nur mit k. Sie sagten trotzdem weiter “Rikki”. Und wenn Petty ihn Riccard nannte, dann tat er’s völlig übertrieben … französisch, mit einem leicht ironischen Unterton. Als würde er den Namen mit spitzen Fingern anfassen, ein bisschen tuntig: “Rickaaahr”.

Rikki war der Erste von ihnen. Der Erste in Berlin. Aus dem engeren Zirkel, von der geplanten Wohngemeinschaft. Rikki hatte das Abitur schon vor den anderen, vor dem Rest. Rikki war die Avantgarde. Rikki hatte es auch am eiligsten, er hatte den Einberufungsbefehl schon im Briefkasten. Es war schnell gegangen. Schriftliches Abitur, mündliches Abitur, Einberufungsbefehl. Berlin. Lage sondieren: Universität und Wohnung. Und er sollte eine Fünf-Zimmer-Altbauwohnung besorgen, mindestens fünf Zimmer, besser sechs, für die Kommune, die Wohngemeinschaft. Dass sie alle ein eigenes Zimmer hätten, jeder von ihnen, und vielleicht noch einen Gemeinschaftsraum.

“Fünf- bis Sechzimmerwohnung! Mann, du hast Vorstellungen!” knurrte Rikki, nachdem Petty ihn gefragt hatte, was denn nun sei? “Hast du nach ner großen Wohnung geschaut für uns? Hast du was gefunden?”
“Nee, ne Einzimmerwohnung in Neukölln hab ich!”
“Du hast ja nicht mal geschaut, hast dich nicht mal bemüht!”
“Ach, lass mich in Ruhe!”
Rikki war noch einmal von Berlin zurückgekommen, um seine Klamotten zu holen.

Rikki erzählte, dass er nach seiner Ankunft in Berlin erstmal zum Tempelhofer Ufer gegangen ist. Zur Wohngemeinschaft der “Ton Steine Scherben”, um zu fragen, ob er ein paar Tage bei ihnen wohnen kann – als alter Anarcho und Ton-Steine-Scherben-Fan aus Frankfurt. Und dass er sie gesehen hätte, damals im Frankfurter Sinkkasten, hat er ihnen erzählt. Als sie nach einem furiosen Konzert die Betreiber des Ladens schwer unter Druck gesetzt haben: Dass die gefälligst noch zweihundert Mark auf die Gage drauflegen sollten … als Spende für die politischen Gefangenen. Oder sie würden ihnen die Bude zu Scherben kloppen. Dass er das toll gefunden hätte. Und wie die Typen vom Sinkkasten dann zornig murrend, aber kleinlaut, bezahlt hätten. Eine Spende für die politischen Gefangenen. Toll! Und dass das doch eine richtig gute und ja auch wirklich gerechtfertigte Aktion gewesen sei. Erzählte Rikki den Scherben. Und dass er schwer angetan sei von ihrer LP “Warum geht es mir so dreckig”. Und ob er jetzt ein paar Tage bei ihnen wohnen könne … bis er eine Wohnung gefunden hätte? Solidarität unter Anarchisten und so … und gemeinsam sind wir stark und so … und keiner wird uns mehr aufhalten können. Uns nicht und die Revolution nicht. Und Venceremos und so.
Die Scherben haben Rikki in ihrer Wohnung am Tempelhofer Ufer auf dem Fußboden schlafen lassen. Aber sie waren reserviert, haben ihn ziemlich unfreundlich behandelt. Sagt er jedenfalls. Ihnen war er verdächtig, wie er da so plötzlich aus dem Nichts bei ihnen aufgetaucht war. “Die haben mich für einen Bullenspitzel gehalten, diese paranoiden Idioten!” Seitdem waren Rikkis Sympathien für Ton Steine Scherben gedämpft.

Er hatte einen Tisch, einen Fernseher, einen Kleiderschrank, eine Couch, eine Reiseschreibmaschine, ein Radio, einen Plattenspieler, zwei Stühle einen Koffer und einige Kisten mit Schallplatten, Zeitschriften, Büchern. Das musste nach Berlin.
“Könnt ihr mir helfen?”
Ricky belud mit Petty und Schlaff einen gemieteten Ford Transit. Inter Rent. Schlaff fuhr, Schlaff, den sie Schlaff genannt hatten, eben weil er genau so war: “schlaff”. Ein großer breiter Teddybär mit hängenden Schultern, hängenden Armen: schlaff. Schlaff fuhr. Rikki hatte keinen Führerschein. Petty erst seit kurzem. So eine große Karre traute er sich noch nicht zu. Also fuhr Schlaff. Der ja immer fuhr. Normalerweise mit seinem weißen R4. Mit dem sie immer mitfuhren. Überall hin. Überall in der Gegend rum. Ohne Schlaff wären sie nirgendwo hingekommen. Ohne Schlaff wären sie aufgeschmissen gewesen. Und Schlaff, so schlaff er sonst war, der große gutmütige Bär mit schlaffem Ausdruck, schlaffer Körperhaltung, fuhr Auto alles andere als schlaff. Dass ihnen manchmal Hören und Sehen verging, wenn er in die unzähligen Taunus-Kurven stach und bretterte. Durchs Lorsbachtal.

“Einen R4 schmeißt du nicht um!” war so eine Redensart. “Schaffst du nicht! Das schaff nicht mal ich!” sagte Schlaff. Er hat ihn auch nie umgeschmissen, seinen weißen R4, wenn es auch manchmal bedrohlich nahe dran war, wenn es gefährlich geschaukelt und gequietscht hat. Nach Berlin ging es ohnehin meistens geradeaus: Autobahn. Schlaff fuhr. Immer geradeaus. Autobahn. Berlin.
“Und was machen wir an der Grenze? Wenn uns die DDR-ler die Karre auseinander nehmen? Wenn die gucken wollen, was wir da hinten drin haben? Wenn die in die Kisten schauen?”
“Weißt du, was, Rikki? Du packst einfach den ganzen Anarcho-Krempel, Ton Steine Scherben, Bakunin, Kroptkin, Stirner, Landauer, Mühsam und das ganze Zeugs, die SDS-Schriften, Kommune 1 und Kommune 2, Dutschke und Biermann … das packst du nach ganz unten in die Kisten. Und oben drauf dann die Gesamtausgabe von Brecht … hast du die überhaupt? Und Lenin “Was tun?” und “Staat und Revolution”. Und Karl Marx: “Das Kapital” … die blauen Bände aus dem Dietz Verlag. Und die ganze Kuba-Literatur von deiner Abiturprüfung. Das alles oben drauf. Und bei den Platten machst du’s genauso. Packst Biermann und Neuss ganz nach unten. Und oben drauf den Degenhardt: “Mutter Mathilde”. Den haben sie doch gerade erst aus der SPD rausgeschmissen, weil er zur Wahl der DKP aufgerufen hat. Und die Arbeiterlieder von Ernst Busch und son Zeug. Auch oben drauf. Am besten noch auf Amiga. Hast du sowas? Da lassen die uns sofort weiterfahren…”
Rikki fand die Idee gut und packte seinen Kisten entsprechend um. Das eine nach unten. Das andere nach oben. Es funktionierte.
“Ham Sie Kinder dabei?”
“Nee!”
“Waffen oder Munition?”
“Nee!”
“Machen Sie mal auf! Was ham sie in den Kisten?”
“Nur Schallplatten und Bücher…”
“Machen Sie mal die Kiste auf!”
Der Grenzposten sieht Blaue Bände … Das Kapital.
“Danke, Sie können weiterfahren!”
“Na, hab ich’s dir gesagt, Rikki?”
“Das blaue Wunder! Und unten drin liegt das ganze Anarcho- und Anti-DDR-Zeug. Sehr lustig!” Sie freuten sich. Rikki und Petty lachten. Schlaff fand diesen ganzen politischen Kram eher ein bisschen “überzogen”.
“Ach, wisst ihr, diese ganze Revolution, das ist eigentlich nicht so mein Ding!”
“Schlaff…!” Rikki sprach seinen Namen streng aus, ermahnte ihn, er solle mal nicht so reaktionär daherquatschen “Die Revolution kommt, Schlaff. Das wirst auch du nicht verhindern. Und diese Revolution wird alles wegfegen. Diese ganzen Spießer- und Kapitalistenschweine, und diesen ganzen miesen, grauen, grauenhaften, verspießerten DDR-Scheißdreck hier. Dieses ganze unfreie Scheißland, wo sie den Sozialismus einmauern müssen. Das ist doch kein Sozialismus. Wenn man den einmauern muss. Das ist doch n Scheißdreck, das will doch keiner haben. Und was ham die hier überhaupt für ne Autobahn? Das ist doch keine Autobahn. Diese elende Rumpelpumpel-Strecke. Das ist doch keine Straße! Du wirst sehen, Schlaff, das wird die Revolution alles wegfegen. Und du wirst es nicht aufhalten, du nicht, Schlaff. Und auch sonst niemand. Und wenn es hart auf hart kommt, wird die Revolution auch dich wegfegen. Wenn du dich dagegenstellst. Denn entweder du bist dann für die Revolution. Oder du bist dagegen. Und dann fegt sie dich halt weg. Alles Schlaffe sowieso.”
Rikki zündete sich eine Reval an.
“Tssi, tssi, tssi” machte Schlaff mit seiner hohen Mädchenstimme.
“Du wirst es sehen!”
Elende Rumpelstrecke durch die DDR. Hundert Stundenkilometer. Mehr ist nicht erlaubt. Schlaff.

Als sie den ganzen Krempel ausluden, ins Haus reintrugen, Stuttgarter Straße, Neukölln, sahen ihnen zwei Typen von gegenüber zu. Die hingen da im Fenster. Sie winkten. Warum winken die? Meinen die uns? Was wolln die?
“Ey, was machst du denn hier?” Die meinten Petty. Er sah genauer hin. Ein großer Blonder mit einer Motorradlederjacke. Und ein Kleinerer.
“Ey, das is ja n Ding! Was macht ihr denn hier?”
Friedrich Erdmann und Michael Popp aus München.
“Wir wohnen hier!”
Ausgerechnet gegenüber der neuen Wohnung von Pettys Freund Rikki aus Frankfurt wohnen zwei alte Bekannte von Petty aus München. Ja, sie hatten auch nach Berlin gewollt, von München. Das hatten sie ihm mal erzählt. Schon vor längerer Zeit. Und jetzt das: “Jetzt sind sie hier. Und wir sind auch hier. Was für ein Zufall. Alle hier. Iss ja n Ding, Mann! In Berlin kommt alles zusammen.”

Rikkis neue Wohnung war ein dunkles Loch: ein Zimmer mit Kachelofen, ein kleiner Flur, von dem eine Toilette abging und eine winzige Küche. Ohne Bad. Adresse war eigentlich Sonnenallee, aber man konnte auch von hinten rein, über die Stuttgarter Straße.
“Na, gefällt’s euch?”
“Hmm…”.
Schön, war es nicht, aber das war auch nicht wichtig. Schön war nicht wichtig. Hauptsache Berlin. Und eine eigene Wohnung. Und nicht so teuer. Und weit weg von den Eltern. So weit war Rikki schon mal. Darum beneidete Petty ihn. Und alles, was Rikki brauchte, war jetzt auch da. Seine Klamotten, seine Bücher und die Schallplatten. Und der Fernseher. “Ja, Mann, der ist wichtig! Wegen der Sportschau. Eintracht. Und Tatort…”
Rikki legte keinen besonderen Wert auf Gestaltung. Die Bude war schnell eingerichtet. Auf der Längsseite die Couch, oben drüber: Che Guevara, Fernseher gegenüber auf einer Kiste, das war erstmal am wichtigsten. Sportschau, Eintracht, Tatort. Der Schrank auf der Schmalseite gegenüber vom Fenster. Schlaff bestand darauf, dass sie den so hinrückten, dass zwischen dem großen Kachelofen und dem Schrank gerade so viel Platz bliebe, dass der thronartige Holzstuhl mit der hohen Rückenlehne und den beiden Armlehnen genau dazwischen passte. Exakt zwischen Ofen und Schrank. Das passte. Wie nach Maß. War ja auch nach Maß. Und der massige Schlaff, der Petty optisch immer an Chris Farlowe erinnerte. Rikki fand das auch, spätestens seit dem Konzert von Colosseum in der Frankfurter Messehalle: “Ja, du hast Recht. Der Schlaff sieht aus wie Chris Farlowe. Nur dass er nicht so eine schicke Fransenlederjacke trägt wie der…”
“Aber schlaff ist der Farlowe auch!”
“Ziemlich schlaff!”
Schlaffs Stammplatz in Rikkis neuer Wohnung: Eingeklemmt auf dem großen Holzstuhl, zwischen Kachelofen und Schrank, und davor noch ein Tisch. Dort saß Schlaff jetzt immer. Da fühlte er sich wohl. Geschützt. Geborgen. Heimelig. Wie in einem Versteck. Petty nannte es Schlaffs “Klaustroklause”. Rikki fand das lustig: “Na Schlaff, gehste wieder in deine Klaustroklause?” Sie haben ihn nie woanders sitzen sehen. Die ganzen Tage nicht. Immer nur Klaustroklause. Dort aß er, dort trank er, dort war er zuhause. Schlaff.
“Och, sehr schön hier in meiner Ecke, sehr angenehm!” sagte Schlaff mit seiner ulkig weichen, hohen und betulichen Stimme. “Sehr schön hier, jaja, sehr schön!” Chris Farlowe in der Klaustroklause.
Es sei denn sie gingen raus, verließen Rikkis neue Bude, die Stadt erkunden. Berlin. “Mensch, wir sind in Berlin!” Und es gefiel ihnen. Dieses graue und kaputte Berlin. Die verrotteten Altbauten mit den narbigen Fassaden.
“Mann, guck mal, die Löcher da, ob das noch Einschusslöcher aus dem Krieg sind?” Diese abgeplackten Fassadenstücke. Hier war nichts zu spüren von der Frankfurter Biederkeit, kein modischer Schnickschnack, keine schicken Menschen wie in München, nicht dieses falsche Getue. Kein Geprunke und Geprotze. Kein schicker Scheißdreck. Hier war alles gröber, roher, echter. Und in der Sonne bekamen die kaputten Häuser, das Graue, Verfallene und Verrottete sogar einen besonderen Glanz. Doch, Berlin gefiel ihnen. Jetzt müssten sie es sich nur noch erobern.

– wird fortgesetzt –

Bei „Hauptsache Berlin“ handelt es sich um das dritte Kapitel von H.P. Daniels unveröffentlichem Roman „Nowhere Man“, der mit autobiografischen Reminiszenzen von den 1970er Jahren erzählt. Demnächst folgt hier ein weiteres Kapitel als Vorveröffentlichung und ich hoffe, wir können bald den ganzen Text als Buch oder E-Book lesen. Ich danke H.P. sehr herzlich, ebenfalls danke ich Rainer Jacob, der den Text mit einer Illustration versehen hat. M.K.

Lost and Found-Spezial: „Gammler, Jeans und lange Haare” / Farbfotos West-Berlin Sommer 1970

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Im Sommer 1970 legen mein Freund Andi und ich ein Fotoalbum an. Zusammen mit seiner damaligen Freundin Martina gehen wir im Tiergarten und in der City West Aufnahmen dafür fotografieren. Andi hat zu Weihnachten 1969 eine alte 6×6-Kamera geschenkt bekommen, die noch recht gut funktionierte. Heute allerdings, 46 Jahre später, beginnen die Abzüge auszubleichen und haben teilweise einen Farbstich bekommen. Das Album haben wir uns oft angeschaut und nachdem Andi Ende der 90er Jahre plötzlich und völlig unerwartet stirbt, wird es für mich zum besonders wertvollen Erinnerungsstück. Inzwischen geht es langsam aus dem Leim, einzelne Seiten haben sich schon gelöst.

Vor ein paar Tagen bin ich mit der Kamera unterwegs gewesen, um den Farben des Sommers 1970 nachzuspüren und zu dokumentieren, wie sich die Orte verändert haben, an denen wir uns vor 46 Jahren in Szene gesetzt haben.

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In der Augsburger Straße machen wir die ersten Aufnahmen, im Hintergrund befindet sich ein C&A-Kaufhaus, dass es heute nicht mehr gibt. Stattdessen steht dort ein Neubau mit dem Sofitel-Hotel und einem VAPIANO-Restaurant. Diese Gegend hat sich besonders stark verändert, C&A hat einen neuen Standort, wo vorher das Kudamm-Eck stand und noch früher, in den 50er und 60er Jahren das Berlin-Office von Pan American Airways. 1965 zog das Pan Am-Büro ins Europa-Center.

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Oben: Blick in die Augsburger Straße, rechts Sofitel und VAPIANO. Unten: Das ehemalige Kudamm-Eck heute, auch das neue Gebäude hat eine Großbildleinwand.

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Oben: Das unscharfe, seltene Bild vom Pan Am-Büro wurde 1959 gemacht. Unten sehen wir das Office links am Rand. Das Bild muss aus den frühen 50er Jahren sein, denn man sieht das 14-stöckige Allianz-Gebäude, Joachimsthaler Straße 12, noch im Bau. Das heute denkmalgeschützte Gebäude war das erste Hochhaus am Kurfürstendamm und gilt als besonders schönes Beispiel der 50er-Jahre-Architektur in West-Berlin. https://www.berlin.de/sehenswuerdigkeiten/3561534-3558930-allianzbuerohaus.html

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Unten: Neues C&A-Haus und das Allianz-Bürogebäude heute.

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Oben: Kudamm Eck 1996, Foto: Beek100 ©CC BY-SA 3.0

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Im Hinterhof von Bilka fotografiert Andi mich. Heute ist das Kaufhaus eine Karstadt-Sport-Filiale. Im Hof wurde eine große Voliere angelegt und zur Zeit baut man um.

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Am Hardenbergplatz treffen wir Martina und einen Bekannten von Andi, der Musiker (unten) arbeitet im Big Eden als Dics-Jockey.

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Parallel zur Stadtbahntrasse verbindet ein kleiner Weg den Hardenbergplatz mit dem Tiergarten. Auf einem Mäuerchen spiele ich den Bürgerschreck, aber die zeitunglesenden Berliner lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Heute gibt es die Bänke nicht mehr und das Mäuerchen ist ganzflächig besprüht.

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1970 posierten Andi und ich auf der Skulptur “Germanische Büffeljagd” von Fritz Schaper. 2016 wird diese gerade von Grafitti befreit.

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Insgesamt stehen in der Fasanerieallee vier Jagdskulpturen. Oben “Eberjagd um 1500” von Karl Begas, unten: “Zeitgenössische Fuchsjgd” von Wilhelm Haverkamp und “Hasenhatz zur Rokokozeit” von Max Baumbach. Alle Skulpturen wurde 1904 im Zuge des Baus des Hubertusbrunnen am Großen Stern angefertigt. 1938 wurde die Siegessäule vom Königsplatz an den Großen Stern versetzt und der Brunnen zerstört. Die Figuren wurden daraufhin im Großen Tiergarten verteilt.

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Die denkmalgeschützte “Löwenbrücke” war 1970 noch intakt und tragfähig. 2008 wurde sie wegen Baufälligkeit zunächst gesperrt und sollte 2014 restauriert werden. Stattdessen ist sie dann komplett demontiert worden und muss wohl heute “ehemalige Löwenbrücke” genannt werden.  Die traurige Geschichte haben Frank und Ulli in ihrem Blog dokumentiert: https://www.2mecs.de/wp/2014/08/loewenbruecke-berlin-tiergarten/   Unten: So habe ich sie im Juli 2016 vorgefunden.

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Oben: Andi mit Gitarre. Die Geschichte unserer Freundschaft erzähle ich hier: http://wp.me/p3UMZB-1cj

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Danke an Rainer Jacob für Hilfe bei den digitalen Farbkorrekturen.


 

Lost and Found-Marathon 3: “Joachimsthaler und Rankestraße” / Fotografische Spurensuche

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Verkehrskanzel Kranzler-Eck.

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Rankestraße Blickrichtung Ranke- heute: Friedrich-Hollaender-Platz, 1957.DSCN0240 (2)

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Rankestraße Blickrichtung Los-Angeles-Platz, oben: 1961, unten 2016.

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Ku-Damm Ecke Joachimsthaler Straße, 1960.

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Rankestraße Blickrichtung Marburger Straße.

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Agrippina-Haus Rankestraße.

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Oben: Heute ist es das “Ellington Hotel”, erbaut wurde das Gebäude 1928 als “Femina-Palast”. Es beherbergte legendäre Clubs wie die “Badewanne” und den “Dschungel”.

Unten: Das ehemalige “First” in der Joachimsthaler Straße, heute “Cheshire Cat”:

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Joachimsthaler Blickrichtung Bilka, heute Karstadt Sport.

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M.K.

„Berlin-Lost and Found“ Die Foto-Serie hat jetzt 8 Folgen und zeigt über 180 Fotos

Im März 2016 kaufte ich mir eine einfache Digitalkamera. Ich hatte Lust den Orten meiner Kindheit und Jugend nachzuspüren. Es regnete tagelang, aber endlich am 1. April war Fotowetter. Ich streifte fünf Stunden durch die Nebenstraßen des Kudamms und veröffentlichte das Ergebnis als Strecke hier im Blog. http://wp.me/p3UMZB-1uU Am Steinplatz fiel mir das Polaroid von Ilona ein, auf dem sie vor einer Notrufsäule steht. Ich ahmte das alte Foto nach und so entstand mein erster Vorher/Nachher-Fotovergleich. Die Motive dieser “Lost and Founds” werden meist durch Fotos meines Vaters, Bruders, sowie eigene Bilder vorgegeben. Auch Rainer Jacob und andere Amateur- und Profikollegen haben mir Material anvertraut.

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Das Off-Kudamm-Posting war recht erfolgreich und innerhalb von zwei Tagen wurde es 600mal besucht. Als zweites Projekt besuchte ich Schöneberg. Ich knipste das Café Mitropa, das Slumberland oder das Bowiehaus in der Hauptstraße. In kurzer Zeit sind ein rundes halbes Dutzend dieser Zeitreisen erschienen und hier werde ich alle als Serie verlinken. Manchmal haben sich die Orte kaum verändert und nur im Detail zeigen sich die vergangenen Jahre. Meist ist der Lauf der Zeit gut erkennbar, die freien Sichtachsen der Nachkriegszeit sind durch Neubauten und das frische Grün des Frühlings besetzt. Wie grün Berlin heute ist, fällt positiv auf. Aber andere Entwicklungen sind schade, anstelle der romantischen Plumpe am Marheineckeplatz hocken hässliche Glascontainer, oder der ehemals schicke Gloria-Palast wirkt unansehnlich und ist mit Spanholzplatten vernagelt. Ein halbes Jahrhundert hat sich in das Gesicht meiner Mutterstadt eingeschrieben und mit wechselnden Gefühlen lichte ich es ab.

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Heimstraße Marheineckeplatz 1959. (Der Autor fotografiert von seinem Vater.)

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Gloria-Palast (oben 1958).

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(Café Central Foto: Knut Hoffmeister)

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TEIL 1

Im ersten Teil der Serie besuchen wir die Nebenstraßen des Kudamms. Es war meine Heimat in den 70er Jahre, mit meiner Liebe Ilona wohnte ich in einer WG in der Schlüterstraße und arbeitete als DJ im Tolstefanz.

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Ilona am Steinplatz 1975.

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TEIL 2

1977 zog ich nach Friedenau und Schöneberg wurde meine Heimat. 1981 führt der gewaltsame Tod von Klaus-Jürgen Rattay, unter anderen am Winterfeldtplatz, zu bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen. Ich erinnere mich und fotografiere, was heute noch daran erinnert.

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Straßenschlacht Maaßenstraße (oben), ehemalige Hoffmanfiliale (unten).

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TEIL 3

Im dritten Teil besuchen wir die Gegend rund um das Kranzler-Eck. In der Rankestraße hatte meine Mutter in den 60ern ihren Phono-Klub und ich verbrachte dort meine Nachmittage. 1988 bis 98 wohnte ich am Rankeplatz.

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Rankestraße, ca. 1959.

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Teil 4

Im vierten Teil der Reihe besuche ich den Fehrbelliner Platz, den Preußenpark und den Hohenzollerndamm, wo ich bis zum sechsten Lebensjahr wohnte.

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Blick über den Hohenzollernplatz zur, von den Berlinern, “Kraftwerk Jesu” genannten Kirche.

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Teil 5

Die zweite Wilmersdorf-Strecke zeigt den Volkspark und den expressionistisch angehauchten Schramm-Block, wo ich aufgewachsen bin.

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Teil 6

Nicht nur die Wilmersdorfer kennen die Blissestraße, wo seit über 100 Jahren das Eva-Kino Kintopp auf die Leinwand bringt und seit 80 Jahren die Eisdiele Monheim seine Spezialitäten anbietet. Außerdem besuche ich das Kaufhaus meiner Kindheit, “Karstadt” an der Berliner Straße und forsche was daraus geworden ist.

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Teil 7

In der siebten Folge steht die westliche City im Mittelpunkt. Der Breitscheidplatz gehört wohl zu den Orten, wo sich Berlin am schnellsten verändert und der Fotovergleich macht es deutlich. Aber auch das 1965 gebaute Europa-Center hat sich gewandelt.

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Teil 8

Früher hat man sich feingemacht, heute geht der Berliner in Jeans und T-Shirt zum Sonntagsspaziergang. Wir gehen mit und vergleichen, wie sich Orte und Menschen verändert haben.

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M.K.


Die Serie wird fortgesetzt.

„Zeitsprünge” / Die Splitscreens aus „Lost and Found” / Berlin 1937 bis heute

Die Splitscreen-Collagen entstanden, weil ich Vorschaubilder benötigte, die in einem Rahmen mindestens ein altes und ein neues Foto vom gleichen Motiv zeigten. So konnte ich mein Vorher/Nachher-Konzept für die “Lost and Found”-Serie auf Facebook bewerben, ohne lange Worte machen zu müssen. Ich fand die Bildbearbeitungsseite Fotor und sammelte die Splitscreens in meinem Pinterest-Account. Inzwischen sind ca. 40 Collagen fertig und hier habe die schönsten 22 ausgesucht. Dazu findet Ihr Links für die Fotostrecken, auf denen die Originale gezeigt werden.

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Oben und unten ff: „West-Berlin Revisited“ / Wilmersdorf Teil 1: Preußenpark, Fehrbelliner- und Hohenzollern-Platz: http://wp.me/p3UMZB-1Af

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Oben: Bleibtreustraße, unten: „EVA-Lichtspiele, Monheim, Karstadt “ / Wilmersdorf Teil 3 / Berlin – Lost and Found: http://wp.me/p3UMZB-1Cm

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Oben: Wilmersdorfer Ecke Kanststraße, unten: Nassauische Straße, ehemaliges Flöz bzw. Black Korner.

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Oben: Steinplatz aus: http://wp.me/p3UMZB-1uU, unten: Joachimsthaler Straße aus: http://wp.me/p3UMZB-1zw

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Oben und unten 1, 2 aus: http://wp.me/p3UMZB-1CR

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Unten: aus: http://wp.me/p3UMZB-1Fx

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Oben und unten 1, 2 aus: http://wp.me/p3UMZB-1FQ

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Fotografen: Rainer Jacob, Helmut Kluge, Günter Jacob, Corneia Grosch und Marcus Kluge.

„Juno, Lux & Co“ / Reklame im Stadtbild Berlins 1954 bis heute

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Kranzler-Eck ca. 1960.

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Oben: Esso-Tankstelle Rankestraße, ca. 1957, unten: die Berliner Polizei wirbt um Nachwuchs, ca. 1960.

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Oben: ca. 1957, unten: Illu Reklame für die Berliner Bank, ca. 1965.

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Oben: Fleurop-Filiale, ca. 1958, unten: Kudamm, ca. 1960.

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Oben: Reklame-VW-Bus am Hohenzollernplatz, ca. 1954, unten: Litfaßsäule, ca. 1959.

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Oben: Schloßstraße, ca. 1978, unten: Havel, 1959.

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Oben: Flughafen Tegel, Werbung für die Nationalgalerie, ca. 1978, unten: Gemäldegalerie Dahlem, ca. 1977.

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Schwarz-weiß-Fotos oben + unten 1, 2, 3, 4 und 5: Ende 1970er Jahre.

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Oben: Kantstraße + unten: 1 (Maxim-Gorki-Theater), 2, 3, 4: alle 2016.

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Photos: MM. Jacob père & fils, MM. Kluge père & fils.

Schnelle Schuhe – „Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke – Punk in Berlin Teil 1

Heute beginne ich mit dem Reblog von “Schnelle Schuhe”, einer kleinen Reihe über Punk in der Mauerstadt. Neben den Texten von Cordula und mir werden drei weitere, neue Posts erscheinen. Zwei Artikel schildern die West-Berliner Punkszene aus der Sicht einer Spandauer Punkclique. Aufgeschrieben hat dieses Zeitdokument Olaf Kühl. Entnommen sind die Geschichten seinem, leider vergriffenen, Buch “laut und betrunken”. Außerdem erinnert sich der Musiker Sea Wanton, wie er 1983 mit seiner Band über die Transitstrecke nach West-Berlin kommt, um beim Atonal-Festival aufzutreten. Aber nun hat meine gute Freundin Cordula das Wort und erinnert sich an das Punk House, jene legendäre erste Punk-Location im West-Berlin der späten 70er Jahre. (M.K. Ob wirklich Bands wie “The Talking Heads” im Punk House gespielt haben, ist nicht zu belegen. Andere Zeitzeugen bestreiten es jedenfalls. Möglicherweise hat hier die Phantasie der Autorin einen Streich gespielt. )

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(Für meinen Sohn, der gerade 19 ist und seine Jugend an der XBox verschwendet.)

1977 kam ich nach Berlin um Kunst zu studieren, eigentlich: Visuelle Kommunikation, der eben erst eingerichtete FB 4 der Hochschule der Künste (die seit 2002 Universität der Künste heißt). Meine Eltern hatten es für mich vorbereitet. Ich war schon zur Aufnahmeprüfung nach Berlin gereist, aus Bad Gandersheim, wo ich gerade mein Abitur bestanden und bei der Zeugnisausgabefeier meinen ersten Vollrausch erlebt hatte.

Berlin war mein Sehnsuchtsort aus vielen Gründen. Auch dieses Lied, das ich aus einem alten deutschen Spielfilm kannte, schwingt da mit:
“Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin … Da
gehörst du hin”* [„Der eiserne Gustav“ 1958].
Kurz zuvor war ich noch Bowie Fan gewesen. Bowie hatte mir zuerst meine Schwester im gemeinsamen Kinderzimmer vorgespielt: “There’s a starman waiting in the sky …” Das hatten wir 1972 im Chor gesungen.

1971 besuchten wir als Familie Berlin. Wir waren mit dem Flugzeug in Tempelhof gelandet, im Zoo und in Ost-Berlin gewesen und konnten einem Selbstmörder beim Nichtspringen vom Europa-Center zuschauen.
Ich hatte die Nase voll von den irritierten Blicken der Kleinstädter und Kurgäste, wenn meine roten oder blauschwarzen Haare, meine schrille selbstgeschneiderte Kleidung (eine Hommage an meine Oma Alwine, die immer alles selbst genäht hatte), ihr Weltbild störten. Im Frühjahr hatte ich die Aufnahmeprüfung an der HdK bestanden und war zum Studienbeginn mit Sack und Pack nach Berlin gezogen.

September 1977. In der Hochschule der Künste, im Konzertsaal, spielte Iggy Pop – das war mir wichtig! Er war ein Freund von David Bowie (wie wenig ich davon wusste, dass die Beiden kurz zuvor in Berlin gelebt hatten, wurde mir erst in diesem Jahr, 2014, in der grossen Bowie-Ausstellung bewusst). Ich bin allein zum Konzert gegangen, kannte ja noch Keinen in der großen Stadt, die ja noch eine halbe Stadt war und doch die größte Westdeutschlands, strictly West-Berlin.
Meine erste eigene Wohnung war eine recht teure möblierte Ein-Zimmer-Butze mit Aussenklo und ohne Bad in Neukölln (U-Bahnhof Grenzallee). Das war damals verbreitet in West-Berlin. Ich hatte mich bald daran gewöhnt ins Stadtbad zu gehen, um in einer der Kabinen ein Wannenbad zu nehmen. War auch gar nicht teuer.
Ja, ich war froh, von meiner Familie weg zu sein. “Das Dasein ist okay, aber Wegsein ist okayer!”, singt Funny van Dannen heute in mein Ohr. Die Familie hatte sich bald nach meinem Weggang aufgelöst (hinterrücks).
Bei mir in Berlin war Ausgehen angesagt, das war ja in Bad Gandersheim so gut wie unmöglich gewesen. Ich liess mich hierhin und dorthin treiben, was die Stadtmagazine eben so ankündigten (die taz war noch nicht gegründet, das zitty gerade erst) – ein Landei von 19 Jahren, auf der Suche nach dem Glück – und lernte viele seltsame Menschen kennen. Heute staune ich, dass mir trotz meiner grenzenlosen Naivität und Unerfahrenheit nicht mehr passiert ist als dieser Typ, den ich eigentlich meinen ersten Freund nennen müsste, wenn es nicht so peinlich wäre. Er hieß Harald und war heroin-abhängig, was mich als Fan von “The Velvet Underground” wahrscheinlich eher neugierig als vorsichtig machte, hatte ich doch bisher nur in Songtexten von dieser Droge gehört. Und das war Kunst, oder? Meine Drogen waren (und sind) Kaffee und Zigaretten. Selbst vom Alkohol wurde mir eher noch übel. Dieser Typ also hatte wunderbare lange blonde Locken und einen niedlichen süddeutschen Akzent. Die Hippiediskotheken, in die er mich ausführte, waren nicht ganz mein Geschmack. Ich hatte schon im Radio Punkmusik gehört (Niedersachsen war Einzugsgebiet vom BFBS, British Forces Broadcasting Service, wo auch John Peel sendete).
Eine neue Bekanntschaft empfand mein geringschätziges Naserümpfen über die üblichen Kneipen als Herausforderung und zeigte mir den neuesten Schuppen am Lehniner Platz: das Punk House. Von diesem Tag an war ich dort Stammgast, fuhr jeden Abend (das Nachtleben begann damals noch vor Mitternacht) mit dem 29er Bus vom Hermannplatz den Kudamm rauf. Ich hatte meine neue Heimat und viele Freunde gefunden, die zusammen mit mir das Punk-Sein in Deutschland gerade erst entwickelten. So kam es mir vor. Das war mein Ding. “Don’t know what I want but I know how to get it”. Jeder konnte so sein wie er wollte. Keine Vorschriften, keine Vorurteile. Nur Hippie durfte man nicht sein. Klar, dass ich mich von Harald trennen musste. Zum Abschied klaute er mir die paar Wertgegenstände, die mein möbliertes Zimmer hergab. Schmerzlich vermisste ich nur die Spiegelreflexkamera. Ich hatte meine erste Großstadtlektion gelernt, seitdem war ich Heroin-Usern gegenüber misstrauisch. Eine neue Kamera sollte ich erst drei Jahre später wieder bekommen, als mein irischer Freund mir eine aus einem Fotogeschäft klaute.

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Aber das alles war jetzt nicht wichtig. Genauso wenig wie mein Studium. Das Nachtleben hatte mich voll im Griff und es war absolut erfüllend. “The Talking Heads” und viele andere Bands spielten live im Punk House, wo die Bühne nur ein abgeteiltes Stück Tanzfläche war, Auge in Auge mit den Fans, manche Musiker blieben hinterher noch ein Weilchen da. Wildes Pogo tanzen, sich vor Begeisterung gegenseitig mit Bier überschütten und ab und zu am Flipper austoben, solche Sachen waren jetzt wichtig. Ich lernte dort Nina Hagen kennen und schüttelte Rio Reiser die Hand.
Wie lange gab es das Punk House? Ich weiss es nicht. [Wolfgang Müller in „Subkultur Westberlin 1979-1989“ erzählt davon: „Im Sommer 1977 eröffnet das Funkhouse am Kurfürstendamm. Westberlin – Funky Town? Ein kapitaler Flop. Das Lokal läuft schlecht. Der Inhaber erkennt die Zeichen der Zeit. Eine kleine Buchstabenauswechslung hat große Folgen: Aus dem Funkhouse wird das Punkhouse. Und dieses Punkhouse entwickelt sich nun zum ersten Treffpunkt einer gerade erst im Entstehen begriffenen Westberliner Punkszene.“ ] Wenn ich die Vielfalt der Erlebnisse und der Konzerte dort addiere, komme ich auf gefühlte zehn Jahre. Es war aber wohl nur etwas mehr als ein Jahr.

Das Silvester zum Jahr 1978 erlebte ich schon mit meiner ersten Band, “DinA4”, die Mädchenband ohne Auftritte, aber mit Proberaum, den uns Blixa Bargeld in einem Keller in der Sponholzstrasse, Friedenau, besorgt hatte. Wir hatten uns im Punk House an der Theke kennengelernt und zusammengetan, Birgit, Barbara, Gudrun und ich. Wir entschieden uns für unsere Instrumente nach Gutdünken und Laune, denn Können war kein Kriterium. Silvester feierten wir in Gudruns Schöneberger Wohnung mit vielen Freunden und einem genialen Buffet voller Speisen, die mit Lebensmittelfarbe ihren ursprünglichen Charakter verlieren sollten: grüne Buletten, blauer Vanillepudding, sowas alles. Dazu mein erster LSD-Trip, eher unspektakulär.
Für mich war und ist Silvester allein schon ein Trip und dieses Feuerwerk über dem Wartburgplatz war einfach großartig. Ein paar Hippies waren auch da (aus Flensburg und Köln oder so), sie waren Musiker und hatten uns damit Einiges voraus. Sie waren okay, obwohl wir uns als Punks gern von den Hippies abgrenzten. Sie verhalfen uns später, als “Din A Testbild”, immerhin zum ersten richtigen Auftritt: 13. August 1978, Mauergeburtstag. Süße sechzehn Jahre Mauer wurden mit einer Torte gefeiert, die die
Berliner Punkband “PVC” von der Bühne herunter verteilte. Lecker! Ich glaube, es war schon eine gewisse Dankbarkeit für diesen Schutzwall vorhanden, der uns das besondere, zulagengeförderte, wehrdienstbefreite, West-Berliner Punkleben ermöglichte.

Beim Mauerfestival 1978 lernten wir die Düsseldorfer/Solinger Szene kennen. Musiker übernachteten bei uns und diese neuen Verbindungen brachten schöne Transitreisen mit sich. Wir spielten und tanzten im Ratinger Hof und in Hamburg. Ich erinnere mich heute nicht gut an die Einzelheiten. Liebesdinge spielten eine Rolle, Drogen natürlich und das, was wir definitiv nicht Rock’n’Roll nannten.
Zu der Zeit war ich bereits länger beim Plattenladen Zensor quasi “angestellt” um die Buchhaltung zu machen. Das brachte es mit sich, dass ich in Berlin alle Konzerte, die mich irgendwie interessierten, umsonst besuchen konnte. Ich bin gerade dabei eine Liste zu erstellen und die Länge, die Menge haut mich selbst um. Da wundert es mich nicht mehr, dass ich bald mein Studium geschmisssen habe. Das Leben war doch zu schön. Ich wollte es mir nicht von obskuren Aufgaben verderben lassen, die keinen Spaß machten und deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Inzwischen wohnte ich auch in der Wartburgstrasse (Schöneberg), Parterre. Die Küche war schwarz lackiert, das Schlafzimmer bonbonfarben und das Wohnzimmer grün und blau, wie ich es heute noch schön finde. Der Vermieter regte sich fürchterlich auf und schrieb Briefe an meine Eltern und meine Hochschule. Das amüsierte mich. Es gab ein Klo in der Wohnung! Zum Baden ins Stadtbad gehen war kein Problem. Ein Problem war der Kohleofen, der sich meinen Heizkünsten fast immer verweigerte. Als ich, zu Silvester 1978/79, vom Weihnachtsbesuch bei der Familie in Westdeutschland zurückkam, hatte ich Glatteis im Flur. Es war der legendäre Schneewinter, (in Schneewehen steckengebliebene Züge, ausgefallene Heizung, Fahrgäste, die miteinander die letzten Rotweinreserven teilten). Ich kroch mit dicken Wollpullovern unter die Bettdecke. Die Silvesterparty im Übungsraum konnte ich eh nicht mehr erreichen. Am nächsten Tag erfuhr ich, wer alles in welche Ecke gekotzt hatte.

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Der Zensor war ganz in der Nähe, Belziger Str. 23. Burkhardt freute sich, dass ich mich mit seiner elenden Zettelwirtschaft und den Anforderungen des Steuerberaters beschäftigen wollte. Ich wollte einfach nur ein bisschen Geld verdienen und mochte es, zwischen den Schallplatten (hatte doch selbst schon eine ansehnliche Sammlung zu Hause in den Obstkisten) und ihren Liebhabern zu arbeiten. Die vorderen Ladenräume gehörten dem Blue Moon, einem Rockabilly-Klamottenladen.

– wird fortgesetzt –

*”Du bist verrückt
Mein Kind
Du musst nach Berlin!
Wo die Verrückten sind

Da gehörst du hin!

Du bist verrückt
Mein Kind

Du musst nach Plötzensee.
Wo die Verrückten sind
Am grünen Strand der Spree!”

Berliner Volkslied. Die Melodie ist ein Marsch aus der selten gespielten und ersten abendfüllenden Operette “Fatinitza” (1876) von Franz von Suppé. Der Marsch ist im Libretto nicht textiert, die Worte hat der Berliner Volksmund hinzugefügt.

Die Zeichnung “Obey/Subvert” von Rainer Jacob zeigt den “Zensor” und seine “Buchhalterin” Cordula, rechts in der Subvert-Ecke. Sie ist als Illustration für das Kapitel “Beim Zensor hinter dem Blauen Mond”, aus dem Roman “Helden ’81” von Marcus Kluge, entstanden.

Berlinische Räume – “Joachimsthaler und Rankestraße” / Berlin – Lost and Found

 

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Verkehrskanzel Kranzler-Eck.

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Rankestraße Blickrichtung Ranke- heute: Friedrich-Hollaender-Platz, 1957.DSCN0240 (2)

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Rankestraße Los-Angeles-Platz, 1959.

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Ku-Damm Ecke Joachimsthaler Straße, 1960.

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Rankestraße Blickrichtung Marburger Straße.

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Agrippina-Haus Rankestraße.

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Oben: Heute ist es das “Ellington Hotel”, erbaut wurde das Gebäude 1928 als “Femina-Palast”. Es beherbergte legendäre Clubs wie die “Badewanne” und den “Dschungel”.

Unten: Das ehemalige “First” in der Joachimsthaler Straße, heute “Cheshire Cat”:

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Joachimsthaler Blickrichtung Bilka, heute Karstadt Sport.

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M.K.

Familienportrait –„Margys und Abschied vom Kudamm“ / 1975-77

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Gestern starb der Schauspieler und Musiker Rolf Zacher. Machs gut, Rolf!

Aus diesem Anlass reblogge ich meine kleine Margys-Geschichte. Rolf Zacher gehörte zu den Stammgästen des Lokals in der Joachimsthaler Straße.

1975 endet meine erste große Liebe. Ich ziehe aus der WG in der Schlüterstraße aus und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu meiner Mutter zu ziehen bis ich etwas Neues finde. Mit 20 ist das ein bisschen peinlich, nicht sehr. Tagsüber hänge ich noch viel in der Bleibtreustraße herum und treffe Hartmut, zu dem ich in die Knesebeckstraße ziehe. Abends gehe ich ins Margys in der Joachimsthaler Straße. Heute ist im gleichen Haus das Ku’dorf. Im Ku’dorf bin ich nur ein einziges Mal gewesen. Es war am 27. November 1975, dem Tag der Eröffnung. Mein Freund Robert T. Odeman, ein schwuler Literat, hatte mich dazu eingeladen, er hatte haufenweise Gutscheine für Speise und Trank und meinte, es könne lustig werden. Wurde es aber nicht. Die Berliner Mischung aus Filz und Schickeria der 70er Jahre war mindestens genauso unerträglich, wie besoffene Touristen. Na gut, wahrscheinlich schlimmer. Ich sage nur Lokalpolitiker…

Welt am Draht NEU

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Café Bleibtreu

Das Margys war aber gut, es lag im ersten Stock, im Sommer konnte man draußen auf der Terrasse stehen und feiern, es gab keine Anwohner, die sich beschwert hätten. Die Musik war gut und hier gab es eine nette Mischung von Tänzern, erotischen Abenteurern, Jungen, Mittel-Alten, Promis und natürlich gab es auch das gehobene Drogenvolk. Drogen waren nun mal in der 70er Jahren universal vorhanden. Die Schauspieler Y Sa Lo und Rolf Zacher waren Stammgäste, Y Sa am Anfang ihrer Karriere, Rolf war schon länger im Geschäft. In den 50er Jahren verdiente er als Rock’n’Roll-Tänzer in Rolf Edens Lokalen Geld. Von der Gage bei “Lautlose Waffen” (1966) kaufte er sich einen Porsche. Nach einem schweren Unfall wurde er mit Opiaten behandelt, als die nicht mehr gegen die Schmerzen halfen, landete er beim Heroin. Über 70 Entziehungsversuche und mehrere Gefängnisaufenthalte später, gelang es ihm in den 1980er Jahren, seine Sucht zu überwinden. Zachers Karriere brachte ihn weit, bis zur „Zauberberg“ Verfilmung von Geißendörfer, doch auch in die Niederungen der TV-Unterhaltung und in die Schlagzeilen der Boulevardpresse. Y Sa Lo gelangte zu eher kurzfristigem Ruhm in Fassbinder Streifen, dann machte sie Hörspiele und Theater, später unterrichtete sie Filmschauspiel.

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Joachimsthaler Straße

Im Frühjahr 1977 flippt Hartmut plötzlich und unerwartet aus. Nachdem er fünf Tage nicht geschlafen hat, glaubt er die Lösung für die deutsche Teilung zu kennen. Die Wiedervereinigung stehe vor der Tür, meint er. Kurz danach steht er vor der Tür der Nervenheilanstalt Wittenau und bittet um Einlass. Ich muss ausziehen.
Ich arbeite stundenweise in einer Buchhandlung in Friedenau. In der Rheinstraße 14 finde ich eine winzige Wohnung mit Kohleofen und Außenklo. Ich ziehe ein, weg vom Kudamm und seinen Nebenstraßen, und beschließe Schriftsteller zu werden. 

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Einzug Rheinstraße

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Hof Rheinstraße

https://de.wikipedia.org/wiki/Rolf_Zacher

Text: M.K. – Zeichnungen und Fotos: Rainer Jacob (Mit Ausnahme des Bildes von der Joachimsthaler Straße)

Familienportrait – “Schick siehste aus!” / Der Berlin-Look der 50er Jahre

Modenschau im Hilton-Hotel

Die Berliner waren nie dafür bekannt, sehr modebewusst zu sein. Die Hamburger kleideten sich gediegener, die Düsseldorfer modischer und die Münchner gaben mehr Geld für ihre Kleidung aus. Trotzdem gab es so etwas wie den Berliner Chic der 50er Jahre, klar, geradlinig, manchmal ein wenig gewagt und mit sehr viel Selbstbewusstsein getragen. Kopftuch trug die Damenwelt in Wirklichkeit, weil sie ihrer Frisur nicht sicher war. Sie tat aber so, als ob es ein gewolltes Accessoire wäre. Die kleinen Berliner wurden nur sonntags modisch aufgehübscht, normalerweise ließ man ihnen die Freiheit, in Shorts und Sandalen herumzuturnen. Da trotz Wirtschaftwunders bei vielen das Geld nicht locker saß, wurde viel improvisiert. Besonders die Berlinerin nähte, oder ließ nähen. In den Kaufhäusern gab es noch große Abteilungen, die neben Stoffen eine reiche Auswahl an Schnitten anboten. Ich habe spontan in die Fotokiste gegriffen und versucht dem “Berliner Look der 50er”, mit 15 Schwarzweiß-Fotos, ein Gesicht zu geben.

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“Kraftwerk Jesu”

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Wie heißt denn die Kleine?

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Schönes Hemd, praktische Shorts

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Zwerge im Grunewald

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Ball-Besucherinnen

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Wohl behütet

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Recherchen im Parkcafé

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Dame im Taftkleid

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Kopftuch im Duett

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Schick gemacht

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Ladenfrolleins in Herrenbegleitung

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Weißwand-Reifen

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Dame mit Koffergrammofon

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“Kudamm chic”

Die Bilder 1, 5, 11 und 15 stammen aus Rainer Jacobs Familienalben, die anderen aus meinen. M.K.

Familienportrait- “Bilder vom Knipskastenonkel” / Fotos aus den “Goldenen Zwanzigern”

Obwohl es gerade in Deutschland nach dem verlorenen Weltkrieg viele Probleme wie Arbeitslosigkeit und Inflation gab, hat sich der Begriff “Goldene Zwanziger” als Pendant zum englischen “Roaring Twenties” eingebürgert. Tatsächlich gab es in der ersten deutschen Republik ein völlig neues Lebensgefühl. Die Frauen schauen selbstbewusst in die Kamera. Der Krieg, durch den sie sich auch Männerberufen bewährt haben, und die Republik haben ihr Rollenverständnis verändert.

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“In Berlin manifestierte sich das Lebensgefühl der Jungen an der Gedächtniskirche und Kurfürstendamm im Westen der Stadt. Dort entstanden am Ende der Stummfilmzeit die neuen Großkinos Marmorhaus, Capitol und Ufa-Palast – noch mit siebzigköpfigem Symphonieorchester in braunen Samtjacken – und machten den ‘Floh-Kinos’ Konkurrenz. Das gesetzte Alter spazierte Unter den Linden, wo Klappstühle für fünf Pfennig aus der Allee eine Kurpromenade machten, so zum Beispiel Gerhart Hauptmann, der häufig im Hotel Adlon wohnte, oder Gustav Stresemann, der versonnen bei Spaziergängen mit seinem Stock im Sand grub. Der Straßenzug zwischen Nollendorfplatz und Olivaer Platz hingegen war Berliner Laufsteg für einen neuen Schick: Mit Erika und Klaus Mann ein Tanz auf dem Vulkan. Max Reinhardt baute seine beiden eleganten Theater am Kurfürstendamm, eingerahmt von Tribüne und Renaissance-Theater.” WiKi

IMG_20130916_0004Meine Großeltern

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In den 1920er Jahren war die Amateur-Fotografie noch eine Sache für die gehobenen Kreise. Einfache Leute ließen sich von ambulanten Fotografen ablichten, die in Parks und auf großen Plätzen ihre Kundschaft fanden. In Berlin nannte man sie auch “Knipskastenonkels”. Ursprünglich war ein “Knipskasten” die zigarrenkistengroße Apparatur in den Straßenbahnen, mit denen man seinen Fahrschein entwertete. Beim Ausstanzen der Pappstreifen gab es ein Geräusch, das ähnlich war wie das beim Auslösen eines Fotoapparats. Fürs fotografieren bürgerte sich also schnell das lautmalerische Wort “knipsen” ein. Folglich wurde aus der Kamera auch ein “Knipskasten”.

IMG_20140211_0003Atelier-Foto

Wenn man etwas mehr ausgeben wollte, ging man in ein Foto-Atelier. Dort ließ man gleich mehrere Kinder oder die ganze Familie ablichten, um Geld zu sparen. Erst als meine Großtante Lotte den Polizei-Offizier Paul Springer heiratete, kam ein Foto-Amateur in die Familie. Onkel Paul war sehr engagiert und seitdem konnte man auf professionelle Fotografen verzichten. Doch merkt man den Bildern an, dass sie noch nicht perfekt sind. Lange Belichtungszeiten führen zu Unschärfen und die Abzüge sind ziemlich körnig. Erst in den 1930er Jahren hatte Onkel eine Ausrüstung, die praktisch professionelle Ergebnisse ermöglichte. Ich hätte gern gesehen, was er in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg fotografiert hätte, aber Paul Springer nahm sich am 1. Mai 1946 das Leben, indem er sich unter die Heidekrautbahn legte.

Seine Geschichte kann man hier nachlesen:
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Atelier-Foto 1921

IMG_20130908_0002Großmutter (1.v.r.) und Schwestern

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IMG_20131220_0004Weihnachten

IMG_20130916_0003Sonntagskaffee

Weihnachts- und Kaffee-Foto hat wohl schon Paul Springer gemacht. Waldidyll und Lustgarten stammen auf jeden Fall von ihm.

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Neben Fotos aus meinen Familienalben habe ich Bilder der Familie meines Freundes Rainer Jacob verwendet.

Illustrierte Lesung: „Passbilder“ – Ein Jahrhundert Berlin in Wort und Bild

Im Periplaneta Literaturcafé* am 15. April um 20 Uhr, der Eintritt ist frei.

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Der Autor und Blogger Marcus Kluge liest aus seinen autobiografischen Romanen und Familiengeschichten. Er schlägt einen Bogen zwischen dem Jahr 1910, in dem seine Großmutter nach Berlin kam, um als Hausmädchen zu arbeiten, und der heutigen Hauptstadt der Berliner Republik. Ihn interessiert das Leben der einfachen Leute und wie die große Politik Einfluss auf sie nimmt.

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Im seinem ersten Roman, „Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll“, schildert er den West-Berliner Underground der 70er Jahre. Der zweite Roman, „Ein Hügel voller Narren“, führt den Leser ins von Hausbesetzungen polarisierte Berlin des Jahres 1981.

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Der Illustrator und Artdirector Rainer Jacob zeigt zur Lesung historische Fotos und eigene Zeichnungen.

– Es begann zu Ostern im Jahr 2013. Das Wetter war schlecht und ich hatte einen seltenen Anfall von Langeweile. Einer Eingebung folgend ging ich in den Keller und holte einen Karton mit alten Fotos und Papieren hoch. Ich versenkte mich in die Geschichte meiner Familie und war fasziniert.
Meine Mutter hatte mir viel erzählt, andere Verwandte auch, doch die „Aktenlage” gab einiges her, über das nie gesprochen wurde.

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Die Fotos, die einen Zeitraum von 1910 bis heute abdecken, halfen auch oft meiner Erinnerung auf die Sprünge. Ich schreibe nicht als Journalist oder als Familienchronist, eher als Geschichtenerzähler. Sicher ist auch etwas Sehnsucht nach dem alten Berlin beteiligt, in dem natürlich nicht alles besser war. Doch heute, 2016, ist auch die letzte Brache bebaut, jeder Kiez mit einer auswechselbaren Mall versorgt und jeder Freiraum zum Zwecke des Gelderwerbs vernichtet. Es fehlt mir mein altes Berlin, heute mehr denn je. – M.K.

Blog: https://marcuskluge.wordpress.com/

* Periplaneta Literaturcafé, Bornholmer Straße 81a, 10439 Berlin
Tel.: 03044673433  Internet: http://www.periplaneta.com/about/cafe/

„A Day in the Life“ Die Serie hat jetzt eine eigene Seite!

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Im Oktober 2015 hatte ich Zahnschmerzen. Zum Schreiben reichte die Konzentration nicht, also begann ich mit alten Kontaktbögen herumzuscannen. Heraus kam die Rekonstruktion eines Tages im Jahre 1978. Die kleinen Bildchen sind nicht sehr scharf und detailreich, aber gerade das Weiche hat einen Reiz. Die Bilder sind sozusagen “noninvasiv” und lassen noch Raum für die Imagination des Betrachters. Zudem hat Rainer damals schon “frameübergreifend” gearbeitet und so ergeben sich interessante Gegenüberstellungen.  Die Foto-Strecke mit kleiner Geschichte kam gut an und so wurde eine Serie daraus. Auf dieser Seite sind alle bisher erschienen Folgen verlinkt. Gute Unterhaltung!

So fing es an:

Zahnschmerzen führen nicht zu kreativen Einfällen, doch es scheint Ausnahmen zu geben. Gestern morgen merkte ich schnell, dass die Konzentration nicht zum Schreiben reichte. Also begann ich, meinem “Das Beste in Schwarz-Weiß-Wochen”-Motto folgend, mit den Kontaktbögen aus den späten 70er und frühen 80er Jahren zu spielen, die Rainer kürzlich mitbrachte. Als man noch mit Negativfilm arbeitete, legte man die Filmstreifen auf ein DIN A4 Fotopapier und belichtete sie dann. Somit hatte man ca. 30 Positivbilder im Format 24×36 Millimeter und konnte auswählen, was sich zu vergrößern lohnte. Ein Bogen gefiel mir besonders gut, Rainer hatte offensichtlich einen Sommertag mit der Kamera dokumentiert. Rainer streifte durch die Stadt, ging mit Freunden essen und abends schaut man sich Fassbinders “Despair” im Delphi an. Gute Unterhaltung bei der Rekonstrution eines West-Berliner Tages, 38 Jahre danach.

Teil 1 rekonstruiert einen Sommertag im Jahr 1978.

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Teil 2 beschreibt zwei Frühlingstage im Orwell-Jahr 1984. Ein Rockstar besucht mich in meiner bescheidenen Außenklo-Wohnung in der Rheinstraße. Am zweiten Tag unternehme ich mit Herbert einen Selbstversuch im Dauerfernsehen.

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Teil 3 entführt uns in ein Loft im Kreuzberg des Jahres 1977, wo Claudia Skoda ihre erste Modenschau veranstaltet. Rainer kommt zum fotografieren, während ich in Liebesdingen unterwegs bin.

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Der 4. Teil führt in den legendären Schneewinter 1978-79. Im März ’79 wird es endlich wärmer. Rainer und ich gehen mit der Kamera den Lenz suchen.

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Familienportrait – “Die Serie” / 100 Jahre Geschichte einer Berliner Familie

Es begann zu Ostern im Jahr 2013. Das Wetter war schlecht und ich hatte einen seltenen Anfall von Langeweile. Einer Eingebung folgend ging ich in den Keller und holte einen Karton mit alten Fotos und Papieren hoch. Ich versenkte mich in die Geschichte meiner Familie und war fasziniert.

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Oma, Olympische Spiele 1936

Meine Mutter hatte mir viel erzählt, andere Verwandte auch, doch die “Aktenlage” gab einiges her, über das nie gesprochen wurde. Die Fotos, die einen Zeitraum von 1920 bis heute abdecken halfen auch oft meiner Erinnerung auf die Sprünge. Irgendwann fing ich an, im Kopf Geschichten zu formulieren, aufschreiben war die logische Folge. Zusätzlich motiviert wurde ich, als Julia, die Stieftochter aus meiner Ehe, im Juli selbst eine Tochter bekam und mich zum Opa machte.

Ich schreibe nicht als Journalist oder als Familienchronist, eher als Geschichtenerzähler. Mich interessiert das Allgemeingültige der Geschichten und wie die “große Politik” in das Leben der “kleinen Leute” eingreift. Ich bin der Wahrheit verpflichtet, doch manchmal lege ich die Betonung auf ein bestimmtes Thema, weil es für mein eigenes Leben von Bedeutung war und ändere damit die Proportion. Ein weiteres Motiv ist psychotherapeutischer Natur, indem ich mich erinnere, verarbeite ich auch manches, was schon lange im Unterbewusstsein für Unruhe sorgt. Ich zupfe ein wenig an Details und manchmal macht ein kleine Übertreibung anschaulich, dennoch sind all diese Texte authentisch und nicht erfunden.

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Großmutter (rechts) und Schwestern, ca. 1910.

Entstanden sind inzwischen 28, meist längere Geschichten, 7 Fotostrecken und es kommen weitere Posts dazu. Die Reihe beginnt mit der Nachforschung, wo meine Vorfahren herkamen, bevor meine Oma 1910 nach Berlin kam, um hier als Hausmädchen “in Stellung” zu gehen. Von 1910 bis in die Nuller-Jahre unseres Jahrhunderts umfassen die Portraits “100 Jahre Geschichte einer Berliner Familie”.

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Hier werde ich alle Portraits in halbwegs chronologischer Reihenfolge verlinken und durch neue ergänzen. Im kommenden Jahr 2016 wird aus der Familienportrait-Serie mein 2. Buch entstehen. 29. Dezember 2015, Marcus Kluge

Die Serie:

Teil 1 erzählt wo meine Vorfahren herkamen, bevor sie Berliner wurden:

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Teil 2 berichtet, wie meine Oma 1910 nach Berlin kam und wie sich ihr Leben durch den 1. Weltkrieg änderte:

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Mein Opa findet Arbeit als Schaffner bei der BVG, 1922 wird meine Mutter geboren. Ihre Kindheit endet am 30.1. 1933, als der braune Mob durch die Stephanstraße zieht und die Machtergreifung feiert. Teil 3:

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In Teil 4 meiner kleinen Familien-Saga erleben wir, wie das Nazi-Regime, zwischen 1933 und 1939, in alle Bereiche des Lebens eindringt, privat bleibt kaum noch etwas. Deutlich wird die Veränderung am Streit um die “Kletterweste”.
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Anfang 1942, der Krieg dauert schon mehr als 2 Jahre, lernt Käte einen Mann kennen. Abends verkündet sie ihren Eltern, sie hätte den Mann getroffen, den sie heiraten werde. Teil 5:
https://marcuskluge.wordpress.com/2015/02/18/familienportrait-teil-5-in-einer-kleinen-konditorei-1942/

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Die Folgen 6 und 7 zeigen das Berlin und Deutschland vor Beginn des 2. Weltkriegs. Die Nazis prägen das Straßenbild mit Uniformen und Paraden.

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Teil 8. Am 20. Juli 1944 ist das Kriegsende ganz nah. In der Theaterpause glaubt man Hitler sei tot und man macht Pläne für den Frieden. Leider kommt es anders und Helmut muss wieder an die Front.

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Im 9. Teil der Familien-Serie erleben wir das Kriegsende, das nicht nur in Berlin apokalyptische Ausmaße annimmt. Elisabeth und Käte überleben und schlagen sich nach Wilmersdorf durch, wo sie eine Wohnung besetzen.

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Teil 10: Drei Jahre hat sie nichts von ihrem Helmut gehört. Wahrscheinlich ist er im Krieg oder in Gefangenschaft gestorben. Als er dann doch vor ihrer Tür steht, ist sie von einem anderen schwanger.

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Teil 11: Die tragische Geschichte meines Großonkels und seiner Frau schließt Familienserie für die 1. Hälfte des 20. Jh. ab. Der Berliner Polizist und Hobbyfotograf brachte sich am 1. Mai 1946, um. Ich erzähle, wie es dazu kam.
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Teil 12: Die zweite Hälfte der Familienserie beginnt mit meiner Geburt. Mein Vater ist irritiert über die roten Haare, außerdem wollte er ein Mädchen haben. Doch ich habe Glück, er sagt: “Wir nehmen ihn trotzdem!”

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1958 beginnt mein Vater für das “Büro Willy Brandt” zu arbeiten. Kollegen sind unter anderem Günter Grass, Wolfgang Neuss und ein echtes Original, der “Flötchen” genannte Horst Geldmacher. Wenn die Kollegen durch die Kneipen gezogen waren, finden sie sich oft bei meiner Mutter ein und spachteln Nudeln. Teil 13:
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Im 14. Teil der Serie erzähle ich, wie der Mauerbau 1961 auch meine Familie teilte. Allerdings vergrößert sich sie sich im gleichen Jahr, weil die venezolanischen Kluges nach West-Berlin ziehen und mit ihren Kindern bei uns wohnen. Aufregende Zeiten.
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Im 15. Teil der Familienserie erinnere ich mich an eine Freundin aus Kindertagen, die ihr Leben der Aufarbeitung des Holocausts gewidmet hat. Gute Unterhaltung mit “Susi, Ditzewurst und Wiener Library”.
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In der 16. Episode der Familienserie erzähle ich vom schwierigen Verhältnis zu meinem Vater. Schon an meinem sechsten Geburtstag wird deutlich, dass ich seine Erwartungen nicht erfüllen werde. Sein Geschenk landet im Müll.
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In Teil 17 erinnere ich mich an die Autos meiner Kindheit. Die kleine Geschichte ist mit vielen Originalfotos illustriert.

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Im 18. Teil der Reihe erzähle ich von den Medien, die mich als Kind geprägt haben. Viele Bücher, die Jugendvorstellung am Sonntag um 13.30 Uhr im Kino und die UFA-Filme, die das Ostfernsehen am Montagabend zeigte.

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In Teil 19 reisen wir mit der Blog-Zeitmaschine in die 1960er Jahre, in der Rankestraße, unweit der Gedächtniskirche, befand sich damals der “Europäische Phonoklub”. Meine kleine Geschichte mit 16 Fotos erzählt davon.

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Ich erzähle, wie ich die 68-Revolte erlebte und wieso sie mein weiteres Leben veränderte. Außerdem lerne ich Burkhardt Seiler kennen, der später als der Zensor bekannt werden wird. Gute Unterhaltung mit Teil 20: “Mao, Kollektiv und Schulverweis”.

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Ich lande auf einer merkwürdigen Privatschule und gerate auf Abwege. Kurze Zeit bin ich mit einer Striptease-Tänzerin zusammen. Sie nimmt mich in einen Club mit, in dem sich alles um “ein Pferd ohne Namen” dreht.

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Im 22. Teil erzähle ich wie die Bleibtreustraße zu ihrem Spitznamen kam. In der Nähe lebe ich mit meiner ersten großen Liebe und werde D.J. im Tolstefanz.

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40 Jahre hat mein Opa bei der BVG als Straßenbahnschaffner gearbeitet. Der sympathische Mann kann sich nicht lange seiner Rente erfreuen.

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Meine Mutter hat als Kind darunter gelitten, dass sie am 2. Weihnachtsfeiertag Geburtstag hatte. Deshalb wurde die erwachsene Käte an ihrem Wiegentag besonders geehrt.

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Tante Lotte und ihr Mann glaubten Zeugen einer „großen Zeit“ zu sein. Lotte sammelte von 1935 bis 38 Zeitungsausschnitte und gemeinsam klebten sie sie in ein Album, dem sie den stolzen Titel „Wir waren dabei“ gaben. Die Ernüchterung kam spät.

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In dieser Bildergeschichte sieht man wie Berlin, zwischen den 1930er bis 1970er Jahren, im Winter aussah.

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In dieser Momentaufnahme beschreibe ich ein Ritual, das es auch in meiner Familie gab: den Sonntagsspaziergang.

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Mein Vater war Schauspieler und Schauspiellehrer. Es hat mich geprägt, aber dennoch bin kein professioneller Mime geworden.

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Diese Fotoserie gewährt Einblicke ins West-Berliner Partyleben um 1950.

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Die Bildergalerie zeigt, wie der Fasching in den 60er Jahren in West-Berlin gefeiert wurde. Gab es früher mehr Luftschlangen? Sehen sie selbst.

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Meine Kindheit in bunten Bildern: “West-Berlin Childhood Revisited” / Colour photographs from the late 1950s.

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1977 breche ich zu neuen Ufern auf. Ich ziehe von dom Kudammkiez nach Friedenau und beschließe Schriftsteller zu werden.

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In “A Day in the Life 1978 / West-Berlin in Schwarz-Weiß” rekonstruiere ich einen Tag im Sommer 1978 aus einem Bogen mit Kontaktabzügen.

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In dieser Geschichte mit Bildern berichte ich von 2 Tagen im Orwelljahr 1984. Ein Rockstar besucht mich und die neue Medienwelt kündigt sich an.

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– wird fortgesetzt –

 

 

„LA BOHÈME WEST-BERLIN schelme schurken kebabträume” – Illustrierte Lesung

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Am 19.12. um 20 Uhr im “Naumann Drei” in der Naumannstraße. Eintritt frei.

Marcus Kluge liest aus seinen Romanen und Bloggeschichten über Bohèmiens, Punks, Künstler und Bösewichter in der Mauerstadt West-Berlin. Der Illustrator und Fotograf Rainer Jacob zeigt dazu Fotos und Orginalzeichnungen mit dem Videobeamer.

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– 1977 ziehe ich nach Friedenau und beschließe Schriftsteller zu werden. Bis zum ersten eigenen Buch dauert es dann 38 Jahre, aber die hatten es in sich. Gut das wir heute auf Pixel und Papier schreiben und nicht mehr auf Kuhhäute, denn ich habe viel zu erzählen. –

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Marcus Kluge & Rainer Jacob

– Mein kürzlich als Buch erschienener Roman „Xanadu ’73” berichtet vom kurzen und tragischen Leben meines Schulfreundes Beaky, der vom Popfan zum Drogenkonsumenten wurde und schließlich an einer Überdosis starb. Dabei schildert es die West-Berliner Bohème der frühen 1970er Jahre. Kiffer, Dealer, DJs, Ärzte und Antiquitätenhändler bildeten damals eine ganz eigene Subkultur in den Nebenstraßen des Kudamms. Mein zweiter Roman „Ein Hügel voller Narren” beginnt acht Jahre später am Tag, als der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay, während eines Polizeieinsatzes, von einem Doppeldeckerbus überrollt und getötet wird. Roberto kommt nach einem Knastaufenthalt in seine Heimatstadt zurück und findet West-Berlin polarisiert durch Polizeiübergriffe, Hausbesetzungen und die Zeitungshetze gegen die Protestbewegung. „Ein Hügel voller Narren” ist fast fertig und wird 2016 als Buch erscheinen. Außerdem hören wir einen Ausschnitt aus „Schnelle Schuhe – Punk in West-Berlin” Im subkulturell gesättigten Biotop West-Berlin geriet selbst die Punkbewegung zur Bohème. – Marcus Kluge

Es gibt die Möglichkeit signierte Bücher, Fanzines und West-Berlin-T-Shirts zu kaufen.

Textbeispiel aus „Schnelle Schuhe” Punk in West-Berlin:

– Wahrscheinlich das Beste an den Punk-Jahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun.

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1983. Wir sind zu dritt und haben ein Kunstkopf-Mikrofon und einen tragbaren Audio-Rekorder dabei. Irgendwo am Teltowkanal kennen wir einen Schrottplatz, der am Wochenende unbewacht ist. Herbert und ich sind nicht allein, Cordula ist auch dabei, glaube ich.
Damals hatte ja jeder eine Band, eine Kapelle, Combo oder wenigstens ein Musik-Projekt oder zwei. Besonders beliebt mit ungewöhnlichen Geräten zu musizieren. Zum Beispiel Presslufthämmer oder Seitenschneider. Wir benutzten gern Kaffeemaschinen, je verkalkter desto besser, oder Küchengeräte wie die Moulinette, für unsere Aufnahmen als „Cut-Up-Swingers”. Nicht fehlen durften martialische Metallteile als Percussion-Instrumente. Auf dem Schrottplatz machten wir mit Herberts kleinem Audiorekorder Aufnahmen. Den benutzte er sonst zum Mitschneiden von Konzerten. Wir kletterten also über einen Zaun, suchten uns geeignete Schrottteile und machten damit lauten, rhythmischen Lärm. Cordula hatte sich schon immer gefragt, wie ein Bagger klingt? Nun konnte sie es ausprobieren. Nach zehn oder zwölf Minuten, wir waren so richtig in Fahrt, mischte sich eine fremde Stimme in die Tonaufnahme, live! Sie brüllte:
„Watt soll’n ditte hier?”
Die Aggressivität der männlichen Stimme wurde durch das entgrenzte Kläffen eines Hundes unterstrichen.
„Wir machen Musik!”, brüllte ich zurück. Jetzt sahen wir den „Schrottplatz-Offiziellen” und seinen riesigen Schäferhund-Rotweiler-Mischling. Beide waren fuchsteufelswild und der Mann schrie die folgenden, unsterblichen Sätze:
„Ach Musik! Ach Musik ist ditte! Macht mal ‘n langen Schuh, sonst jipps Keile!”
Wir beschlossen ohne weitere Diskussion der Aufforderung des Schrottwächters nachzukommen. Schnell packten wir Mikro und Rekorder zusammen, kletterten zurück und spätestens als wir auf unseren Fahrrädern saßen, konnten wir kaum noch die Balance halten vor lachen. Den „Ach Musik!” Audio-Clip bauten wir in einen Song ein und benutzten ihn als Jingle bei unseren Veranstaltungen. Er wurde zum Markenzeichen und zum geflügelten Wort für alle Grenzwertigkeiten musikalischer Natur und an solchen waren die 1980er Jahre reich . –

Fotos und Illustrationen: Rainer Jacob

Familienportrait –„Margys und Abschied vom Kudamm“ / 1975-77

Das Margys –  Zeichnung: Rainer Jacob

1975 endet meine erste große Liebe. Ich ziehe aus der WG in der Schlüterstraße aus und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu meiner Mutter zu ziehen bis ich etwas Neues finde. Mit 20 ist das ein bisschen peinlich, nicht sehr. Tagsüber hänge ich noch viel in der Bleibtreustraße herum und treffe Hartmut, zu dem ich in die Knesebeckstraße ziehe. Abends gehe ich ins Margys in der Joachimsthaler Straße. Heute ist im gleichen Haus das Ku’dorf. Im Ku’dorf bin ich nur ein einziges Mal gewesen. Es war am 27. November 1975, dem Tag der Eröffnung. Mein Freund Robert T. Odeman, ein schwuler Literat, hatte mich dazu eingeladen, er hatte haufenweise Gutscheine für Speise und Trank und meinte, es könne lustig werden. Wurde es aber nicht. Die Berliner Mischung aus Filz und Schickeria der 70er Jahre war mindestens genauso unerträglich, wie besoffene Touristen. Na gut, wahrscheinlich schlimmer. Ich sage nur Lokalpolitiker…

Welt am Draht NEU

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Café Bleibtreu

Das Margys war aber gut, es lag im ersten Stock, im Sommer konnte man draußen auf der Terrasse stehen und feiern, es gab keine Anwohner, die sich beschwert hätten. Die Musik war gut und hier gab es eine nette Mischung von Tänzern, erotischen Abenteurern, Jungen, Mittel-Alten, Promis und natürlich gab es auch das gehobene Drogenvolk. Drogen waren nun mal in der 70er Jahren universal vorhanden. Die Schauspieler Y Sa Lo und Rolf Zacher waren Stammgäste, Y Sa am Anfang ihrer Karriere, Rolf war schon länger im Geschäft. In den 50er Jahren verdiente er als Rock’n’Roll-Tänzer in Rolf Edens Lokalen Geld. Von der Gage bei “Lautlose Waffen” (1966) kaufte er sich einen Porsche. Nach einem schweren Unfall wurde er mit Opiaten behandelt, als die nicht mehr gegen die Schmerzen halfen, landete er beim Heroin. Über 70 Entziehungsversuche und mehrere Gefängnisaufenthalte später, gelang es ihm in den 1980er Jahren, seine Sucht zu überwinden. Zachers Karriere brachte ihn weit, bis zur „Zauberberg“ Verfilmung von Geißendörfer, doch auch in die Niederungen der TV-Unterhaltung und in die Schlagzeilen der Boulevardpresse. Y Sa Lo gelangte zu eher kurzfristigem Ruhm in Fassbinder Streifen, dann machte sie Hörspiele und Theater, später unterrichtete sie Filmschauspiel.

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Joachimsthaler Straße

Im Frühjahr 1977 flippt Hartmut plötzlich und unerwartet aus. Nachdem er fünf Tage nicht geschlafen hat, glaubt er die Lösung für die deutsche Teilung zu kennen. Die Wiedervereinigung stehe vor der Tür, meint er. Kurz danach steht er vor der Tür der Nervenheilanstalt Wittenau und bittet um Einlass. Ich muss ausziehen.
Ich arbeite stundenweise in einer Buchhandlung in Friedenau. In der Rheinstraße 14 finde ich eine winzige Wohnung mit Kohleofen und Außenklo. Ich ziehe ein, weg vom Kudamm und seinen Nebenstraßen, und beschließe Schriftsteller zu werden. 

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Einzug Rheinstraße

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Hof Rheinstraße

Text: M.K. – Zeichnungen und Fotos: Rainer Jacob (Mit Ausnahme des Bildes von der Joachimsthaler Straße)

 

Familienportrait – “West-Berlin in Black & White” / 1960 Part 2

Bild  Kudamm

Bild  Volkspark

Bild  Playground

Bild  Klepper, Tauentzienstraße

Bild Visitors from the “Sowjet-Zone”

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Sick Bed Visit

Bild  Livländische Straße

Bild  BAK

Bild  “Stadtautobahn”

Bild  Preußenpark

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Karstadt Department Store (Badensche Straße/Berliner Straße)

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Polar Bear at the Zoo

Familienportrait – Die Serie: http://wp.me/P3UMZB-1

Familienportrait – “West-Berlin in Black & White” / 1960 Part 1

Bild  Weinhandlung Bundesallee Ecke Am Volkspark

Bild  Verkehrskanzel Kranzlereck

Bild  Fehrbelliner Platz

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Bild   Stadtautobahnbauschild

Bild  Brandenburgische Straße

Bild  Volkspark Wilmersdorf

Bild  Blisse Ecke Brandenburgische

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Mannheimer Straße

TV-Satire – “Er tat nur seine Pflicht” / Barschel-Affäre 1987

Aus der Barschel-Affäre mache ich eine Kabarettnummer und erfinde die Kunstfigur “Reverend Preiswert”. Einen Prediger mit Hitlerbärtchen, der im Stil amerikanischer Fernseh-Evangelisten, Uwe Barschel, nach seinem ungeklärten Tod, einen Persilschein ausstellt. Die Sendung wird mehrfach im West-Berliner Kabelnetz ausgestrahlt. Auch an einem Wochenende, an dem viele CDU-Mitglieder zu einer Veranstaltung nach West-Berlin gereist waren. Die meisten Hotels in der Kudammgegend waren bereits mit Kabel ausgestattet, es hagelte Beschwerden. Doch Kunst- und Meinungsfreiheit erlaubten meine Satire, ich durfte weitersenden.

Berlin Typography

Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

Das Leben und was uns sonst noch so passiert

500 Wörter die Woche

500 Wörter, (fast) jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

Gabryon's Blog

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Bilder sehen und verstehen.

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literaturfrey - Kunst und Kultur

In der Kunst spielt ja die Zeit, umgekehrt wie in der Industrie, gar keine Rolle, es gibt da keine verlorene Zeit, wenn nur am Ende das Möglichste an Intensität und Vervollkommnung erreicht wird. H. Hesse

blackbirds.TV - Berlin fletscht seine Szene

Zur Musikszene im weltweiten Berliner Speckgürtel

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Buchbesprechungen von Ulrike Sokul©

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