Berlinische Leben – „Bela Rattay’s Dead“ / „Helden ’81” – Kapitel Eins / von Marcus Kluge / 1981

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Heute vor 35 Jahren wurde der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay von einem BVG-Bus getötet. Es folgten bürgerkriegsähnliche Zustände, keiner der diesen Tag hautnah erlebte, wird ihn vergessen können. An diesem Tag beginnt auch mein zweiter Roman “Helden ’81” und aus diesem Anlass reblogge ich das erste Kapitel.

“He that is taught only by himself has a fool for a master.” Hunter S. Thompson.

Der Anzug war hellblau und sah irgendwie schief aus. Es war der am schlechtesten sitzende Anzug, den ich je gesehen hatte. Roberto schien stolz auf ihn zu sein, er hatte ihn zur Entlassung aus dem Gefängnis bekommen, zusammen mit 235 kanadischen Dollars und einer Bibel. Im Café Mitropa wirkte er wie ein Fremdkörper unter den ansonsten ausschließlich in schwarz gekleideten Gästen. Aus der Anlage tönte „Bela Lugosi’s Dead” von Bauhaus. Man musste etwas lauter sprechen um sich zu verständigen.

„The bats have left the bell tower
The victims have been bled
Bela Lugosi’s dead.”

Roberto wirkte wie ein hellblauer Schmetterling, der sich unter die Fledermäuse gemischt hatte. Das Café Mitropa sah in etwa aus wie eine Eisdiele in den 50er Jahren, die Gäste saßen auf mit Plastikschnüren bespannten Stühlen an winzigen Bistrotischchen. Den Tresen zierten eine Designerorangenpresse, die ebenfalls aus den 1950ern stammte und einer Mondrakete glich, sowie eine chromblitzende Expressomaschine.

„Ich habe hoch gepokert und verloren. So ist das Leben nun mal. Man kann nicht immer gewinnen”, erklärte mir Roberto mit einem überzeugten Lächeln.
Er hatte sich kaum verändert in den zweieinhalb Jahren, die wir uns nicht gesehen hatten. Er wirkte immer noch wie ein junger Gentleman aus den Südstaaten der USA, hoch gewachsen, mit dunkelblonden, lockigen Haaren und einem großen Schnurrbart. Ein draufgängerischer Gentleman, einer der Erfolg bei den Damen hat, trotz des traurigen Zuges um seine Augen, oder eben gerade deshalb. Vielleicht hatte der Gentleman einen Freund im Duell erschossen oder er hatte Spielschulden…? Diesen romantischen Blick hatte Roberto seit er 1974 Deutschland verlassen hatte, um den Großteil des Jahres in Indien zu leben. Ich hatte ihn heimlich bewundert für seinen Lebensstil. Ich fragte ihn: „Wieso hat du es überhaupt gemacht? Ich dachte du wärst zufrieden mit deinem Leben. Die meiste Zeit in Goa, am Strand, unter Palmen und ein paar Monate im Sommer in Berlin. Das war doch Klasse.”
Roberto zwirbelte seinen Bart und zog die Stirn kraus: „Du vergisst, dass ich in Goa auch arbeiten muss. Es ist zwar nur eine kleine Pension, aber im Grunde hab ich den Job eines Hoteldirektors. Ich bin nur ein besserer Diener für die Leute, die bei mir wohnen. Und die Sommermonate kann ich mir kaum leisten im teuren Berlin.”
„Verstehe, dann hast du dir gesagt, wenn schon denn schon und hast Nägel mit Knöpfen gemacht.”
Nägel mit Knöpfen waren es natürlich nicht, die er gemacht hatte. Es handelte sich vielmehr um

eine wunderschöne, hölzerne Yacht, die 1939 von Malaysia aus auf Jungfernfahrt gegangen war. Zusammen mit einem Kumpel, „Ari”, und anderen „Kollegen” hatte Roberto sie in Goa gekauft. Anschließend segelten sie nach Kerala, wo sie außer ihrer „Connection” niemand kannte. Goa war sozusagen ein Dorf, in dem eine größere Transaktion schwerlich geheim zu halten war und inzwischen hatten sich zivile Drogenfahnder unter die Hippies und Touristen gemischt, die nur an größeren Brocken interessiert waren. Deshalb wickelten Roberto und seine Freunde ihr Geschäft im Süden Indiens ab. Dort wurden 250 Kilo bestes Haschisch fachmännisch im Boot versteckt und es wurde per Schiffsfracht nach Kanada geschickt.
In Toronto nahmen Ari und Roberto die Yacht in Empfang und hier wollten sie den Schlussakt ihres Stückes inszenieren und abkassieren. Richtig groß abkassieren. Sie wohnten in einem Luxushotel und spielten reiche Jungs, vor der Geldübergabe ließen sie sich bei einem Starfriseur die Haare schneiden. Genau in diesem Moment übernahm die kanadische Polizei die Regie. Schwerbewaffnete, uniformierte Statisten betraten die Bühne, Statisten, die nicht in ihrem Skript standen. Den Haarschnitt bekamen sie erst im Gefängnis.
„Es war ein perfekter Plan, die Chancen das er schiefgeht, waren eins zu einer Million. Wir sind an menschlichem Versagen gescheitert. Einer der Segler, die wir engagieren mussten, weil Ari und ich ja keine Ahnung davon hatten, wurde von seiner eifersüchtigen Freundin verraten. Die hatten uns schon seit Kerala beschattet, na ja, damit konnte niemand rechnen.”
Ein sehr dünner, blasser Mann betrat das Café Mitropa. Er trug natürlich auch schwarze Klamotten, besonders auffallend war eine zu kurze, weite Jacke aus Gummi. Seine schwarzen Haare hatte er im Stil einer Ananas hoch gebunden, seine Wangen wirkten trotz seiner Jugend eingefallen. Er unterhielt sich mit der Tresenfrau, die ihm ein paar Briefe gab, die im Regal hinterm Tresen bereit lagen. Roberto schüttelte den Kopf und fragte mich nach ihm, Ich kannte ihn aus Friedenau, er hieß Christian Emmerich und nannte sich neuerdings Blixa Bargeld. Er war Sänger der Band „Einstürzende Neubauten.
Roberto schaute mich ungläubig an: „Einstürzende Neubauten?” Ich nickte grinsend: „Ja das ist der letzte Schrei.”
Langsam nervte mich, dass wir fast schreien mussten. Ich hatte auch den Eindruck, dass sich mein Freund zunehmend unwohl fühlte in dieser Umgebung.
„Sag mal, du sagtest, du wohnst hier in der Nähe?”
„Ja, ich wohne bei Caro am Winterfeldtplatz.”
Caro war Robertos jüngere Schwester. Er musste jetzt 28 sein, sein Schwester vier Jahre jünger. „Ich bin ganz froh bei ihr zu sein, Caro ist im siebten Monat schwanger und der Erzeuger hat sich aus dem Staub gemacht.”
Blixa verließ eben das Café mit einer Flasche Fernet und ein paar Zitronen. Er ging in Richtung Frankenstraße, wo er in einem besetzten Haus wohnte. Wir gingen in die andere Richtung. Schon von der Goltzstraße aus konnten wir sehen, dass der ganze Winterfeldplatz von „Wannen” mit schwer gerüsteten Polizisten umstellt war. Roberto zog wieder die Stirn kraus: „Kaum ist man zwei Jahre weg, verwandelt sich Berlin in einen Polizeistaat. Was ist hier eigentlich los, Marcus?”
Ich musste etwas ausholen, aber ich bemühte mich um Kürze. Dann begann ich ihm die Vorgeschichte der Hausbesetzerbewegung zu erklären. Ich erzählte von der Autobahn, die die West-Berliner Filzokraten durch Kreuzberg bauen wollten. Dass sie dafür den halben Bezirk abreißen wollten und davon, dass Häuser besetzt wurden, um diesen Prozess zu stoppen und der Konflikt eskalierte, besonders wegen eines Innensenators Lummer, der mit extremer Härte reagierte.
„Aber heute ist es besonders schlimm, oder?” Roberto, der eben noch so selbstbewusst gewirkt hatte, machte jetzt einen geradezu eingeschüchterten Eindruck. Wir blieben stehen und beobachteten den Korso, den die Mannschaftswagen nun aufführten. Die Wannen fuhren mit geöffneten Hintertüren im Kreis um den Winterfeldtplatz, während die Mannschaften in den Wagen mit ihren Gummiknüppeln im Takt auf ihre Schilder schlugen. Es machte einen martialischen Eindruck und der war auch beabsichtigt. Nun flogen erste Steine auf die Wannen und die getroffenen Wagen blieben stehen, die Beamten rückten aus, um Jagd auf alles und jeden zu machen, der ihnen unter die Knüppel kam. Roberto hatte nun echte Angst und ich fühlte mich ebenso unwohl. Wir liefen die letzten Meter bis zum Slumberland, neben dem Roberto stoppte. In letzter Sekunde schloss Roberto das Haus auf, und als wir drin waren, schloss er die Haustür sofort wieder zu. Kurz danach begannen die Bullen gegen die Tür zu treten. Wir warteten den Ausgang dieses Kräftemessens nicht ab und liefen in den dritten Stock des Hinterhauses. Erst als Roberto die Wohnungstür abgeschlossen und mit einer Kette gesichert hatte, fühlten wir uns halbwegs sicher. Das die Bullen in Wohnungen eingedrungen waren, hatte ich noch nicht gehört. Roberto sah mich mit großen Augen an: „Was ist denn heute los?”
Ich erklärte es ihm, soweit ich konnte. Bela Lugosi war nicht gestorben an diesem 22. September 1981, sondern ein 18-jähriger Hausbesetzer namens Klaus-Jürgen Rattay. Der Hardliner Lummer hatte ein Haus in der Bülowstraße räumen lassen. Danach gefiel es ihm, sich wie Napoleon, dem er ja ähnelte, auf einem Balkon von seinen Truppen feiern zu lassen. In der Folge war es zu einem besonders harten Polizeieinsatz gekommen, bei dem Rattay in den Verkehr der Potsdamer Straße getrieben und von einem BVG-Bus überfahren worden war. Indirekt war Lummer damit zum Mörder geworden und die Szene war schockiert, traurig und wütend. Später würde es mit Lummer ein klägliches Ende nehmen. Es kam heraus, das er jahrelang die sexuellen Dienste einer Stasiagentin genutzt hatte, ebenso war er lange heimlich für den BND tätig. Das er auch in miese Waffengeschäfte mit arabischen „Freunden” verwickelt war, ist nie richtig aufgeklärt worden. So wie das bei dieser Art von Deals meistens ist.
Roberto schüttelte den Kopf: „Da war’s ja richtig gemütlich und sicher in meiner Zelle in Kingston, Ontario.”
Wir setzten uns, nachdem Roberto Tee gekocht hatte, hier im Hinterhaus war es ruhig. Die Wohnung deutete auf eine weibliche Bewohnerin, alles war hübsch dekoriert und eingerichtet. Bunte Lampen und Kissen, sowie Blumen und Kerzen rundeten den Eindruck ab. Ich hatte Caro immer nur als kleine Schwester von Roberto wahrgenommen und fragte mich, wie sie jetzt wohl aussähe.
„Wieso hast Du mich eigentlich nie besucht in Goa?”, er fragte mich nicht zum ersten Mal, doch offensichtlich erinnerte er sich nicht an unsere früheren Gespräche. Dieses Thema war schwierig für mich, normalerweise redete ich mich mit meiner Reisephobie heraus, aber Roberto kannte mich zu gut, um das zu so leicht hinzunehmen. Da gab es etwas in mir, das ich gern verdrängte, eine diffuse Angst. Ich versuchte es zu erklären: „Weißt du, ich komme schon hier mit meinem Leben schwer klar. In Indien hätte ich Angst unter die Räder zu kommen. Ich fürchte mich auch vor den Drogen, die da so leicht und so billig zu haben sind.”
„You telling me!”, Roberto lachte: „da hast du natürlich Recht. Aber ich hätte schon auf dich aufgepasst.” Er klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter.
„Woher hattet ihr eigentlich das Geld für die Yacht und die Riesenmenge Dope?” Ich versuchte ihn wieder auf unser ursprüngliches Thema zurückzuholen.
„Da gibt es so ‘ne Art Banken, also Leute, die so etwas finanzieren. Das hat hauptsächlich mein Kumpel Ari gemacht.” Er machte eine wegwischende Handbewegung und sah an mir vorbei aus dem Fenster. Das Thema war ihm wohl nicht sehr angenehm, aber es interessierte mich: „Wollen die ihr Geld nicht zurückhaben?”
„Ja, im Prinzip schon, aber Ari lebt nicht mehr”, Roberto sah mich prüfend an und merkte, ich würde nachfragen, also kam er mir zuvor, „Ari ist schon ein Jahr nach dem Prozess nach Österreich abgeschoben worden. Kurz danach ist er in Wien gestorben, manche Leute sagen, es war Selbstmord. Aber das war nicht sein Ding, Selbstmord. Weißt du, Ari war ein Waffennarr, wahrscheinlich war es ein Unfall oder er hat russisches Roulette gespielt. Das wäre schon eher sein Ding gewesen.”
„Traurig, vielleicht hat ihn die Haft so fertig gemacht und er hat sich erschossen?” Irgendwie nahm ich Roberto seine Version von einem Unfall nicht so ab. Wir kannten uns halt schon lange und gut und ich nahm Signale wahr, die für Außenstehende unsichtbar gewesen wären.
„Nein, du machst dir da falsche Vorstellungen. Der Knast in Kanada ist fast ein Erholungsheim. Ich war in meiner Zelle meist ziemlich happy. Keiner konnte mir im Knast mein Lächeln wegnehmen. Oft sind mein “mind”, on it’s own, auf Wanderungen gegangen und mein “brain” ist hinterher gestolpert. Mein Leben, alle meine Freunde waren bei mir. Es war schön, die Ruhe. Ich habe viel gelesen, Hermann Hesse und so. Ich hatte sogar ein Bild von ihm in der Zelle. Und Bücher über Buddhismus habe ich dort endlich verstehen können. Zum meditieren ist so ein Raum ideal. Wie in einem Kloster. Ich war noch nie so glücklich in meinem Leben.”
Innerlich schüttelte ich meinen Kopf. Roberto hatte die ausgeprägte Fähigkeit, sich selbst etwas vor zu machen. Darüber konnte ich nur staunen. Mir gelang das überhaupt nicht. Ich sah immer die Realität in all ihren hässlichen Facetten. Irgendwann hatte ich Drogen probiert, das machte es nur noch schlimmer. Robertos Einfalt schien mir ein Glück für ihn zu sein. Ein Glück das wohl auch eine Schattenseite hatte. Ich musste an ein Gemälde denken, das ich in Venedig gesehen hatte. Ein altersloser Mann saß auf einem Berg unter einem Baum und spielte völlig allein und selbstvergessen auf der Flöte. Das Licht deutete auf Nachmittag, das Ende des Tages hin. Unten im Tal floss ein munterer Bach an den Ort seiner Bestimmung. Der Fluss verkörperte das Leben, das an dem Mann auf dem Berg vorbei floss. Er hatte fast sein ganzes Leben vertan, vertrödelt. Der italienische Titel war mit „The Fool On The Hill” übersetzt. An dieses Bild musste ich denken, an diesen weltvergessenen Narren erinnerte mich Roberto. Noch etwas musste meine niemals ruhende Neugier erfahren: “Der Name Ari ist selten, war das ein Grieche?”, Namenskunde und Etymologie haben mich stets fasziniert, wie andere Menschen Tennis oder Schach.
„Nein, Grieche war er nicht. Seine Eltern sind vor Ceaucescus Geheimdienst nach Österreich geflohen, als Ari noch ein Kind war. Eigentlich hieß er Aristid Olt.”
„Aristid Olt”, der Name kam mir bekannt vor, ich hatte nur keine Ahnung woher. Man müsste einen Computer haben, auf dem alles Wissen der Welt gespeichert war, oder der wenigstens mit Experten überall verbunden war, die man fragen könnte. Der Gedanke machte mich traurig. Selbst wenn es so ein Gerät gäbe, wäre es bestimmt zu kompliziert, als das ich es hätte bedienen können, mit meiner Ungeschicklichkeit was Technik anging.

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Um 20 Uhr machten wir den Fernseher an und guckten die “Tagesschau”. Kein Wort davon, dass Rattay von der Polizei in den Tod getrieben wurde. Statt dessen Panikmache mit „Straßenterror”, ich wartete auf einen Nazi-Vergleich, doch der kam nicht. Stattdessen war von einem erstochenen Polizisten die Rede. Natürlich eine Falschmeldung, bewusst gestreut, um Bevölkerung und Bullen gegen die Hausbesetzer aufzubringen. Später hörte ich, dass man der kasernierten Polizei kurz vor ihrem Einsatz noch diese Nachricht vorführte, um sie zu einer harten Gangart zu „motivieren”.
„Wo ist deine Schwester eigentlich?”
„Wenn ich das wüsste. Eigentlich wollte sie schon zurück sein. Ich hoffe bloß sie ist in Sicherheit. So wie die Bullen drauf sind, machen die auch vor einer Schwangeren nicht halt.”
Ich teilte Robertos Befürchtung, dieser uniformierte Mob machte vor gar nichts halt, fürchtete auch ich. Über unserem Gespräch hatte ich die brenzlige Situation auf der Straße aus meinen Gedanken wegschieben können, aber nun musste ich an den Heimweg denken. Roberto brachte mich bis an die Haustür. Plötzlich stutzte er, blickte vor sich auf den Boden. Ich blickte ebenso auf den Boden, das einzige, was ich sah waren ein paar Pistazienschalen. Ich fragte nach, aber Roberto mochte mich nicht aufklären. Er schloss die Tür auf und wir lugten hinaus.
Die Marktfläche des Winterfeldtplatzes war leer. Die Polizei hatte sich bis an die Kirche zurückgezogen, versperrte den Durchgang und “massierte” dort ihre Kräfte, wie es wohl heißt. Die Aufrührer hatten sich hinter Barrikaden am Anfang der Maaßenstraße verschanzt. Es schien die Ruhe vor dem Sturm zu sein. Roberto und ich umarmten uns und ich entschloss mich über die Maaßenstraße in großem Bogen zum Café Mitropa zurück zu laufen, um mein Fahrrad zu holen. Ich lief also auf die Barrikaden zu. Man ließ mich passieren, dahinter war sogenannter rechtsfreier Raum. Man bot mir mehrfach Flaschen an, Champagner, Whisky, aber auch schlichtes Bier. Ich trank schon aus Höflichkeit und um mich als Sympathisant zu erkennen zu geben. Ich unterhielt mich mit ein paar Leuten, um die Lage zu erkunden und merkte, wie ich langsam betrunken wurde. Drogen vermied ich zwar, aber Alkohol trank ich ab und zu.
In der Nähe vom Café Berio hatte Getränke Hoffmann eine Filiale, die Schaufensterscheibe war bis auf wenige kleine Splitter, die noch im Rahmen steckten, am Boden verteilt und ein ständiger Strom von plündernden Menschen passierte das nun offene Schaufenster. Ich blieb fasziniert stehen und beobachtete das Geschehen. Obwohl ich nicht vorhatte zu klauen, betrat ich den Laden, nur um zu wissen, wie sich das anfühlte. Vor den schon recht leeren Regalen stand ein Paar und stritt was sie mitnehmen sollten. Die Plünderer waren alt und jung, alle Schichten waren vertreten, bis auf Anzugtypen, die waren nicht dabei. Aber sonst alle, Deutsche und Ausländer, mehr Männer, aber auch Frauen, sogar ein paar Kinder sah ich. Die guten Sachen waren schon weg. Diese seltsame, fiebrige Atmosphäre beim Plündern von Getränke Hoffmann war eine einzigartige Erfahrung und es fällt mir schwer sie zu beschreiben. Es hatte etwas von Kindergeburtstag und Lottogewinn, wie ein Grinsen, das sich eigenständig in dein Gesicht schreibt, wenn die Geliebte schließlich „ja” haucht. Selbst die alte Oma, die ungläubig auf die Flasche Pfefferminzschnaps schielt, die sie eben genommen hat, hat Glück in ihren Augen, man ahnt wie schön sie als junge Frau gewesen ist. Was ich da beobachtete war „wirkliches” Leben, ungeschönt und ungefiltert. Das war eine seltene Situation, ich war gewohnt seit der Kindheit, das das Leben der Erwachsenen immer nur Schein und fast nie „Sein” bedeutete. Niemand sprach darüber, wie er sich wirklich fühlte, jeder sagte, „mir geht’s gut”, obwohl das meistens nicht stimmte. Jeder trug eine Fassade nach außen und hielt sich an ein festes Regelwerk, echte Lebensäußerungen waren darin nicht vorgesehen.
Ich riss mich los, verließ Getränke Hoffmann und rannte sofort in Richtung Nollendorfplatz, den eben versuchten die Bullen die Barrikaden am Beginn der Maaßenstraße zu stürmen. Die schwarz gekleideten Verteidiger warfen eine Ladung Steine, die den uniformierten Ansturm erst einmal stoppten. Während ich lief, hatte ich den Ohrwurm im Kopf, den ich mir in Mitropa eingefangen hatte:

Bereft in deathly bloom
Alone in a darkened room
Bela Lugosi’s dead.
Undead undead undead.”

Ich lief einen großen Bogen über die Martin-Luther-Straße zurück zum Café Mitropa. Als ich eben losfahren wollte, wurde auch die Goltzstraße von der wilden Soldateska aufgemischt. Ein Beamter erwischte mich mit seinem Knüppel, ich stürzte vom Rad, bekam noch ein einige Schläge ab, bevor sich der Schläger neuen Aufgaben zuwandte.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit heftigen Schmerzen in der rechten Schulter. Ich konsultierte einen Orthopäden am Bundesplatz, er gab mir eine Spritze, die nicht wirkte. Nicht nur die Ereignisse auf der Straße, auch das Treffen mit Roberto hatte mich nachdenklich gemacht. Irgendetwas an seiner Geschichte irritierte mich, ich wusste nur nicht was.

– wird fortgesetzt –
Illustration: Rainer Jacob – http://rainerjacob.com/

Anmerkungen:
Klaus-Jürgen Rattay war 18 als er starb. Die Polizei und der Staatsschutz versuchten Rattay als Gewalttäter zu diffamieren, auch die Behauptung, der Bus sei vor dem Überfahren Rattays angegriffen worden, stellte sich als falsch heraus. Der Ort seines Todes war für mehrere Wochen ein Blumenmeer, Zehntausende nahmen Abschied und beklagten den sinnlosen Tod. Über den Hergang des tödlichen Verbrechens wurde lange gestritten. Ein halbes Jahr später zog der Stern folgendes Fazit:

„Während Rattay einige Sekunden auf der Fahrbahn stand, um nach den nachrückenden Polizisten zu sehen, fuhr ein BVG-Bus mit Vollgas direkt auf den deutlich sichtbaren Mann zu. Der bemerkte noch kurz vor dem Aufprall den Bus, drehte sich zu ihm hin und hob abwehrend die Hände. Der Bus traf Rattay mit der linken Seite frontal. Die Scheibe zersplitterte.“
stern, 4. März 1982

“Bela Lugosi’s Dead” von Bauhaus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bela_Lugosi%E2%80%99s_Dead

“Helden ’81” ist zwar von tatsächlichen Geschehnissen und realen Personen inspiriert, wie das im Grunde bei jeder Form von Literatur der Fall ist, entstanden ist jedoch eine fiktive Geschichte. Trotzdem habe ich Namen verändert, ebenso wie ich Details verschlüsselt habe, um keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Auch der Erzähler “Marcus” hat zwar Ähnlichkeit mit mir, ist aber ein gänzlich erfundener Charakter, der nie gelebt hat.

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