Archive | March 2016

Prager Platz – “Das Glück der Arbeit” / Architektur aus dem Prager Weinbergsviertel

Diese kleine Auswahl an Bildern von Sakral- und Profanbauten aus dem Prager Vinohrady-Bezirk illustriert das Interesse von Architekten am Thema Freude an der Arbeit. Natürlich dürfte es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, als diese Bauten entstanden sind, nicht üblich oder gar selbstverständlich gewesen sein, Glück und Zufriedenheit aus der Profession zu ziehen. Dennoch hat der Versuch dieses Ideal in Architektur zu formen etwas Charmantes. Den hohen Wert der Arbeit im Zeitgeist des frühen 20. Jahrhunderts dürfte auch der Lohnarbeit zum “Broterwerb” gegolten haben. Damals waren den Menschen Hunger und Not näher, als uns Mitteleuropäern 100 Jahre später. Auch die Massenarbeitslosigkeit hatte damals m.E. härtere und existenziellere Folgen, als heute. Arbeit zu haben war Glück, ebenso wie eine menschenwürdige Wohnung zu haben. Des weiteren haben mich “die Dinge des Lebens” interessiert, die Baumeister aus den 1920er und 30er Jahren zum Schmuck ihrer Fassaden inspiriert haben.

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Der Dispatcher kuschelt mit seinem Telefon (ganz oben), der Maurer klopft versonnen den Backstein und der Architekt liebkost das Hausmodell. Dieses Haus in der Laubova-Straße 8 hat es mir besonders angetan. Leider konnte ich zu Architekt, Baujahr und Baugeschichte nichts in Erfahrung bringen. Google-Street-View siehe unten. Dort sieht man auch, dass das Haus nur wenige Meter von der “Art-Deco-Kirche” mit der riesigen Uhr entfernt ist.

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Hier fällt inmitten der Arbeitenden ein muslimisch gekleideter Herr auf, der gelassen eine Zigarette dreht und damit die Pause von der Arbeit zelebriert.

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Auch die Zeit wird thematisiert, von arbeitenden Menschen wird sie oft als Geißel empfunden. An diesem Sakralbau mit “Art Deco”Flair erinnert eine riesige Uhr an die Endlichkeit unserer Existenz. Das Rundfenster mit der Uhr richtet sich wie ein Zyklopenauge in Richtung Veitsdom, der Kathedrale des Erzbistums Prag. Die “Kirche des heiligsten Herzens des Herrn” wurde von 1928 bis 1932 nach Plänen des slovenischen Architekten Jože Plečnik erbaut.

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Ein Fries an diesem ursprünglich als Informationszentrum für Landwirte gedachten Bau thematisiert den Rohstoff des Brotes, das Getreide, während Demeter, oder eine andere Göttin des Ackerbaus im Zentrum, die Unterstützung himmlischer Mächte beschwört.

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Ebenfalls zu meinen Lieblingsgebäuden im Vinohrady-Bezirk gehört dieses “Hussitische Gemeindehaus” in der Dykova-Straße. Hier steht die flüssige Nahrung im Mittelpunkt, ein riesiger Kelch, das Symbol der protestantischen Hussiten, krönt den Turm, der weder ein Glocken- noch ein Kirchturm ist. Der konstruktivistische Bau nach Entwürfen von Pavel Janák entstand zwischen 1930 -35.

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Detail am Eingang zum Saal

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Alle Bilder habe ich zu Beginn der 1990er Jahre aufgenommen.

M.K.

Laubovastraße 8 Street-View:

https://www.google.de/maps/place/praha+laubova+8/@50.079083,14.449933,3a,75y,53.41h,90t/data=!3m7!1e1!3m4!1sv0cbMfrG9X91BAArUMSI3Q!2e0!7i13312!8i6656!4b1!4m2!3m1!1s0x0:0x27baa70e8448a751!6m1!1e1

Kirche des heiligsten Herzens des Herrn”: https://de.wikipedia.org/wiki/Kirche_des_heiligsten_Herzens_des_Herrn_%28Prag-Vinohrady%29

“Hussitisches Gemeindehaus”: https://translate.google.de/translate?hl=de&sl=cs&u=https://cs.wikipedia.org/wiki/Pavel_Jan%25C3%25A1k&prev=search

Werkbund-Siedlung: https://de.wikipedia.org/wiki/Werkbundsiedlung_Prag

Janáks eigenes Wohnhaus in der konstruktivistischen Werkbund-Siedlung in Prag-Device.

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By Jirka Dl (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D

Familienportrait –„Margys und Abschied vom Kudamm“ / 1975-77

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Gestern starb der Schauspieler und Musiker Rolf Zacher. Machs gut, Rolf!

Aus diesem Anlass reblogge ich meine kleine Margys-Geschichte. Rolf Zacher gehörte zu den Stammgästen des Lokals in der Joachimsthaler Straße.

1975 endet meine erste große Liebe. Ich ziehe aus der WG in der Schlüterstraße aus und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu meiner Mutter zu ziehen bis ich etwas Neues finde. Mit 20 ist das ein bisschen peinlich, nicht sehr. Tagsüber hänge ich noch viel in der Bleibtreustraße herum und treffe Hartmut, zu dem ich in die Knesebeckstraße ziehe. Abends gehe ich ins Margys in der Joachimsthaler Straße. Heute ist im gleichen Haus das Ku’dorf. Im Ku’dorf bin ich nur ein einziges Mal gewesen. Es war am 27. November 1975, dem Tag der Eröffnung. Mein Freund Robert T. Odeman, ein schwuler Literat, hatte mich dazu eingeladen, er hatte haufenweise Gutscheine für Speise und Trank und meinte, es könne lustig werden. Wurde es aber nicht. Die Berliner Mischung aus Filz und Schickeria der 70er Jahre war mindestens genauso unerträglich, wie besoffene Touristen. Na gut, wahrscheinlich schlimmer. Ich sage nur Lokalpolitiker…

Welt am Draht NEU

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Café Bleibtreu

Das Margys war aber gut, es lag im ersten Stock, im Sommer konnte man draußen auf der Terrasse stehen und feiern, es gab keine Anwohner, die sich beschwert hätten. Die Musik war gut und hier gab es eine nette Mischung von Tänzern, erotischen Abenteurern, Jungen, Mittel-Alten, Promis und natürlich gab es auch das gehobene Drogenvolk. Drogen waren nun mal in der 70er Jahren universal vorhanden. Die Schauspieler Y Sa Lo und Rolf Zacher waren Stammgäste, Y Sa am Anfang ihrer Karriere, Rolf war schon länger im Geschäft. In den 50er Jahren verdiente er als Rock’n’Roll-Tänzer in Rolf Edens Lokalen Geld. Von der Gage bei “Lautlose Waffen” (1966) kaufte er sich einen Porsche. Nach einem schweren Unfall wurde er mit Opiaten behandelt, als die nicht mehr gegen die Schmerzen halfen, landete er beim Heroin. Über 70 Entziehungsversuche und mehrere Gefängnisaufenthalte später, gelang es ihm in den 1980er Jahren, seine Sucht zu überwinden. Zachers Karriere brachte ihn weit, bis zur „Zauberberg“ Verfilmung von Geißendörfer, doch auch in die Niederungen der TV-Unterhaltung und in die Schlagzeilen der Boulevardpresse. Y Sa Lo gelangte zu eher kurzfristigem Ruhm in Fassbinder Streifen, dann machte sie Hörspiele und Theater, später unterrichtete sie Filmschauspiel.

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Joachimsthaler Straße

Im Frühjahr 1977 flippt Hartmut plötzlich und unerwartet aus. Nachdem er fünf Tage nicht geschlafen hat, glaubt er die Lösung für die deutsche Teilung zu kennen. Die Wiedervereinigung stehe vor der Tür, meint er. Kurz danach steht er vor der Tür der Nervenheilanstalt Wittenau und bittet um Einlass. Ich muss ausziehen.
Ich arbeite stundenweise in einer Buchhandlung in Friedenau. In der Rheinstraße 14 finde ich eine winzige Wohnung mit Kohleofen und Außenklo. Ich ziehe ein, weg vom Kudamm und seinen Nebenstraßen, und beschließe Schriftsteller zu werden. 

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Einzug Rheinstraße

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Hof Rheinstraße

https://de.wikipedia.org/wiki/Rolf_Zacher

Text: M.K. – Zeichnungen und Fotos: Rainer Jacob (Mit Ausnahme des Bildes von der Joachimsthaler Straße)

Editorial – “Drei Jahre Produktion” / Lesung am 15.4. und neues Buch

Dass ich wieder zu schreiben begann, habe ich dem Zufall zu verdanken. Es war Ostersonntag 2013 und ich hatte vor, mit einer Freundin einen längeren Stadtspaziergang zu unternehmen. Doch das Berliner Wetter präsentierte sich typisch elend für Ende März, es war kalt und es goss in Strömen. Der Spaziergang wurde abgesagt und mich ereilte ein seltener Anfall von Langeweile. Einem spontanen Einfall folgend stieg ich in den Keller hinab und kam mit einer verstaubten Kiste wieder zurück. In ihr fand ich alte Fotos, Briefe und andere Dokumente aus meiner und der Vergangenheit meiner Vorfahren.

Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich das alles schnell zusammengepackt, um zu vermeiden, dass es auf dem Müll landete. Ich begann den Inhalt zu sichten und war fasziniert. Erst am späten Abend zwang mich mein knurrender Magen eine Pause einzulegen. Das Wetter blieb schlecht und so setzte ich meine Recherche in den folgenden Tagen fort. Hin und wieder googelte ich nach zusätzlichen Informationen und bald machte ich mir Notizen, um meine Findungen festzuhalten. Dank meiner Frühberentung war ich ja weitgehend Herr meiner Zeit, bis auf die Beschränkung durch meine angeschlagene Gesundheit. Als ich Rentner wurde, hatte ich gehofft, nun auch wieder Zeit und Muße zu haben, um zu schreiben. Hin und wieder machte ich Versuche, doch es wollte mir nichts Lesenswertes gelingen. Doch nun war es anders, seitdem ich die familiären Fundstücke sichtete, gingen mir so viele Anekdoten und Geschichtchen durch den Kopf, dass aus dem “Notizen machen” schließlich ein “Texte verfassen” wurde, ohne das ich darüber nachdachte. Drei Jahre später sind zwei Romane entstanden und eine große Sammlung von “Familienportraits”, die ich z.Z. für eine Buchausgabe bearbeite.

Danke für Eure Genesungswünsche. Ja, es ist besser, aber wird mich noch eine ganze Weile beschäftigen. Vor fünf Jahren hatte ich schon mal eine OP am Gaumen, diesmal ist auch der Rachen betroffen und ohne OP wird es wieder nicht abgehen. Die Lesung am 15. April mache ich auf jeden Fall, auch wenn ich jetzt Tom Waits ähnle, stimmlich. Hier noch einmal die Details der Veranstaltung:

Illustrierte Lesung: „Passbilder“

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Im Periplaneta Literaturcafé* am 15. April um 20 Uhr, der Eintritt ist frei.

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  • Der Autor und Blogger Marcus Kluge liest aus seinen autobiografischen Romanen und Familiengeschichten. Er schlägt einen Bogen zwischen dem Jahr 1910, in dem seine Großmutter nach Berlin kam, um als Hausmädchen zu arbeiten, und der heutigen Hauptstadt der Berliner Republik. Ihn interessiert das Leben der einfachen Leute und wie die große Politik Einfluss auf sie nimmt.

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 – Im seinem ersten Roman, „Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll“, schildert er den West-Berliner Underground der 70er Jahre. Der zweite Roman, „Ein Hügel voller Narren“, führt den Leser ins von Hausbesetzungen polarisierte Berlin des Jahres 1981.

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Der Illustrator und Artdirector Rainer Jacob zeigt zur Lesung historische Fotos und eigene Zeichnungen. –

* Periplaneta Literaturcafé, Bornholmer Straße 81a, 10439 Berlin
Tel.: 03044673433  Internet: http://www.periplaneta.com/about/cafe/

Meinen geschätzten Leserinnen und Lesern danke ich für das wohlwollende Interesse und die schönen Rückmeldungen. Ich hoffe, wir werden zusammen noch viele Geschichten entdecken, Geheimnisse lüften und Bilder bestaunen können.

M.K.

Berlinische Räume – „Lost in Lankwitz“ / von Bong Boeldicke / 1984-heute

„I’m too hardcore to be bourgeois“

Sensational* (WordSound Recordings, N.Y.)

Wenn man Lankwitz verlassen will, nimmt man am besten den Bus. Einstieg direkt an der Kirche, in unmittelbarer Nähe des „Pressezentrums Lankwitz–City“; schräg gegenüber der Kirchenvorplatz, ein stadtbekannter Kriminalitätsschwerpunkt. Hier treffen sich Alkoholiker, konkurrierende Jugendbanden und erholungsbedürftige Rentner. Man bleibt gern unter sich, jede Szene ein Subsystem, eine ausdifferenzierte, psychogeographisch bedeutsame Welt.
Lankwitz war früher ein Ort der Ruhe. Beschauliche Reihenhäuschen und um die Ecke Sommermeyer, der abendschaukompatible Eisenwarenhändler. Dann natürlich Boeldicke, das berühmte, streng bürgerliche Bettlakenfachgeschäft. Ein Hort des Guten, leider längst insolvent. Dafür gibts jetzt auf engstem Raum drei Billigfriseure mit Kaffee zum Gehen und immer ohne Voranmeldung. Türkische Geldwaschanlagen, Tristesse normal.
Woran es Lankwitz nicht mangelt, sind Persönlichkeiten, ausdrucksstarke Charaktere. Zum Beispiel der kiffende Rollstuhlfahrer, den sie ständig durch die Gegend schieben. Meine russische Nachbarin hat Angst vor ihm, weil man ihr letztens mit einem Schneeball die Fensterscheibe eingeworfen hat. Seitdem verbarrikadiert sie sich in ihrer Wohnung. Zumindest lassen die verschlossenen Fensterläden darauf schließen.
Mich kann das nicht mehr schrecken, seit ich eines Nachts, zusammen mit meinem Bankerkumpel, von drei Migrationshintergrundsschwachköpfen auf offener Sraße überfallen wurde. Plötzlich Blut, Schmerzen, ein gebrochenes Nasenbein – und das alles auf dem Thaliaweg, gegenüber vom Beethoven-Gymnasium, eigentlich ein Ort der Hochkultur. Krankwitz, sinnlos brutal. Man muss immer auf der Hut sein. Sobald ich meine Behausung verlasse, denke ich an „Draußen ist feindlich“. Blixa Bargeld wusste schon, was er tat, als er das große Ambientstück der ersten Neubautenplatte derartig betitelte.

Wer Augen hat, der sehe, der wird sie entziffern, die Zeichen des dunklen, gefährlichen Lankwitz. Die friedlich-verpeilte Rentneratmosphäre trügt. Ich weiß, wovon ich rede. Ich kenne die roughe Lankwitzer Hood seit mehr als 20 Jahren.. Ich weiß, was sich wo abspielt. Vor und hinter den Kulissen.
Wenn man also den Bus nimmt, um Lankwitz zu verlassen, geht die Fahrt zunächst die Leonorenstraße entlang. Linker Hand der S-Bahnhof, unser Tor zur Welt. Die dazugehörige Brücke ziert in großen Lettern das Wort HODEN: der letzte Gruß eines einsamen Sprayers, jedes Schriftzeichen eine liebevoll gestaltete, silbrige Fläche auf schwarzem Grund. Eine Botschaft an alle Pendler, merkwürdig verschlüsselt. In Lankwitz ist „alles besudelt“, wie es an der Mauer gegenüber von Woolworth heißt. Beliebte Treffpunkte sind das Cafe Sammeltasse und die Seniorenfreizeitstätte „Club Lankwitz“ in der Gallwitzallee. Der Laden ist gerade wieder in aller Munde, weil die NPD dort zum wiederholten Male ihren Parteitag durchzuführen gedenkt. Die wahre Geschichte des „Club Lankwitz“ ist allerdings eine andere: Aus gut unterrichteten Kreisen hörte ich von wüsten Gelagen, die dem Ex Kreuz Club und dem frühen Kitti in nichts nachstanden – eine Mischung aus frischer Fisch-Fotze, Stehpiepe und zwischenmenschlicher Begegnungsstätte. Der Laden existierte laut Zitty nur zwei Wochen, die allerdings sollen einzigartig gewesen sein..
Lankwitz hat einen großen Vorteil: Das ländliche Flair bewirkt sofortige Entspannung. Die Lankwitzer Landluft umschmeichelt dich, gibt dir Kraft, wenn du zurückkehrst aus der großen, bösen Stadt. Zurück aus dem Getöse, dem Gestank, der Scheinwelt. Außerdem: Lankwitz gilt als bieder und brav. Ein idealer Ort für Menschen mit einer nicht immer geradlinig verlaufenden Patchworkbiographie. Hier können sich Obsessionen herausbilden und gedeihlich entwickeln. Hier lässt es sich gefährlich leben, ohne dass andere etwas davon wissen. Alles ist möglich: Die Begeisterung für Industrial Culture und das Mitwirken in der Lankwitzer Lärmband „Frustrierte Konsumenten“. Das Leben als Hausbesetzer in London. Später das Absolvieren ausgedehnter Orientierungspraktika bei der Scientologykirche und der Staatssicherheit – alles Unternehmungen, die ohne eine entsprechende, psychogeographische Prägung, ohne Lankwitzer Roots, so schlicht nicht möglich gewesen wären. Das gilt natürlich auch für die Tätigkeit als Besserwessi in der Nachwendezeit und den unheimlichen Zwischenstopp im jamaikanischen Drogenknast, quasi die Schattenseite des gefährlichen Lankwitzer Lebens.

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Man verliert die Kontrolle und blickt in den Abgrund. Nicht nur den eigenen, wie es bei Büchner heißt, sondern den ganz konkreten, den, der einen tatsächlich umgibt. Jetzt bloß nicht abstürzen, sich wieder hochrappeln, weitermachen. Und das wird dann redlich belohnt, lankwitztypisch mit einer Verbeamtung auf Lebenszeit, Ab jetzt geht es einem gold. Nun lässt es sich ungestört spielen. Man ist Teil des Systems, wird zum subventionierten Remixer, zu einem staatstragenden King Tubby. Dread at the controls. Dubwise. Different style, seen?
Ein zusätzlicher Vorteil: Hier bleibst du unentdeckt, führst ein geheimes Leben, genau so, wie es von Marc Almond im gleichnamigen Song der ersten Soft Cell Platte „Non-Stop Erotic Cabaret“ besungen wird. Das nach Epikur erstrebenswerte Leben im Verborgenen praktiziert sicherlich auch Harzer, eine Lankwitzer Legende, ein früherer Gabelstaplerfahrer, der mich ständig mit großartigen Knistersounds versorgt und alles über menschenverachtende Schlitzerfilme weiß. „Man sieht sich“, ist einer seiner Schlüsselsätze. Und es stimmt: Wir laufen uns ständig über den Weg, obwohl er gerade nach Steglitz gezogen ist. Seltsam? Aber pure Realität.

Abends kann man in Lankwitz nirgendwo hingehen. Selbst der „Geiz-dich-satt –Stand“ vor Plus macht um acht zu. Früher gab es in der Kaiser Wilhelm Straße die schmierige Rockerkneipe „Quintessenz“. Dort habe ich nach der Wende meinen Stasicousin hingelockt, damit er auch mal was anderes sieht als die verwanzten Hochglanzräume im Hotel Stadt Berlin. Ein heilsamer Schock! So hatte er sich den Westen nicht vorgestellt. Was noch? Mein Freund Laba Labielle, ein zugezogener, manisch depressiver Großkünstler und Selbstdarsteller, empfiehlt abends die Stehkneipe Essbahn, da dort die lustigsten Speisekarten der Stadt darauf warten, gelesen und verstanden zu werden. Oder es geht gleich in eine der zahlreichen Selbsthilfegruppen, von deren Wirken die vielen Stadteilzeitungen kunden, die überall die Briefkasten verstopfen.
Die einzige Alternative: Man macht selbst etwas. Eine Party zum Beispiel, am besten eine Bong & Ilse Party, um an vergangene Großereignisse zu erinnern. Damals gab es ein Fest in der Moabiter Beusselstraße, wo sich der längst verstorbene Rob Philo Mantel-Schirm mit einer Goebbelsrede einführte und die Gäste das Fürchten lehrte. Zu fürchten brauchte sich diesmal niemand, dafür gab es herrliche Kontrollverluste, aber der Reihe nach.

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Das Konzept war einfach: Als Grundlage mein Lieblingsessen, eine türkische Linsensuppe mit Migrationshintergrundswurst, Kein Schnaps, dafür reichlich Wein und Bier, außerdem psychoaktive Substanzen, um sich, mit Huxley, chemische Ferien vom eigenen Selbst zu gönnen. Natürlich nur mithilfe des Guten und des ganz besonders Tollen, wo man sofort auf Toilette muss, sonst bringt diese Art Betriebsausflug nichts.
Die erste, krisenhafte Zuspitzung ließ dann nicht lange auf sich warten. Sie ereignete sich bereits Stunden vor der eigentlichen Festivität. Die blonde Ilse, nur nach außen Mitveranstalterin, im Innenverhältnis war ich allein für alles zuständig, Ilse half beim Getränkeeinkauf, besser, sie überwachte die Effizienz der durchzuführenden Arbeitsteilschritte – und jeder Fehler, jede sich einschleichende Unachtsamkeit, wurde sofort registriert und führte zu lautstarkem Getöse. Nein, es geht wirklich nicht, unnötig viele Servietten an der Kasse von Reichelt zu kaufen, die könne man im Großmarkt viel günstiger erwerben. Oder das Entladen des Autos: Da dürfe man nicht einfach in der Wohnung bleiben und die Flaschen auf den Balkon tragen, da müsse man mehr Verantwortung übernehmen und zum Auto zurückkehren, da dieses halb auf dem Bürgersteig stehe und somit Lankwitzer Bürger beim abendlichen Spaziergang behindere. Was ist der Kessel von Stalingrad, was Guantanamo gegen die verbalen Attacken meiner liebsten Partygauleiterin? Ich musste unwillkürlich an Ilse Koch denken, deren Name in den 80igern auf dem Cover einer wichtigen Lärmplatte prangte. Die nämlich, wo eine Mädchenstimme verängstigt flüstert: „Nein, Papa, ich will nicht, Papa …“ Darauf der Vater: „Komm, mein Täubchen, ich hab dich doch so lieb.“ Im Hintergrund verstörende Soundscapes von Nurse With Wound, der Gruppe von Steven Stapleton. Passt gut zu Lankwitzer Psychogesprächen, als Partybeschallung allerdings denkbar ungeeignet.

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Die Veranstaltung selbst lief dann komplett nach Plan. Ein gepflegter Kollektivabsturz, veredelt durch die Vorführung ausgewählter Videopreziosen, wobei der Tuntenindustrial von Throbbing Gristle bei einigen Gästen zu überschwänglichen Glückszuständen führte. Gleiches galt für die Wiedergeburt der Grace Jones. Morgens um sieben dann das Ende, zumindest scheinbar. Übrig blieb nur noch mein eingangs erwähnter Bankerkumpel, früher bei der IKB, jetzt Opfer der Finanzkrise, ein Lebemann und Womanizer. Beide sind wir ein eingespieltes Team, wenn es um krass-konkrete Kontrollverluste geht: allerdings immer nach festem Drehbuch, der Zufall hat hier keine Chance. Wo ist egal, ob nun auf Kuba, in New York oder innerhalb der eigenen vier Wände. Grenzüberschreitung geht immer, solange der Nachschub gewährleistet ist.

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Endlich alleine, von allen Gästen verlassen, entwickelte sich auch diesmal die bekannte Eigendynamik. Der verstärkte Einsatz noch vorrätiger Hilfsmittel beflügelte die Sehnsucht nach Rio – Karneval –Videos, dem Besten von Buttman und dem „Aufbruch ins hedonistische Zeitalter“, der Selbstdarstellung des Kit Kat Clubs auf der Love Parade anno 1999. Da geht wirklich was. Ich muss mich dann immer sofort aus- bzw. umziehen, und, nur mit zerfetzten Jeansresten und einem halbdurchsichtigen Glitzerhemd bewandet, durch die verdreckten Räume gleiten, ständig auf der Suche nach Spiegeln, in denen das wunderbare Outfit lustvoll-brutal dokumentiert wird. Ja, schreit es mir entgegen, du hast es geschafft, es ist wieder soweit, endlich verloren in Lankwitz. Und jetzt genieße!
Dazu mein seriöser Bankerfreund mit offener Hose vorm Fernseher sitzend, auffällige Bildsequenzen kommentierend, man tauscht sich aus, dann wieder das Gute, bis nichts mehr da ist, vollkommen egal; jetzt gibt es eh kein Zurück mehr, der nächste Tag wird gestrichen.
Am Montag dann Staatsexamensprüfung in Wittenau. Noch komplett euphorisiert von den Ereignissen der Nacht und mit beträchtlichem Schlafdefizit kämpfend, bejuble ich als Prüfer eine eher mittelmäßige Lehrprobe zu Goethes „Leiden des jungen Werther.“ Ich werde von der Kommission höflich zur Rede gestellt und man erkundigt sich, ob alle wirklich dieselbe Stunde gesehen hätten. Ein kurzes verbales Scharmützel, der Versuch, sich den endlosen Exzess nicht anmerken zu lassen – am Ende allgemeines Wohlgefallen, die Prüfungskandidatin hat bestanden, und zwar nicht schlecht.
Ein Hoch auf den Kontrollverlust, auf die Entgrenzung. Nie waren beide so wertvoll wie heute.

Die Fotos zeigen Bong Boeldicke zusammen mit dem, leider schon 2002 verstorbenen Künstler Hapunkt Fliegenstrumpf, bei einer musikalischen Performance Anfang der 1980er Jahre.

Hapunkt Fliegenstrumpf Fix:
http://433rpm.blogspot.de/2010/02/hapunkt-fix-fix-it-tape-bloedvlag.html

*http://www.wordsound.com/sensational.html

Familienportrait – “Schick siehste aus!” / Der Berlin-Look der 50er Jahre

Modenschau im Hilton-Hotel

Die Berliner waren nie dafür bekannt, sehr modebewusst zu sein. Die Hamburger kleideten sich gediegener, die Düsseldorfer modischer und die Münchner gaben mehr Geld für ihre Kleidung aus. Trotzdem gab es so etwas wie den Berliner Chic der 50er Jahre, klar, geradlinig, manchmal ein wenig gewagt und mit sehr viel Selbstbewusstsein getragen. Kopftuch trug die Damenwelt in Wirklichkeit, weil sie ihrer Frisur nicht sicher war. Sie tat aber so, als ob es ein gewolltes Accessoire wäre. Die kleinen Berliner wurden nur sonntags modisch aufgehübscht, normalerweise ließ man ihnen die Freiheit, in Shorts und Sandalen herumzuturnen. Da trotz Wirtschaftwunders bei vielen das Geld nicht locker saß, wurde viel improvisiert. Besonders die Berlinerin nähte, oder ließ nähen. In den Kaufhäusern gab es noch große Abteilungen, die neben Stoffen eine reiche Auswahl an Schnitten anboten. Ich habe spontan in die Fotokiste gegriffen und versucht dem “Berliner Look der 50er”, mit 15 Schwarzweiß-Fotos, ein Gesicht zu geben.

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“Kraftwerk Jesu”

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Wie heißt denn die Kleine?

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Schönes Hemd, praktische Shorts

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Zwerge im Grunewald

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Ball-Besucherinnen

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Wohl behütet

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Recherchen im Parkcafé

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Dame im Taftkleid

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Kopftuch im Duett

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Schick gemacht

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Ladenfrolleins in Herrenbegleitung

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Weißwand-Reifen

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Dame mit Koffergrammofon

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“Kudamm chic”

Die Bilder 1, 5, 11 und 15 stammen aus Rainer Jacobs Familienalben, die anderen aus meinen. M.K.

Familienportrait Teil 16 – “Drei Bücher über die Pflichten meines Sohnes Marcus” / Vater und ich 1954-82

44 vor Christus flieht Marcus Tullius Cicero, der berühmte Philosoph, aufs Land. Wegen seiner Kritik nach der Ermordung Caesars fürchtet er Repressalien. Er beginnt “De officiis” zu schreiben, das sind drei Bücher über die Pflichten, die er in Briefform an seinen Sohn Marcus addressiert. Marcus studiert zu dieser Zeit in Athen Philosophie. Im Gegensatz zu seinem Vater soll er nicht sehr fleißig gewesen sein, sondern das Leben genossen haben. Ciceros Ziel war es deshalb, seinem Sohn praktische Anweisungen anhand zahlreicher Beispiele zu geben und ihm seinen Hedonismus auszutreiben.

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Als ich geboren werde, kann mein Vater sich nicht entscheiden, ob er mich nach sich selbst “Helmut”, oder nach seinem großen, antiken Vorbild Cicero “Marcus” nennen soll. Deshalb steht in meiner Geburtsurkunde “Helmut-Marcus”. Mein Vater schenkt mir die “Drei Bücher über die Pflichten meines Sohns Marcus” meines Namenspaten Marcus Tullius Cicero zu meinem sechsten Geburtstag. Ich erinnere mich, dass ich mich über das unnütze Geschenk geärgert habe. Trotzdem versuche ich darin zu lesen, muss aber feststellen, dass die Sprache und der Inhalt sich selbst einem sehr frühreifen Sechsjährigen nicht erschließen. Ich kann mich nicht erinnern, was genau ich dabei dachte, auf jeden Fall werfe ich das dicke Reclam-Heft in den Hausmüll. Es muss aber eine demonstrative Geste gewesen sein, denn mir war bewusst, dass meine Eltern es dort finden. Ich rechne auch mit einer “Gardinenpredigt”, doch diese bleibt aus. Lediglich ein beiläufiges, “Bücher wirft man nicht weg”, bekomme ich zu hören. Daran habe ich mich auch gehalten, bis zum Tode meines Vaters, danach verstoße ich ein zweites Mal gegen das Gebot.

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Große Erwartungen

Vielleicht ahnt er nun, dass die hochgesteckten Ziele, die ich für ihn erreichen soll, zu anspruchsvoll sind? Schon bei der Einschulung hatte ich darauf bestanden, die erste Hälfte meines Doppelnamens zu streichen. Statt des mir peinlichen “Helmut-Marcus” beschloss ich, als “Marcus” durchs Leben zu gehen. Das ich mich gegen seinen Vornamen entschieden habe, wird ihn gewurmt haben. Er war in solchen Dingen eitel und empfindlich.

Mit Beginn der fünften Klasse soll ich aufs humanistische Gymnasium gehen und Latein als erste Fremdsprache lernen. Mein Vater besteht darauf, dass ich auf seine alte Schule gehe, das Goethe-Gymnasium, wo er sein Abi 1937 mit einem Schnitt von 1,0 abgelegt hat.

Am 1. März 1965 ist Rosenmontag, ausnahmsweise sendet das Fernsehen schon am frühen Nachmittag und überträgt die Karnevalsumzüge. Motto der Kölner ist in diesem Jahr die “Olympiade der Freude”. Karneval interessiert mich überhaupt nicht, die Live-Sendung schon. Ich zähle die Kameras und freue mich über Unschärfen und Schnittfehler. Währenddessen turne ich auf dem Sofa, rutsche ab und lande auf dem Boden. Ein heftiger Schmerz im rechten Oberarm ist die unmittelbare Folge. Eine Röntgenaufnahme zeigt einen Bruch und im Humerus etwas, das wie ein weißes Wollknäuel aussieht. Zwei Wochen später begebe ich in die Hände von Professor Maatz im Auguste-Viktoria-Krankenhaus. Er operiert die Zysten und füllt das fehlende Gewebe mit Knochensplittern vom Lamm. Den “Kieler Span” hat Maatz, der auch an der Uni-Klinik in Kiel tätig ist entwickelt. Nach zehn Tagen in der Klinik bekomme ich ein Gipshemd. Erst nach sechs Wochen endet die Tortur und der Gips kommt endlich ab. Zwischenzeitlich hat das Schuljahr im Goethe-Gymnasium begonnen. Als ich, Monate zu spät, zum Unterricht darf, habe ich die Grundlagen für Latein verpasst. Auch in Mathe und anderen Fächern ist das Versäumte kaum nachzuholen. Meine Eltern sind der Meinung, mit meiner “großen” Intelligenz müsse ich das schaffen. Natürlich bestehe ich das Probehalbjahr nicht, das Versagen fühlt sich schmerzhaft an. Mein Vater unterstellt mir Boykott. Sein ohnehin nicht sehr herzlicher Umgang mit mir kühlt sich weiter ab, auch ich gehe auf Abstand zu ihm.

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Meine Kindheit ist in einigen hundert Farb- und schwarz/weiß-Aufnahmen festgehalten. Als ich Fotos suche, die mich gemeinsam mit meinem Vater zeigen, werde ich lange nicht fündig. Zwei gefundene Bilder zeigen mich als Vorschulkind, ein einziges später. Helmut mustert mich ernst, während ich wohl Faxen mache. Schließlich ist Sylvester. Dabei hatte ich als Kind viel Kontakt mit meinem Vater, auch wenn ich mich nicht erinnern kann, dass er mit mir “kindgerecht” gespielt hat oder mit mir herumgetollt ist. Er tat, was er ohnehin gern tat, oder was er tun musste und ich durfte daran teilhaben. Er spielte sehr gern Karten und so brachte er mir Canasta und Rommé bei. Im Gegensatz zu Schach machte mir das auch Spaß, weil ich nicht jedes Mal verlor. Bei Schach unterlag ich grundsätzlich und zwar nach kürzester Zeit. Nie kam es meinem Vater in den Sinn, mir vielleicht einen kleinen Vorsprung einzuräumen oder mich gar zur Motivation einmal gewinnen zu lassen. Seitdem habe ich eine Abneigung gegen das Schachspiel.

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Helmut mustert mich ernst

Während meine Mutter tagsüber in ihrem Buch und Phonoklub wirkte, hatte mein Vater meist keine Arbeitsstelle. Er arbeitete an seiner Dissertation, gab Schauspielunterricht und er fuhr mit dem Auto durch Berlin um allerlei Einkäufe zu machen, abends war er Dozent in der Volkshochschule. Diese Einkaufstouren quer durch West-Berlin mochte ich sehr gern. Mein Vater schleppte immer drei bis vier Aktentaschen mit sich herum. Gern mochte ich die “Heftetausch-Läden”, dort bekam ich Fix & Foxi Hefte oder die Micky Maus, die ich später vorzog. Mein Vater kaufte sich Science-Fiction Schmöker und in Hinterzimmern Magazine für Freunde der weiblichen Anatomie, die damals noch verboten waren. Zwischendurch machten wir Rast in einer “Arweiterkneipe”, Papa trank ein kleines Pils und ich bekam für’n Groschen Erdnüsse aus dem Automaten auf dem Tresen. Auch am Heiligabend, während meine Mutter die Bescherung vorbereitete, ging er mit mir in die Kneipe. Wenn es dann dunkel draußen war, machten wir noch einen langen Spaziergang und zählten die Weihnachtsbäume in den Fenstern. Ich glaube, diese Erinnerung ist die schönste, die ich an ihn habe. Später habe ich mit meiner Stieftochter das Gleiche getan.

Mitte der 60er Jahre holten meinen Vater die Dämonen von zehn Jahren Krieg und Gefangenschaft in Sibirien ein. Meine Mutter stand ihm bei, bis sie selbst krank wurde. Helmut flüchtete sich in einen pausenlosen Rausch, den er mit Hilfe von Alkohol und außerehelichen Affären aufrecht erhielt. Selbst mich zu beaufsichtigen war ihm nicht mehr möglich. Er ließ mich meist allein, tagsüber durfte ich literweise Cola trinken, abends wenn ich nicht schlafen konnte, gab er eine süße, scharfe, blaue Flüssigkeit auf das Langnese-Eis oder meinen Pudding. Der blaue Curacao funktionierte zwar als Schlafmittel, war aber eher ungut für einen Zwölfjährigen. Um mich vor der Verwahrlosung zu bewahren, wohnte ich bei Wolfgang Kluge und seiner Frau Notburga in Lichtenrade bis meine Mutter aus dem Krankenhaus zurückkam.

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Meine Mutter hatte eine enge Beziehung zu einem anderen Mann, doch diese war platonisch, soviel ich weiß. Als Backfisch Ende der 30er Jahre schwärmte sie für den jungen Schauspieler Wilhelm Borchert, der im Schauspielhaus mit Gründgens spielte. Nach dem Krieg wurde Borchert durch die Hauptrolle in “Die Mörder sind unter uns” zeitweise zum Filmstar. An der Seite von Hildegard Knef spielte er in dem Wolfgang Staudte-Film einen vom Krieg traumatisierten Arzt. Als mein totgeglaubter Vater überraschend 1948 aus der Gefangenschaft zurück kam, blieb Mutter lebenslang, aber auf Distanz mit Borchert befreundet. Der Schauspieler ist wohl eine Art idealisiertes alter ego meines Vaters für sie gewesen. Da sie Borchert immer wieder in Heldenrollen auf der Bühne und im Fernsehen bewundern konnte, mag viel dazu beigetragen haben, ihn zu glorifizieren. Dass Helmut ein problematischer Mensch war, schon vor dem Trauma von Krieg und Haft, wusste sie. Helmut hatte schon früh darauf hingewiesen und als Käte ihn 1948 heiratete, wusste sie dass die Ehe nicht einfach werden würde, aber meine Mutter war nicht die Frau, die sich durch Schwierigkeiten aufhalten lies. Mein Vater konnte Borchert nicht ausstehen. Er war grundlos eifersüchtig und er neidete dem “Staatsschauspieler” seinen großen Erfolg als Darsteller, der ihm selbst versagt blieb.

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1966 gab meine Mutter die Hilfsversuche auf. Sie begriff, dass sie ihrem Mann nicht mehr helfen konnte und reichte die Scheidung ein. Damals gab es die einvernehmliche Scheidung noch nicht, es galt das Schuldprinzip. Es wurde eine schmutzige, lange und teure Angelegenheit, die meine Mutter zu hundert Prozent bezahlte. Danach sprachen wir zuhause nicht mehr von “Papa”, er wurde zu “Helmut”. Und “Helmut” wollte nichts mehr von mir wissen. Ich weiß nicht, was er von mir erwartet hatte, vielleicht das ich ihm folgte oder für ihn eintrat. Ich war zwölf und mir war klar, dass er keine Verantwortung für mich übernehmen konnte. Auf jeden Fall hat er sich nach der Scheidung, nie wieder um mich gekümmert. Ich bekam keine Geburtstagsgrüße oder Geschenke von ihm, keine Briefe, keine Anrufe und er hat mich nie besucht. Es war, als ob ich, zu existieren aufgehört hätte.

Nach ein paar Jahren rief ich ihn an, wohl auch um meiner Mutter einen Gefallen zu tun. Einige Male besuchte ich ihn, obwohl mir diese Besuche schwerfielen. Nach mir und meinem Leben fragte er nie, er klagte eigentlich immer nur sein Leid, trank dabei und wenn er einen bestimmten Pegel erreicht hatte, begann er den Monolog aus Zuckmayers “Hauptmann von Köpenick” zu rezitieren. Er tat das auf eine pathetische, weinerliche Art, ein Schauspielstil, den er eigentlich ablehnte. “…und dann stehste vor Jott dem Vater, der alles jeweckt hat, vor dem stehste denn, un der fragt dir ins Jesichte: Schuster Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein’ Leben, un dann muß ick sagen: Fußmatte…Fußmatte, muß ick sagen, die hab ick jeflochen in Gefängnis, un da sind se alle drauf rumjetrampelt.”

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Die Besuche fallen mir schwer.

Helmut hatte das Glück noch einmal zu heiraten. Seine Frau Eleonore stammte aus einer wohlhabenden Familie, die sich gern mit seinem Doktortitel schmückte. Eleonore mochte mich nicht, ich habe keine Ahnung wieso. Kurz vor seinem 63sten Geburtstag wollte ich meinen Vater noch einmal besuchen, aber nachdem ich über eine Stunde gewartet hatte, musste ich unverrichteter Dinge wieder gehen. Eleonore meinte, er wäre wohl auf der Arbeit aufgehalten worden. Doch ich ließ ihm “Die Sirenen des Titan”, den weisen und heiteren Science-Fiction-Roman von Kurt Vonnegut mit einer versöhnlichen Widmung, als Geschenk da. Während ich die Stufen des Hauses in der Goethestraße gegenüber der Post hinunterstieg, registrierte ich, dass mich die Wartezeit in Gegenwart der unfreundlichen Eleonore sehr viel Kraft gekostet hatte. Ich fühlte mich müde, verbraucht, am liebsten hätte ich mich auf die Stufen gesetzt. Beim Verlassen des Hauses erblickte ich weit entfernt die Silhouette meines Vaters am Steinplatz, der wie immer mehrere Aktentaschen in den Händen haltend, der Goethestraße entgegenhetzte. Wer weiß, wenn ich ein besserer Sohn, oder er ein besserer Vater gewesen wäre, vielleicht hätte ich auf ihn gewartet. Doch ich sah mich einfach nicht in der Lage, ihm ein weiteres Mal zuzusehen, wie er sich mit Wodka-Lemon betrank, um dann dem weinerlichen Vortrag der Lebensbeichte des Schusters Voigt zu lauschen. Ich beschloss es auf einen weiteren Termin zu verschieben, der hoffentlich unter besseren Sternen stehen würde.
Kurz nach seinem 63. Geburtstag, am 26. Juli 1982 starb Helmut. Eleonore lud mich und meine Mutter zum Begräbnis ein. 1982 lebte ich von der Hand in den Mund, außer abgetragenen Turnschuhe besaß ich nur ein einziges Paar elegantes Schuhwerk. Es waren violette Schlangenlederschuhe. Als Eleonore diese bemerkte, fiel sie beinahe in Ohnmacht, sie wirkte auf mich wie eine schlechte Parodie der Pawlowa, den sterbenden Schwan markierend. Und noch ein weiteres Mal empfand sie mein Verhalten als degoutant, weil ich vorzog bei meiner Mutter sitzen zu bleiben. Die ganze Feier muss ein ziemliches Desaster gewesen sein, das mein sonst so zuverlässiges Gedächtnis weitgehend gelöscht hat.
Zwei Wochen später bekam ich ein Paket von Eleonore. Es sollte mein einziges Erbe bleiben. Es enthielt einen mehrere Meter langen Schal, der dem Schal ähnelte, den Alec Guiness als Professor Marcus in “Ladykillers” trägt. Neben zwei Bänden Goethe und einem Kilo Walnüsse fand ich “Die Sirenen des Titan” und irgendetwas sagte mir, dass mein Vater mein Geschenk nie in den Händen gehalten hatte. Als letztes Erbstück hatte Eleonore eine Broschüre mit dem Titel “Über die Kriegsschuld Polens” beigefügt, was ich als besonders niederträchtig empfand. Sollte diese doch vermutlich nahelegen, Helmut wäre auf seine letzten Tage noch zum Neo-Nazi geworden. Am liebsten hätte ich die trauernde Witwe mit dem Schal erwürgt und anschließend mit den Walnüssen im Takt des “Ladykillers-Menuett” von Boccherini beworfen, die sie mir so sinnfrei beigefügt hatte. Ein zweites Mal in meinem Leben warf ich ein Buch fort, das rechtsradikale Pamphlet.
Erst nach dem Tod von Helmut, kam mir zu Bewusstsein, wie ungeheuerlich sein väterliches Gebaren eigentlich war. Als Kind und auch später habe ich es einfach so hingenommen, es hatte die normative Kraft des faktischen. Ich glaube Therapeuten sprechen da von einem Introjekt. Noch länger hat es gedauert, bis ich begriff, dass sich bei mir ein Verhaltensmuster entwickelt hatte, nachdem ich Menschen in mein Leben ließ, die mich nicht gut behandelten und die mich verließen, wenn sie meiner nicht mehr bedurften. Vielleicht gehe ich mit Helmut zu scharf ins Gericht, weil ich meine Kritik erst so spät entwickelt habe. Andererseits kann ich nichts an meinen Empfindungen ändern. Sie sind wie sie sind.
Ich weiß nicht ob es etwas geändert hätte, wenn ich mich mit meinem Vater “ausgesprochen” hätte. Ich fürchte, wir hätten aneinander vorbei geredet. Ich halte meinem Vater zugute, dass ihn zehn Jahre Krieg und Gefangenschaft seelisch und körperlich beschädigt haben. Trotzdem konnte ich nie begreifen, wieso er ein derartiger Rabenvater wurde. Ich habe ihn nie gehasst, lieben konnte ich ihn aber auch nicht.

Bei den Theaterfotos handelt es sich um Szenen aus Inszenierungen mit Wilhelm Borchert, die meine Mutter gesammelt hat.

M.K.

Alle bisher veröffentlichten Folgen sind hier verlinkt:

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Familienportrait – “Ariernachweis” / Die Bürokratie des Rassismus / 1936

Der Zufall wollte es, dass ich mich am letzten Wahlsonntag, dem 13. März, bei der Arbeit am “Familienportrait-Buch”, mit der Rassismus-Bürokratie des Dritten Reichs auseinandersetzen musste. Die rechtsextreme AfD kam mit zweistelligen Ergebnissen in drei Bundesländern in die Parlamente. Was eine rechtsextreme Partei tun kann, wenn sie an die Macht kommt, zeigte mir ein sogenannter “Ariernachweis”, den ich bei den Papieren meines Vaters fand.

1936 hatte mein Vater einen Nachweis erbringen müssen, dass er “arisch” war, sonst hätte er kein Abitur machen können. So wollte es die NSDAP, die schon im April 1933, wenige Monate nach der Machtergreifung, Rassismus und Ausgrenzung zum Gesetz erhob. Erst mussten Beamte und öffentlich Bedienstete diesen Nachweis führen, bald danach wurde er für viele weitere Berufe Pflicht. Nach den “Nürnberger Gesetzen” wurde der Nachweis 1935 für alle Bürger obligatorisch. Und schließlich wurden sogenannte “Nichtarier” auf Basis dieses Dokuments in “Konzentrationslager” verschleppt und ermordet. Dabei war das Verfahren äußerst widersprüchlich. Es gab keine objektivierbaren Merkmale für den Rassenwahn der Nazis, die Physische Anthropologie, die sich mit Rassemerkmalen beschäftigt, kennt keine “arische Rasse”. Also war letztlich die Religionszugehörigkeit entscheidend. Wenn der Urgroßvater jüdischer Herkunft war, aber zum Christentum konvertierte, hatte man Glück, man galt als Arier. Doch wenn der Ur-Opa stattdessen dem Christentum abgeschworen und den jüdischen Glauben angenommen hatte, war man “unreinen Blutes”, mit schlimmen Konsequenzen.

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Den Antrags-Bogen hat ein deutscher Bürokrat sehr effizient gestaltet. Es gibt drei Abschnitte und alles findet auf einem DIN A4-Blatt Platz. Zunächst ist ein Lebenslauf gefordert, handschriftlich und äußerst ausführlich. Manche Details sind verwunderlich, so wird nach “Flugsport” gefragt. Es wird bereits an den Krieg und die Verwendung der “Arier” in ihm gedacht. Piloten werden erfasst und die Luftwaffe wird sie später zu Kampfpiloten machen. So widmet sich der zweite Abschnitt der Verwendungsfähigkeit der Antragsteller beim Militär. Ob man sich freiwillig gemeldet hat und ob man gemustert wurde, ist anzugeben.

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Auf der Rückseite folgt der eigentliche “Nachweis”. Da für alle Angaben beglaubigte Dokumente vorzulegen waren, musste mein Vater wie andere auch, sieben Geburts- oder Taufurkunden, sowie drei Heiratsurkunden besorgen. Er war der erste Abiturient in der Familie, seine Vorfahren waren Arbeiter, Lohnknechte und Mägde, allesamt protestantisch.  Eine Diskriminierung als “Nichtarier” musste er nicht befürchten.

Neben der diskriminierenden Wirkung, nach der weite Teile des Volks stigmatisiert wurden, gab es auch eine qualifizierende Wirkung. Menschen, die noch nie etwas im Leben erreicht hatten, auf das sie stolz sein konnten, fühlten sich nun als Mitglieder einer “Herrenrasse”. Wegen des Interesses an Stammbäumen wuchs die Zahl der “Sippenforscher” enorm an. Eigens für Ahnenangelegenheiten wurde die ‘Reichsstelle für Sippenforschung’ (ab 1940 ‘Reichssippenamt’) gegründet, welche die Abstammungsnachweise auf Grund der Urkunden ausstellte.

Mein Vater bestand 1937 sein Abi mit 1,0. Er begann zu studieren, doch schon 1938 wurde sein Jahrgang gemustert. Er war tauglich und rechnete sich aus, nach zweieinhalb Jahren wieder ins Zivilleben zurückzukehren, und sein Studium wieder aufzunehmen. Der Wehrdienst war eben auf zwei Jahre verlängert worden und ein halbes Jahr Arbeitsdienst kam hinzu. Als Einser-Abiturient hätte er Offizier werden können, aber er entschied sich dagegen. Helmut war zu diesem Zeitpunkt Buddhist, was er natürlich geheim hielt und das Töten, hoffte er, auf diese Weise vermeiden zu können. Seine Überlegung war vielleicht etwas naiv, aber im Grunde nachvollziehbar. Als einfacher Soldat glaubte er, daneben schießen zu können, doch als Offizier hätte er das Töten befehlen müssen.

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Ob ihm bewusst war, dass sein Wehrdienst länger werden würde, weiß ich nicht. Er wird sich darüber klar gewesen sein, dass die Nazis auf einen Krieg zusteuerten. Jedem halbwegs realistisch denkenden Deutschen musste dieser Gedanke gekommen sein. Hitler hatte sein Vorhaben schon in “Mein Kampf” niedergeschrieben. Außerdem war bei aller deutschen “Friedensrethorik” im Vorfeld des 2. Weltkriegs, die gigantische Aufrüstung unübersehbar. Wahrscheinlich hatte mein Vater gehofft, ein Krieg würde nicht lange dauern und er würde ihn überleben. Das Letztere gelang ihm, er überlebte den Krieg. 35% der Männer seines Jahrgangs kamen nicht aus Krieg und Gefangenschaft zurück. Was dem Regime das Leben eines Soldaten wert war, illustriert ein Hitler-Zitat, das perfiderweise auf den Feldpostkarten abgedruckt war: “Es ist gänzlich unwichtig, ob wir leben, aber notwendig ist, daß unser Volk lebt, daß Deutschland lebt.”

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Sein Wehrdienst sollte länger dauern. Ganze zehn Jahre war er Soldat gewesen, als er im Sommer 1948, abgemagert und traumatisiert, vor der Tür meiner Mutter stand, die ihn für tot gehalten hatte. Schon der Krieg war ihm als eine Art Hölle erschienen, doch die danach folgenden drei Jahre Kriegsgefangenschaft in Sibirien, waren wohl schlimmer. Wie die meisten Männer redete er nie über seine Erfahrungen. Er starb mit Anfang 60 an den Spätfolgen von Krieg und Gefangenschaft.

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Anfang der 1950er Jahre

M.K.

Berlinische Leben – “Fünfziger Jahre Stadtbummel” / West-Berlin Fotos

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Als Anhang eine Geschichte aus den 50ern:

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Fotos: ©Marcus Kluge + Rainer Jacob

Familienportrait Teil 25 – “Sag mir wo die Blumen sind” / Die Ballade von Wolfgang und Notburga / 3. und letztes Kapitel / 1961- heute

Mein Bruder, meine Cousinen und ich, 1961 im Grunewald

1961 wird alles anders.

In Hamburg nimmt eine unbekannte Band unter dem Namen “The Beat Brothers” mit Tony Sheridan “My Bonnie” auf. Die Aufnahme wird in Deutschland 100 000mal verkauft. Die Musiker der Gruppe lassen sich ihre Haare zu Moptops schneiden, “Pilzköpfe” sagt man in Deutschland, ihr Name ist nun “The Beatles”. Sie werden nicht nur Mode und Musik nachhaltig beeinflussen, sie werden den ganzen Erdball verändern. Der sowjetische Kosmonaut Yuri Gagarin fliegt als erster Mensch in den Weltraum. Barbie bekommt einen Freund namens Ken, in Berlin wird eine Mauer errichtet, die jeden Kontakt zwischen und Ost und West unterbindet und ich bringe mir englisch bei. Ich will die Musik im AFN besser verstehen und die amerikanischen Comics, wie Batman oder Spider-Man lesen können, die ich mir in den Hefte-Tausch-Läden besorge. 1961 ist auch das Jahr in dem die venezolanischen Kluges nach West-Berlin kommen.

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Wolfgang und Notburga in Tokyo (vorn, Mitte, 1969)

Erst einmal wohnen sie bei uns. Mein Bruder und ich kampieren mit den beiden Mädchen aus Venezuela im großen Wintergartenzimmer mit Blick auf den Volkspark. Ich bin mit sieben Jahren der Kleinste, Ingrid ist neun, die kleine Notburga ist elf, Thomas ist 13. Wir verständigen uns auf deutsch, mit spanischen und englischen Ausdrücken. Als wir im Sommer ins Strandbad Wannsee gehen, will Ingrid nicht ins Wasser. Sie hat Angst vor Haifischen. Abends quatschen wir lange, ich hatte mir ja immer Schwestern gewünscht. Leider dauert der Ausnahmezustand nicht lange.

Image Wolfgang

Wolfgang wird meine erste männliche Stil-Ikone. Er trägt amerikanische Oberhemden, die Zigaretten stets in der Brusttasche, schicke Krawatten aus Caracas, seine Haare sind mit Pomade locker gelegt. Obwohl er viel arbeitet und sicher auch Stess hat, strahlt er Ruhe aus und gibt jedem Gesprächspartner das Gefühl, ganz für ihn da zu sein. Die große Notburga sieht im piefigen West-Berlin wie ein Filmstar aus. Selbst im Kopftuch scheint sie den Seiten eines Modemagazins entsprungen zu sein.

Image Notburga

Wolfgang arbeitet als Manager für die Charterfluglinie “Saturn Airways” im Flughafen Tempelhof. Nachmittags besuche ich ihn öfter dort, er nimmt sich für mich Zeit, zeigt mir das imposante Gebäude, ich darf sogar aufs Rollfeld mit ihm. Anschließend bekomme ich Coco-Cola, echte amerikanische, ich bilde mir ein, dass sie viel besser schmeckt als deutsche.

Die amerikanischen Kluges ziehen in die Nähe vom Flughafen. Alle 20 Minuten donnert ein Clipper im Tiefflug über das Haus. Dann mieten sie einen Bungalow in Lichtenrade, er wirkt sehr amerikanisch, innen und außen. Sie behalten aber auch die ganze Zeit eine Wohnung in Österreich, in Ach an der Salzach, wo Notburgas Vater nach dem Krieg praktizierte. Viele Einwohner können sich an ihren ehemaligen Arzt, Dr. Baumgartner erinnern. Für die große Notburga wird es ein Stück Heimat gewesen sein, dort auszuspannen. Auch meine Familie macht hier Urlaub, im Sommer 1963. Im Dorfkino sehen wir Dr. No, den ersten Bond-Film. Man muss nur über eine Brücke gehen, dann ist man in Burghausen, Deutschland. In Österreich wird auch der Sohn von Wolfgang und Notburga, Johannes, geboren, am 27.2.1964. Die Eltern legen wert darauf, dass er nicht in Deutschland zur Welt kommt, nie soll er eine deutsche Uniform tragen.

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Die große Notburga mit dem kleinen Johannes

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Marcus 1961, Volkspark Wilmersdorf

Als meine Mutter krank wird und in eine Klinik muss, wohne ich eine Zeitlang in der Villa in Lichtenrade. Die große Notburga kümmert sich sehr freundlich um mich. Ich habe angefangen mir das Kochen beizubringen, Notburga unterstützt mich und zeigt mir exotische Gerichte, die sie auf den vielen Reisen rund um den Globus mit Wolfgang kennen gelernt hat. Suki-Yaki wird mein neues Leibgericht. Wolfgang zeigt mir seine technischen Geräte, wie das Uher-Report-Tonbandgerät und seine Filmkamera. Das Haus ist voll mit süd- und nord-amerikanischer Kultur, Platten, Büchern, Bildern und Kunstgegenständen, ich fühle mich sehr wohl. Die größte Entdeckung ist jedoch der kleine Fernseher in der Küche. Dort kann ich das amerikanische Soldatenprogramm sehen, das nicht nur in Dahlem, sondern auch am Flughafen Tempelhof, einen kleinen Sender betreibt. Zu einer Zeit, als das deutsche Fernsehen um 17 Uhr beginnt und um 23.30 Uhr endet und in West und Ost gleichermaßen langweilig ist, wird das für mich zu einer Offenbarung. Serien wie Dragnet, Addams Family oder The Outer Limits begeistern mich. Jeden Abend läuft die Tonight Show mit Johnny Carson, der Prototyp der Late Night Show. In Deutschland wird es 30 Jahre dauern, bis das Format adaptiert wird. Carson ist großartig und ich lerne viel über US-Pop-Kultur. Jeden Sonnabend kommt ein Gruselfilm der B-Klasse, meist aus den 50er Jahren. “The cheaper they are the better they are!”, wie es Frank Zappa ausdrücken wird.

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Johannes und die kleine Notburga

In Berlin ist für Wolfgang das obere Ende der Karriere-Leiter erreicht, die Familie zieht in den Taunus, nahe dem Rhein-Main-Flughafen. Hier will Wolfgang seine Vison verwirklichen. Durch 20 Jahre Berufserfahrung im Fluglinien-Geschäft und seine unzähligen Reisen, ist er zum Experten geworden. Jetzt will er seine Expertise in einem weltweiten Linienflug- und Straßenatlas einbringen. Ein gigantisches Projekt, das er fast allein auf die Beine stellt, selbst Illustrationen wie die Concorde zeichnet er eigenhändig. Die Flug- und Straßenkarten ergänzt ein umfangreicher Informationsteil, ein mehrsprachiges Wörterbuch ist auch dabei. Leider hat das Produkt keinen durchschlagenden Erfolg. Vielleicht war er mit seiner Idee auch zu früh, 15 oder 20 Jahre später, in einer globalisierten Welt, hätte er wohl mehr Erfolg mit seinem wegweisenden Projekt gehabt.

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Wolfgangs Atlas

Am 2. Juli 1971 sehe ich ihn zum letzten Mal. Auf unserem Weg nach Paris, besuchen wir ihn und die große Notburga, in der Nähe von Frankfurt. Es ist Nachmittag, er hatte sich hingelegt, Notburga will ihn eigentlich schlafen lassen, aber er besteht darauf, uns Hallo zu sagen. Als er im Morgenmantel die Treppe herabkommt, bin ich bestürzt, er sieht alt aus und müde, sehr müde. Ich habe eine Ahnung, ich werde ihn nicht wiedersehen. Nach einer Stunde verabschieden wir uns, wir noch eine lange Strecke vor uns.

In der folgenden Nacht bin ich zum ersten Mal in Paris. Während ich um 3 Uhr morgens am Boulevard St-Michel sitze, stirbt ein paar Ecken weiter Jim Morrison in seiner Badewanne.

https://marcuskluge.wordpress.com/2013/12/09/familienportrait-marathon-tag-15-paris-zum-ersten-1971/

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Notburga, Johannes, Wolfgang, Mitte der 70er Jahre

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Johannes, Marcus, 1977 in Berlin

Nach dem Atlas-Projekt zieht Wolfgangs Familie zurück nach Venezuela. Nur die kleine Notburga ist inzwischen in Deutschland verheiratet und hat einen Sohn, sie bleibt in Europa. In Amerika kann Wolfgang an seine beruflichen Erfolge nicht mehr anknüpfen. In Venezuela ist geschäftlicher Erfolg häufig mit Korruption und Vetternwirtschaft verbunden, aber das liegt dem geradlinigen Wolfgang nicht. Die große Notburga geht wieder arbeiten. Wolfgang geht es gesundheitlich nicht gut. Es rächt sich, dass er sich nie geschont hat und auch nie Sport getrieben hat. Er muss ins Krankenhaus, nimmt es wie Urlaub, scherzt es ginge ihm großartig, nach der Erholung im Spital. Niemand rechnet mit der Katastrophe, die sich nun ereignet. Am 24. April 1979 stirbt Wolfgang Kluge an einem Herzinfarkt, keine 50 Jahre Lebenszeit waren ihm vergönnt. Ingrid erkennt die Warnsignale bei ihrem Vater und fährt ihn nach Caracas in Krankenhaus, doch schon auf der Panamericana, mitten im Verkehr, verlassen ihn die Lebensgeister für immer. Er stirbt in ihren Armen.

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Notburga, die den eigenen Schmerz tragen muss, macht sich große Sorgen um ihre Kinder, besonders Johannes. Wolfgang und er standen sich besonders nah. “Wie zwei verschworene Lausbuben”, seinen sie gewesen, schreibt die Witwe meiner Mutter. Johannes ist 14 einhalb, er frisst den Schmerz in sich hinein, auch Notburga verschließt sich. Sechs Monate später schreibt Notburga meiner Mutter, dass sie wieder zueinander gefunden haben. Aber Johannes hat unter dem Druck der Trauer seine Kindheit aufgeben müssen. Er ist nun vollends erwachsen. Schon länger hatte er den Plan auf die Luftwaffenakademie zu gehen, er will fliegen. Dadurch würde sein Studium nicht die Eltern belasten. Notburga hat Vorbehalte, “Du weißt wie ich den Militarismus hasse.”, schreibt sie. Natürlich ist sie trotzdem einverstanden. Der nunmehr 15jährige will auch in den Schulferien arbeiten gehen, um für die kleine Familie beizutragen, das redet sie ihm aus. Für die Luftwaffe ist er zu groß gewachsen und die Brille stört. Er geht zum Heer, sein Kompaniechef ist ein ehrgeiziger Offizier namens Hugo Chavez. Johannes hält ihn damals schon für ziemlich durchgeknallt. 1992 versucht sich Chavez durch das Militär an die Macht zu putschen. Der Umsturz misslingt, nach zwei Jahren wird er begnadigt. 1998 wird er Präsident, er ist vor allem im Ausland umstritten. 2013 stirbt er an Krebs, noch heute besteht die Regierung aus seinen Weggefährten. Zu denen hätte auch Johannes gehören können, doch dieser erkennt früh den Karrieristen, der mit blankem Populismus Anhänger um sich schart, die einen Personenkult betreiben, der Chavez’ Narzissmus schmeichelt.

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Johannes beim Militär

Es ist merkwürdig und traurig, dass offenbar alle Kluge-Männer zu früh auf ihren Vater verzichten mussten. Bei meinem Vater war das so, bei Wolfgang, bei Johannes und auch bei mir. Nach der Scheidung meiner Eltern, da war ich zwölf, hat sich mein Vater nicht ein einziges Mal bei mir gemeldet, er hat mir nie geschrieben oder sich sonst um mich gekümmert. Ein paar Mal habe ich ihn besucht, die Initiative ging dabei von mir aus. Aber auch bei diesen Treffen hat er nie gefragt, wie es mir ginge, was ich machte oder wie meine Pläne wären. Sicher sind die Einzelschicksale unterschiedlich und können kaum verglichen werden, aber das Fehlen einer Vaterfigur fühlt sich sehr ähnlich an und es ist ein elementarer Mangel, nicht nur in meiner Familie.

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Notburga bei mir in Berlin, Anfang der 90er

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In Los Castores. Anfang der 90er Jahre

1993. Vier Wochen bleiben wir in Venezuela. Wir wohnen bei Notburga und Johannes in Los Castores, einer bewachten Wohnanlage, wo auch andere Familienmitglieder zu Hause sind. Auch Ingrid, die in der Nähe wohnt, treffe ich hier wieder. Neben Merida in den Anden, lernen wir Prado Largo kennen, dort hat die Familie seit langem Urlaub gemacht. Wir wohnen bei Notburgas Schwester Titti und ihrem Mann Diethard. Klimamäßig komme ich mir vor wie im Dschungel. An die 40° bei hoher Luftfeutigkeit sind nicht so mein Wohlfühlwetter. Danach verbringen wir noch eine Woche auf der Karibikinsel Margarita, mit Seebrise und Baden im Atlantik fühle ich mich dort besser aufgehoben. Wir wohnen in einer Ferienwohnung, die der kleinen Notburga und ihrem Mann gehört.

Um 22 Uhr am 3. Dezember 1993 soll unser Rückflug vom Maiquetia-Flughafen abheben. Nach einer tränenreichen Verabschiedung stellen wir fest, dass unser Flug erhebliche Verspätung hat. Erst morgens um 1.30h können wir die Lufthansa-Maschine besteigen. Wir erfahren, dass die Witwe des Drogenbosses Pablo Escobar mit dem gleichen Clipper aus Frankfurt zurückgeflogen ist, nachdem sie vergeblich in Deutschland um Asyl gebeten hat. Escobar wurde am Vortag von einem Elite-Kommando in Medellin erschossen. Deutsche Geheimdienstler haben die Maschine und das Gepäck stundenlang durchgecheckt, weil sie einen Racheanschlag befüchteten. An Bord zeigt sich die Lufthansa großzügig mit den alkoholischen Getränken, meine 70jährige Mutter, die eigentlich Flugangst hat, schläft bald seelig. Ich kann nicht schlafen. Ich denke über Wolfgang und Notburga nach, über den Krieg und seine Folgen, die für Generationen nachwirken. Ich denke an die Verletzungen, die Schuld, die Vertreibung und das Schweigen, dass in so vielen Familien herrscht und das auch die Kinder stumm macht. Ein Lied kommt mir in den Sinn, ich habe es seit der Kindheit nicht mehr gehört. Notburga hat es mir damals vorgespielt. Pete Seeger hat es geschrieben, Marlene Dietrich hat es in Deutschland bekannt gemacht.

Sag mir wo die Blumen sind
Wo sind sie geblieben
Sag mir wo die Blumen sind
Was ist gescheh’n
Sag mir wo die Blumen sind
Mädchen pflückten sie geschwind
Wann wird man je verstehn
Wann wird man je verstehn

Image Venezuela 1959

Die große Notburga stirbt am 20. Dezember 1995 an einem Lungenemphysem und einer Lungenentzündung. Meine Mutter erliegt am 15. Mai 2005 einem Krebs, der ihre Lunge befallen hatte. Beide haben viel und gern geraucht.

Die “kleine” Notburga lebt heute mit ihrem Mann im Taunus, nachdem sie fast ein Leben lang für Fluglinien wie die venezolanische Viasa gearbeitet hat. Ingrid wohnt in der Nähe von Caracas, genau wie ihr Bruder, Johannes W. Kluge, der am 17. Oktober 2009 geheiratet hat.

Ich danke Johannes für seine Unterstützung, seine Hinweise und sein Gedächtnis, ohne ihn hätte ich diese Geschichte nicht aufschreiben können.

Marcus Kluge

Der erste Teil:

http://wp.me/p3UMZB-1rj

Der zweite Teil:

http://wp.me/p3UMZB-1rJ

Mein erstes Buch könnt Ihr hier bestellen:

marcusklugeberlin@yahoo.de

“Die Tiefe der Erinnerung” / Interview mit Marcus Kluge / aus “Achte Reise zur Blechluft”

Anfang 2015 bat mich Günter Sahler um ein Interview. Für “Achte Reise zur Blechluft” befragte er mich zu meinem Blog und der Entstehung meines ersten Romans “Xanadu’73”. Hier dokumentiere ich das Gespräch für die Leserinnen und Leser meines Blogs.

Günter Sahler: In den 80er Jahren hast Du das Fanzine „Assasin“ gemacht und warst auch in der Berliner Musikszene aktiv. Als damaliger Fanzine- und Kassettenmacher dürftest Du mit Deinen Erfahrungen mit Druckereien und Selbstvertrieb beim heutigen Selfpublishing Vorteile haben. Wie siehst Du das?

Marcus Kluge: Was wir damals mit Fanzines und Kassetten probiert haben, entstand aus dem Bedürfnis sich selbst auszudrücken und eine Art Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Foto-Kopieren, drucken, Kassetten kopieren und alles in West-Berlin zu verteilen, war natürlich viel aufwändiger als heutige Distributionsformen wie das Internet. Über Berlin hinaus lief ja alles über die Post. Da ist das Internet traumhaft im Vergleich. Wichtigste Erfahrung, war: das Selbermachen und somit die Kontrolle zu behalten. Deshalb haben wir uns auch für eine kleine Berliner Druckerei entschieden und gegen eine Internet-Firma, jetzt beim ersten Buch. Vertreiben werde ich das Buch auch wieder selbst, übers Netz und hier in Berlin.

img_20140126_0007 Fanzine “Assasin” 1984

G.S.: Im Herbst 2013 hast mit dem Bloggen von Familiengeschichten angefangen. Wie hat sich das ergeben und wie bist Du dann dazu gekommen mit deinem ersten Roman zu starten?

M.K.: Nachdem ich fast 20 Jahre für die Medienanstalt Berlin-Brandenburg gearbeitet habe und dort die Fernsehprojekte von Laien produziert hatte, war mir meine Kreativität verloren gegangen. Selbst als ich Rentner wurde, gelang es mir nicht mehr eigene Texte zu schreiben. Es war eine handfeste Schreibblockade und ich beschloss einen Umweg zu gehen. Ich gründete die “Blinden Passagiere”, eine Selbsthilfegruppe, in der ich mit traumatisch belasteten Menschen gearbeitet habe. Ich wollte den Fokus nicht nur auf mich, sondern auch auf andere richten und das hat wohl funktioniert. Ostern 2013 bin in den Keller gegangen und kam mit einer Kiste voller Fotos, Briefe und Dokumente zurück. Ich war fasziniert von den Geschichten, die ich da fand und habe kurz danach angefangen diese aufzuschreiben. Sicher hat auch eine Rolle gespielt, dass ich im Sommer 2013 Opa wurde. Eine Freundin empfahl mir ein Blog zu machen, ab dem 13. September 2013 habe ich auf wordpress “Familienportraits” veröffentlicht. In den ersten sechs Monaten wurde 12 000 mal auf Beiträge zugegriffen, eine Reichweite höher, als die Auflage von acht Assasin-Heften. Besonders die Stücke über West-Berlin kamen gut an, weshalb ich die Rubriken Berlinische Leben und Berlinische Räume eröffnet habe. Die “Leben” berichten hauptsächlich biografisch über Berliner und die “Räume” fokussieren auf Institutionen, Klubs und allgemein die Wohnsituation in der Mauerstadt. Zusätzlich habe ich auch Gastautoren gebeten über diese Themen zu schreiben, um den Blickwinkel zu erweitern. Ich möchte möglichst viel aus diesen Jahren dokumentieren, bevor die Zeitzeugen nicht mehr da sind. Siegfried Cracauer hat mal über den Film gesagt, er könne ein Stück Realität für die Nachwelt retten. So etwas versuche ich mit den Mitteln des Internets, ob es mir gelingt müssen andere entscheiden.

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Illu aus Blechluft

G.S.: In Geschichte „Die Legende von Xanadu“ geht es um den Heroinsüchtigen Beaky. Handlungszeitraum sind die 70er Jahre. Was wird auf dem Klappentext des Buchs stehen?

M.K.: Was auf dem Klappentext stehen wird, verrate ich noch nicht*, aber ich erzähle worum es geht. In den 70er Jahren starb ein ehemaliger Schulfreund an einer Heroinüberdosis und schon damals wollte ich darüber schreiben und habe recherchiert. Doch ich merkte, mir fehlte einfach das Handwerkszeug, das Leben von Beaky in seiner Komplexität darzustellen, ihm gerecht zu werden. Erst 35 Jahre später, Anfang 2014, schrieb ich einen kleinen Text über ein Pink Floyd Konzert 1970, bei dem Beaky vorkam und mir fiel sein kurzes, heftiges Leben wieder ein. Also beschloss ich, sein Leben in drei oder vier Kapiteln zu erzählen, an einen Roman hätte ich mich nicht herangetraut. Erst nach und nach gab ich Beaky mehr Raum und schließlich hatte ich einen kleinen Roman von ca. 140 Druckseiten fertig, zu meinem eigenen, größten Erstaunen. Ich hatte mir das nicht zugetraut. “Xanadu” ist eine Erinnerung an das West-Berlin der frühen 1970er Jahre, Liebe, Rausch und Rock’n’Roll sind die Themen. Es war mir auch wichtig, eine Art “Gegendarstellung” zu “Wir Kinder von Bahnhof Zoo” zu schreiben, ohne diese spekulative Gossenromantik des Bestsellers, der wahrscheinlich mehr Leute zum Heroin gebracht hat, als davor abgeschreckt. Mein Gegenentwurf ist Beaky, der aus einer bürgerlichen Familie kommt, der gebildet ist, Thomas Mann liest und den trotzdem eine Leere und Verlorenheit zu den Drogen treibt und dessen scheinbar dramatischer Tod in Wirklichkeit ein banaler Unfall ist.

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Illu aus Blechluft

G.S.: Die Geschichten orientieren sich an der Wirklichkeit und Du schreibst über Dinge aus Deinem Erfahrungsraum. Wie sammelst Du darüber hinaus Material und wie recherchierst Du?

M.K.: Im Wesentlichen hielt ich mich an die goldene Regel und schrieb über das, was ich kenne. Ich habe ein merkwürdig ausuferndes Gedächtnis, besonders an Dinge, die keinen besonderen Nutzen oder Sinn haben, erinnere ich mich perfekt, egal wie lange das Erlebte her ist. Und wen ich mich hinsetze und zu schreiben anfange, setzt das einen zusätzlichen Prozess in Gang und die Erinnerung wird tiefer, komplexer. Mit Ausnahme der Romane schreibe ich Wirklichkeit auf, ohne sie zu verändern. Bis auf die “Erfindung”, die der Prozess der Erinnerung und des Bewusstseins, an sich eben darstellt. Erst mit dem Xanadu-Roman fließt auch fiktives ein, doch das Meiste ist nicht erfunden, ich ordne und verdichte die Dinge nur. In meinem zweiten Roman, “Ein Hügel voller Narren” ist dann auch Neu-Schöpfung eingearbeitet. Das hat sich ganz langsam, organisch entwickelt. Selbst dieses Erfundene scheint mir schon dagewesen zu sein, es fühlt sich an, als ob ich es wiederfinde und aufschreibe, das ist ziemlich merkwürdig, es hat sich ergeben, ohne das ich es forciert habe. Ich muss da an einen Begriff aus der Filmsatire “Brazil” denken, da heißt der Geheimdienst “Information Wiederbeschaffung”. So bezeichne ich den Prozess scherzhaft bei mir selbst.
Neben der Erinnerung benutze ich meine reichhaltige Bibliothek und das Internet zum recherchieren. Im Internet finde ich nicht nur Fakten, sondern auch Zeitzeugen, die ich befragen kann. Das tue ich dann in der Regel per Mail oder Telefon.

12687780_10200986269695111_595421101207345024_n 2014, Foto: Geoff Pugh, Daily Telegraph

G.S.: Du hast derzeit einen guten Output, fast täglich erscheinen neue Texte auf Deine Webseite marcuskluge.wordpress.com. Wie kann ich mir Deinen Arbeitsalltag als Blogger mit WordPress, Facebook und Twitter vorstellen?

M.K.: Ich versuche einmal in der Woche einen neuen, längeren Text zu veröffentlichen. Reblogs, Bilderstrecken und Gastautoren ergänzen den Output. Wenn ich das Blog nicht bespiele, nimmt das Interesse ab, dann habe ich nur noch 40-50 Aufrufe statt 100 bis 200 täglich. Wahrscheinlich fließt es bei mir auch deshalb i.M. so gut, weil ich solange einen Schreibblock hatte und in jener Zeit sind Dinge gereift.
Eine Trennung von Privatleben und Arbeit gibt es nicht mehr. Ich schreibe morgens 500 Wörter in zwei Stunden etwa, alles andere, wie recherchieren, promoten, Kontakte pflegen, empfinde ich nicht als Arbeit. Aus gesundheitlichen Gründen muss ich aufpassen, mich nicht zu überlasten. Ich mache eine Siesta mittags und oft noch eine zweite am frühen Abend. Weil die Arbeit Spaß macht, überlaste ich mich manchmal, dann muss ich Auszeiten nehmen. Ich gehe selten weg, weil mich das ziemlich anstrengt und die Technik ermöglicht, dass ich fast alles von daheim machen kann. Ich empfinde diese Möglichkeiten als Segen. Auf der anderen Seite sind mir die Gefahren durch staatliche Dienste wie die NSA, oder private wie Google, sehr bewusst. Ich fürchte die beschworene Dystopie hat bereits begonnen und wird noch sehr böse Folgen haben. Aber auf Google und Facebook zu verzichten ist unrealistisch. Ein “Grundwiderspruch” hätten die 68er gesagt. 😉

G.S.: Rainer Jacob, der auch schon das „Assasin“ gestaltet hat und dort auch Comics gezeichnet hat, zeichnet nun wieder für deine Romane „Die Legende von Xanadu“ und “Ein Hügel voller Narren” Illustrationen. Wie kann man sich die inhaltliche und technische Zusammenarbeit zwischen Dir als Autor und Webmaster und Rainer Jacob als Zeichner vorstellen? Hättest Du auch ohne die Rainer Jacob an Illustrationen zu den Geschichten gedacht?

12654215_10153561472262982_3892196464954072360_nIllu: Rainer Jacob

M.K.: Rainer und ich sind seit über 40 Jahren Freunde. Obwohl, oder vielleicht auch, weil wir oft unterschiedliche Meinungen haben, respektieren wir den Anderen. Das gilt besonders für das Handwerk des Anderen, er redet mir nicht herein und ich ihm auch nicht. Natürlich gebe ich ihm Themen vor, oder sage z.B., die Figur Ghobadi stelle ich mir optisch so ähnlich vor wie Moshe Dayan. Mehr ist es nicht, welche Szene und welche anderen Figuren und Attribute er zeichnet, entscheidet er selber. Wir haben da eine fast schon intuitive Ebene des Verstehens. Manchmal zeichnet er Dinge, die im Text gar nicht vorkommen und ich greife das auf und schreibe es, oder stelle fest, dass die Sache später eine Rolle spielen wird.
Schon bevor wir, im Frühjahr 2014, unsere alte Zusammenarbeit wieder aufgenommen haben, habe ich meine Texte mit Originalfotos, Briefen, Dokumenten und anderem illustriert. Ich verfüge über ein Archiv von etwa 2000 Fotos, an denen ich die Rechte habe. Eigene, Familienfotos und Fotos, die ich in Auftrag gegeben habe aus der Assasin-Zeit. Nur zeichnen kann ich nicht. Ich hätte ohne Rainer die Romane mit Oldschool-Kollagen illustriert, hergestellt wie zu Fanzine-Zeiten, mit Cutter und Fixogum. Gibts eigentlich noch Fixogum?
Ich habe eine Lust an illustrativen Bildern, die einen in Stimmung versetzen, ohne die eigene Fantasie zu zerstören. An meinem neunten Geburtstag bekam ich “Bambi” von Felix Salten in einer wunderschönen Ausgabe geschenkt, Leinen, Fadenheftung usw. Sie hatte nur einen Fehler, sie enthielt keine Bilder. Bambi ohne Bilder? Ich habe nie Felix Salten gelesen.
Ich sehe meine Romane auch als unterhaltsame Fortsetzungsgeschichten, vielleicht eine Art Edel-Pulp, da gehört die Illustration einfach dazu.

G.S.: Du planst jetzt den Roman „Die Legende von Xanadu“ nicht nur über das Internet zu veröffentlichen, sondern auch als gedrucktes Buch. Finanzieren willst du über Crowdfunding. Wie wird das ablaufen? Wie wirst du dafür Werbung machen?

M.K.: Im Frühjahr werden wir in die Bewerbungsphase gehen, da muss man mindestens 25 Fans nachweisen, das wird kein Problem. Dann loben wir Präsente aus für alle, die uns unterstützen. Z.B. jemand der 12 Euro dazugibt bekommt ein signiertes Buch, für 20 ein schönes T-Shirt, oder auch ein Button für drei Euro. Alles natürlich im Stil der 1970er Jahre. Besonders freue ich mich auf ein “Fan-Heft”, das werden wir als Reminiszenz an das alte Assasin gestalten. In der Finanzierungsphase muss man halt viel in den sozialen Netzwerken aktiv werden und Multiplikatoren um Unterstützung bitten. Wenn das Geld zusammenkommt, wird gedruckt, die anderen Dankeschöns werden hergestellt und anschließend an die Unterstützer versandt. Den Rest der Auflage haben wir zu unserer Verfügung und können unsere Arbeit damit ein wenig bezahlt bekommen. Viele Bücher will ich auch zur Promotion verschenken. Dann könnten wir das darauf folgende Buch, also den “Narrenhügel” schon in einer größeren Auflage drucken. Mal sehen, wie’s läuft. Ich spekuliere nicht gern.

11009871_983143975063930_7128229095041179162_n Buch und Fanheft

G.S.: Um ein Buch im Eigenverlag zu veröffentlichen, hat man heute zahlreiche Möglichkeiten. Seit einigen Jahren propagieren Books-on-demand-Firmen das Publizieren für jedermann. Man schickt seine Daten per Internet an diese Firmen und je nach Wunsch muss man die gedruckten Bücher selber verkaufen oder die Firma kümmert sich vollständig darum. Andererseits gibt es immer noch genügend klassische Druckereien, die die Buchherstellung übernehmen. Welche Erfahrungen hast du in dem Bereich in der letzten Zeit gemacht?

M.K.: Ich habe den Eindruck, die Net-Druckereien sind teuer, so als ob die ein Kartell bilden. Außerdem habe ich keine Kontrolle bei der Produktion, das ist mir zu anonym. Deshalb drucken wir in Berlin in einer kleinen Druckerei. Ich hätte gern ein Hardcover mit Fadenheftung gehabt, musst aber einsehen, dass das Buch damit sehr teuer geworden wäre. Inzwischen denke ich auch seriell, eine Reihe von bezahlbaren Taschenbüchern, könnte ich mir vorstellen. “Xanadu” ist ja Teil einer Trilogie, der zweite Band ist fast fertig und die Familienportraits sollten ja auch mal gedruckt werden.
Es war auch klar, das erste Buch im Selbstverlag herauszubringen. Als Anfänger hätte ich sonst Kompromisse eingehen müssen und möglicherweise nicht die Rechte behalten. Ich habe ja den Vorteil, durch eine kleine Rente unabhängig zu sein. Ich muss vom Schreiben nicht leben. Trotzdem würde ich nicht als Schreiber für die Huff oder andere Medien kostenlos arbeiten. Grundsätzlich ist Schreiben ein Beruf, der auch bezahlt werden muss.

11295933_10153054905407982_2900396548150652592_n Lesung im Pinguin-Club

G.S.: Ohne die Unterstützung eines Verlages, willst Du nicht nur das Buch vertreiben, sondern auch Lesungen durchführen. Wie viel Spaß hast Du am „[fast] alles selber machen“?

M.K.: Es gibt wenig, das mir keinen Spaß macht. Kalkulationen sind nicht so meins und ich bin kein großer Kontakter. Ich muss akzeptieren, dass ich nur langsam vorankomme, das ist manchmal lästig, aber die Gesundheit geht vor. Auf die Lesungen freue ich mich schon, damals als ich noch vor der Kamera stand, hat mir das Auftreten immer Freude gemacht. Das ist das Schauspielerblut meines Vaters nehme ich an. Deshalb drehe ich jetzt auch Video-Lesungen und stelle die auf youtube. Ich selbst lese lieber Bücher, aber viele Menschen mögen sich auch gern was vorlesen lassen.
Weil ich viel allein mache, versuche ich immer wieder mit Freunden und Lesern im Gespräch zu bleiben und mir auch Kritik anzuhören. Letztlich tut man was man für richtig hält, aber man sollte vermeiden abzuheben oder sich im Wolkenkuckucksheim zu isolieren.

2015 erschien die Printausgabe von “Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll in West-Berlin”, in der Edition Assassin. Das Buch hat 148 Seiten und enthält 13 Illustrationen von Rainer Jacob. Jedem Kapitel steht ein klassischer Rocksong als musikalisches Motto zur Seite. Xanadu beschreibt eine Subkultur, die sich Anfang der 70er Jahre in den Kudammnebenstraßen gebildet hatte. Bevor dieses Stück Mauerstadtgeschichte gänzlich in Vergessenheit gerät, haben wir mit einem schönen, illustrierten Buch daran erinnert.

  • Das Buch kostet 13 Euro (inkl. Versand) und kann hier bestellt werden: marcusklugeberlin@yahoo.deEbenfalls bestellbar ist ein “Xanadu-Fanheft”, dass an die Assasin-Fanzines anknüpft, die ich Anfang der 80er Jahre mit Freunden herausgegeben habe.  Das neue, von Rainer Jacob gestaltete Heft, vereinigt Texte, Fotos und Materialien, die das Umfeld des Xanadu-Romans beleuchten und von Kindheit und Jugend in der Mauerstadt der 60er Jahre erzählen. Außerdem enthält es Geschichten wie “A Saucerful of Löschpapier”, “Halber Mensch” und “Bela Rattay’s Dead”. Es ist im DIN A4 Format erschienen, hat 28 Seiten und ist vom Autor signiert. Den Spaß kann man für 6.20€, inkl. Porto bestellen.

*Das steht auf dem Buchrücken:

  • Das kurze und heftige Leben des West-Berliners Beaky, der zehn ist als die Mauer gebaut wird und achtzehn, als er seinen ersten Trip nimmt. Er hat einen Plan, wird er funktionieren? Auf jeden Fall hat er zwei Helfer, die schöne Ungarin Susanna und den Dealer mit der Arzttasche, den alle nur den „Doktor“ nennen. Auch Professor Philippus, der Star-Therapeuten der 68er Generation wird zu seinem Unterstützer. Das Leben hat ihn aus der Bahn geworfen, doch nun steht er wieder auf und kämpft um eine bessere Zukunft. Er versucht von den Drogen loszukommen, er arbeitet beim Galeristen Puvogel, um etwas aus sich zu machen und er verliebt sich. Doch die Liebe hält nicht lange, als seine Geliebte ihn beim Heroin schnupfen erwischt, beendet sie die Beziehung. Als er auch noch Opfer der perversen Lüste seines Chefs wird, schmiedet er einen Plan, um sich an Puvogel zu rächen, seine Geliebte zurückzugewinnen und sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Doch dann passiert ein Unglücksfall, der wie ein Verbrechen aussieht und Beaky gerät ins Visier der Kriminalpolizei… –

Günters Website:

Das Interview und die Illus aus dem Buch erscheinen mit freundlicher Genehmigung von Günter Sahler.

Foto: Marcus Kluge mit Blechkanister, ca. 1970 (©M.K.)

Edit

Familienportrait Teil 24 – “Siebenbürgen, Curare und erneute Vertreibung” / Die Ballade von Wolfgang und Notburga / Kapitel 2 / 1931-61

In 3000 Metern Höhe laufe ich nachts bei dichtem Nebel, auf einer Pass-Straße in den Anden, vor dem Jeep, den mein Cousin Johannes steuert. Es ist 1993 und Johannes ist der einzige noch lebende Kluge, außer mir. Deshalb habe ich ihn in Venezuela besucht und ich wollte seine Mutter wiedersehen, Notburga, die ich 1961 kennenlernte, als sie zu uns nach West-Berlin kam, um bei uns zu wohnen. Heute haben wir uns etwas mit der Zeit verschätzt, Johannes hatte wohl auch vor, mit mir ein kleines Abenteuer zu erleben. Dass es so abenteuerlich wird, hat er nicht erwartet.

Ich weiß nicht wie lange ich vor dem Wagen laufend den Weg erkundschaften musste, es war lange und wir sind kaum vorwärts gekommen. Ich bin jedenfalls froh, als die Sicht minimal besser wird und ich wieder einsteigen kann. Müde sind wir nicht, unsere Nebennieren haben reichlich Stesshormone produziert und ich bitte Johannes mir weiter von seinen Eltern zu erzählen.

Auch Notburga hat einen weiten Weg hinter sich, als sie 1952 Wolfgang trifft. Notburgas Vater, Hans Baumgartner, kam aus Siebenbürgen. Während des Medizin-Studiums in Bonn lernt er seine Frau kennen, sie heiraten 1931. Dann ziehen sie nach Rumänien, dort wird bald danach Notburga geboren. Drei weitere Geschwister folgen bis 1941. Dr. Baumgartner, der hier Janos genannt wird, praktiziert als Bezirksarzt in dem von vielen Kulturen geprägten Landstrich. 1939 wird er als Hauptmann zur rumänischen Kavallerie eingezogen wird. Im Lauf des Krieges werden die Militärärzte mehrfach degradiert, Rumänien kann sich den Sold nicht leisten.

Die letzten Kriegsjahre ist Hans verschollen. Die Restfamilie muss Siebenbürgen verlassen, als die Russen näherrücken. Die Mutter läuft mit den vier Kindern zu Fuß nach Deutschland.

Sie haben viel Glück, sie treffen sich wieder. Eine Weile praktiziert Dr. Baumgartner als Dorfarzt im österreichischen Ach an der Salzach, auch aus dem deutschen Burghausen kommen Patienten. Aber als Staatenlose, nur mit Nansen-Pässen versehen, können sie nicht bleiben.

Kofferanhänger der Emigranten-Familie

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Notburgas Eltern entschliessen sich nach Venezuela auszuwandern, dort kann der Doktor seinen Beruf ausüben. Er wird Venezuelas erster Indianerarzt. Dr. Baumgartner lebt eine Zeitlang mit seiner Familie bei den Ureinwohnern Venezuelas in Dschungel. Er wird eine hoch respektierte Persönlichkeit und gehört später zu den wenigen Weißen, dem die Indianer Curare anvertrauen. Das berühmte Pfeilgift lähmt die Muskulatur, der Tod tritt durch Herzstillstand ein. Trotzdem kann man das erjagte Wild bedenkenlos essen, da Curare nur über die Blutbahn giftig ist. In den 50er Jahren wird Dr. Baumgartner Curare an Schering in Berlin verkaufen. Ein willkommener Geldsegen nach den vielen Jahren der materiellen Entbehrung.

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Dr. Baumgartner bei seinen Patienten

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Frau Baumgartner mit Ureinwohnern

Notburga heiratet 1950 und bekommt ein Jahr später eine Tochter, die sie auch Notburga nennt. In der Familie haben wir deshalb die Mutter, die “große” und die Tochter die “kleine” Notburga genannt. 1952 wird eine zweite Tochter geboren, Ingrid. Notburga hat als Kind zweimal die Heimat verloren, dann wird sie als Teenager in den Dschungel geschickt. Die frühe Ehe sollte ihr wohl Halt und Sicherheit geben. Das Gegenteil passiert, die Ehe scheitert. Als die große Notburga Wolfgang kennenlernt, verlieben sich die beiden. Wolfgang gibt Notburga endlich Halt, er übernimmt auch Verantwortung für sie und die Töchter. Bis zu seinen Tode wird Wolfgang für die Familie sorgen.

Sie ziehen zusammen und Wolfgang wird Büroangestellter bei der Pan Am. Nach ein paar Jahren wird Wolfgang sogar regional cargo manager für die Fluglinie, eine bemerkenswerte Karriere für den ehemaligen Kellner und Bauarbeiter. Wolfgang ist ehrgeizig, er will sich hocharbeiten, er glaubt an den amerikanischen Traum und erreicht auch viel, besonders wenn man bedenkt wie steinig seine Lehrjahre waren. Er ist nicht nur hochintelligent, er hat eine sympathische Ausstrahlung, sodass er fast jedermann in kürzester Zeit von sich einzunehmen weiß. Sein großes Ziel ist es aber, sich irgendwann selbständig zu machen und finanziell unabhängig zu sein. Zunächst ist die Familie zufrieden, es geht aufwärts und ein Ende des Aufstiegs ist nicht abzusehen. Wolfgang ist fleißig, er schont sich nicht und Notburga unterstützt ihn dabei.

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Wolfgang, Notburga, die Töchter und Oma Baumgartner im Urwald

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Wolfgang bei seinem Hobby

Nachdem 1958 der Diktator Marcos Pérez Jiménez gestürzt wird, sind Ausländer nicht mehr gern gesehen. Jiménez hat die Immigration gefördert, die Einwanderer sind meist besser gebildet als die Alteingesessenen, es geht ihnen materiell gut, so werden sie zum Ziel des Volkszorns. Die kleine Notburga und Ingrid werden auf dem Schulweg angepöbelt, es ist nicht auszuschließen, dass es noch schlimmer kommt. Also entscheiden Wolfgang und die große Notburga nach Deutschland zu gehen. Leicht fällt ihnen die Entscheidung nicht, Wolfgang wollte eigentlich nicht zurück in das Land, das ihm seine Jugend nahm und für Notburga ist es ein fremdes Land.

1993. Der Nebel lässt endlich nach und wir nähern uns Merida. Als wir ins Ferienhaus zurückkommen, stellen wir fest, dass Notburga während wir auf der nebligen Passstraße unterwegs waren, krank geworden ist. Sie hat hohes Fieber bekommen, offensichtlich hat sie sich sehr um Johannes ihren Sohn und auch mich geängstigt. Nachdem sie viel zu früh ihren Mann Wolfgang verloren hat, macht sie sich nicht nur große Sorgen um Johannes, so etwas wie eine latente posttraumatische Belastungsstörung hat von ihr Besitz ergriffen. Als sie uns heil zurückkehren sieht, geht es ihr langsam besser.

M.K.

Fortsetzung folgt

Alle bisher veröffentlichten Folgen sind hier verlinkt:

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Familienportrait Teil 2 – “Tränen, Erbsensuppe und die rote Fahne” / Oma Elisabeth1895-1918

Zum Frauentag erinnere ich mich an meine Großmutter. Als 15-jährige musste sie allein ins fremde Berlin, um als Hausmädchen zu arbeiten. Während der November-Revolution trug sie die rote Fahne durch Berlin. 2 Weltkriege hat sie erlebt, ihr Fazit war: “Sollen doch die Anführer der Völker gegeneinander kämpfen, statt die Völker in den Krieg zu schicken.”

Die Mutter meiner Mutter, Elisabeth Hellmich, wurde im September 1895 als zweite Tochter des Ehepaars Schnelle in Liebenwerda an der Grenze zu Sachsen geboren. Um das Jahr 1910 wurde sie nach Berlin geschickt, um dort in der Fremde als Hausmädchen zu arbeiten; “in Stellung gehen” nannte man das.

Es muss für die junge Frau hart gewesen sein, allein in der großen Stadt, ihr Glück zu suchen. Dienstmädchen wurden nicht gut behandelt. Schläge und sexuelle Übergriffe durch die “Herrschaft” waren an der Tagesordnung und wurden meist toleriert.

Am Sonntag Nachmittag, wenn Elisabeth frei hatte lief sie zu Fuß, um das Fahrgeld zu sparen, von Steglitz die Kaiserallee (heute Bundesallee) hoch, in Richtung Kudamm. Die Gartenlokale wie “Schramms am See”, dort wo heute der Volkspark Wilmersdorf liegt, reizten sie nicht. Dort wurde geflirtet, geschwooft und getrunken, es ging ihr dort zu derb zu und sie hatte kein Interesse Männerbekanntschaften zu machen.

Ihr Ziel war der Bahnhof und das, über die Grenzen Berlins bekannte Etablissement “Aschingers”. Dort gab es die berühmte Erbsensuppe und der Clou war, man durfte dazu so viele Schrippen essen, wie man wollte. Hier ging man relativ respektvoll mit dem jungen Mädchen um und hin und wieder mag sie auch mit anderen Gästen ins Gespräch gekommen sein. Oft saß sie jedoch allein vor der Suppenterrine und wenn sie an ihre Heimat und ihre Schwestern dachte, liefen ihr Tränen übers Gesicht und fielen in die Suppe.

Mit dem Beginn des Krieges 1914, änderte sich vieles. Frauen wurden in den Fabriken gebraucht und Elisabeth fing an bei Osram zu arbeiten und stellte Glühbirnen her. Sie wurde unabhängiger, kam sich freier vor und war nicht mehr so allein. Später kam ihre vier Jahre jüngere Schwester Charlotte auch in die Hauptstadt. Die dritte Schwester Martha blieb in Liebenwerda, ich vermute weil sie den Vorzug hatte die Erstgeborene zu sein.

Viele Jahre bestimmte dann der Weltkrieg das Leben der Frauen mit all seinen Härten, wie Hunger, Kälte und Unsicherheit. Elisabeth wurde eine resolute Persönlichkeit, die einen grossen Gerechtigkeitssinn entwickelte. Schließlich kapitulierte Deutschland, die Monarchie brach zusammen. Während der Novemberrevolution ging auch meine Oma auf die Straße. Jemand drückte ihr die rote Fahne in die Hand, diese trug sie bis es dunkel wurde. Dann ihr taten die Füße weh, also gab sie das revolutionäre Symbol weiter und marschierte nach Hause. Das war ihr kleiner Anteil an der Revolte, von dem sie später gern erzählte. Als ich 1968/69 auf die Strasse ging, um gegen Vietnamkrieg und andere skandalöse Zustände in der Welt zu demonstrieren, gehörte sie zu den wenigen Erwachsenen, die Verständnis für mich aufbrachten. Nachdem sie zwei Weltkriege überlebt hatte, war ihr Fazit: “Sollen doch die Anführer der Völker gegeneinander kämpfen, statt die Völker in den Krieg zu schicken.”

Das Foto oben zeigt Oma Elisabeth mit mir um das Jahr 1960.

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Auf dem zweiten Bild sieht man die drei Schwestern Schnelle (v.l. Martha, Charlotte, Elisabeth) noch ledig, vor dem 1. Weltkrieg, schick heraus geputzt. Das jüngere Foto (ca. 1927)

Image zeigt von links, meine Oma Elisabeth, meine Mutter als kleines Mädchen, Omas Schwester Charlotte und eine Unbekannte. Hier wirken die Damen auf mich erwachsener, recht selbstbewusst und stolz auf ihren Status als nicht mehr berufstätige Ehefrauen.

Marcus Kluge

– wird fortgesetzt –

Der nächste Teil erzählt, wie es Elisabeth in den 20er Jahren erging und endet mit der Machtergreifung der Nazis 1933.

Familienportrait Teil 23 – “Hitlerjunge, Weltenbummel und Clipper Club Caracas” / Die Ballade von Wolfgang und Notburga / Kapitel 1 / 1930-52

(Oben: Wolfgang Kluge als Steward im Clipper Club Caracas)

Im ersten Kapitel finde ich mich nachts auf einer nebligen Pass-Straße in den Anden. Hier erfahre ich, wie ein Berliner Steppke, mein Cousin Wolfgang, in den 1950er Jahren nach Südamerika gekommen ist.

Ich reise nicht gern und das hat seine Gründe. Zum einen hasse ich es, in meinem Bewegungsdrang eingeschränkt zu werden, denn nach dem chinesischen Sternzeichenkreis bin ich Pferd und muss Auslauf haben. Ein paar Stunden im Zug ertrage ich noch, im Flugzeug bekomme ich Zustände und auf den schwankenden Planken eines Schiffs habe ich mich nie wohl gefühlt. Zum anderen schlafe ich in der Fremde schlecht. Daher reise ich selten, doch manchmal muss es eben sein. So besuche ich 1993 zusammen mit meiner Mutter meine Cousine Notburga Kluge und ihren Sohn Johannes in Venezuela. Ihr Mann, Wolfgang Kluge, lebte zu dieser Zeit leider nicht mehr. Nach ein paar Tagen zur Akklimatisierung fliegen wir in die hübsche, kleine Universitätsstadt Merida, die sich auf 1600 Meter in Tallage ins Andenhochland schmiegt. Notburgas Bruder Walter hat dort ein Ferienhaus mit spektakulärem Blick auf den höchsten Berg Venezuelas, den Pico Bolivar der sich 4981 Meter über den Meeresspiegel erhebt. Wir lassen uns mit dem Hauswart, Ricardito fotografieren. Die Venezolaner nennen Johannes und mich “Wikingos”, Wikinger, weil wir groß und blond sind.

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“Los wikingos” und Ricardito in Merida

Eines Tages beschließt Johannes mit mir auf den höchsten Pass des Landes zu fahren, dem Pico el Aguila, auf dem in 4000 Metern Höhe Vegetation und Luft knapp werden. Nach abenteuerlicher Fahrt über unzählige Haarnadelkurven, neben denen ein freier Fall ins Tal droht, erreichen wir gegen 17 Uhr die Passhöhe, ich bin erstaunt wie schwer mir das Atem holen fällt.

Da es früh dämmert, treten wir bald die Rückkehr an. Hier in Äquatornähe kommt die Dunkelheit schnell und immer pünktlich gegen halb sieben. Als es dunkel wird, haben wir erst wenige der 75 km zurück ins Tal geschafft. Dazu bildet sich ein dichter Nebel, der Jeep hat Nebelscheinwerfer, nur nutzen sie nichts, mit ihnen beträgt die Sicht 2 bis 3 Meter, ohne Licht 5 bis 10, allerdings sehr vage Meter. Nur mit Schritttempo vermeidet Johannes den Absturz.

Ich überlege wieso meine Verwandten ausgerechnet nach Venezuela gekommen sind? Ich denke an den Vater von Johannes, meinen Cousin Wolfgang Kluge, der im Gegensatz zu mir, soviel und so gern reiste, dass sein Pass aus den Nähten platzte. Ich weiß das Wolfgang Anfang der 50er Jahre, nachdem er einige Zeit zur See fuhr, hier in Venezuela landete und dann seine Frau kennenlernte. Viel mehr weiß ich nicht, also bitte ich Johannes mir die Geschichte zu erzählen, während wir Kilometer für Kilometer die Passstraße abwärts schleichen.

“Wolfgang wird 1930 geboren, seine Mutter Frieda muss recht wenig mütterlich gewesen sein und sein Vater, Willy Kluge stirbt als Wolfgang 11 ist. Nun wird die Hitler-Jugend zum Elternersatz für ihn. Die Wanderungen und Ausflüge gefallen ihm, sogar Ski fahren lernt er. Außerdem bringt man den Jungen das Schießen bei.

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Wolfgang in der HJ

Im Januar 1945 wird der 14-jährige aus der Schule geholt. Man steckt ihn in schlecht sitzende Uniformstücke unterschiedlicher Truppenteile und rüstet ihn mit einem K98-Karabiner und einem Drahtesel aus. Beides klapprig und verrostet, eine einzige fabrikneue Panzerfaust ergänzt die Ausrüstung.

Zum Ende des Krieges sitzt er mit seiner Einheit in Bayern, an einem der ebenso schönen wie berühmten Seen. Auf der anderen Seeseite nähert sich eine Kolonne wuchtiger, amerikanischer Sherman-Tanks, die die jungen Burschen unter Aufopferung ihrer Leben, für Führer und Vaterland, in ihrem Fortkommen behindern sollen, wenn möglich bis zum Endsieg.

Ihr Kommandeur, ein älterer SS-Offizier, lässt sie antreten und befiehlt ihnen kurz und schneidig, ihre gesamten Waffen im See zu versenken. Das haben die Rotznasen auch sofort getan, wahrscheinlich haben sie vermutet, nun bekämen sie die von der Propaganda beschworenen Wunderwaffen ausgehändigt. Daraus wird nichts, der Offizier befiehlt ihnen, sich aus dem Staub zu machen, sich Zivilklamotten zu besorgen und dann nach Hause zu laufen. Am liebsten hätten die Jungs den Vaterlandsverräter auf der Stelle erschossen, aber ihre Waffen lagen ja nun auf dem Grund des Sees und der Kommandierende hatte noch seine MP…

Also haben sie sich aufgemacht und bald danach einen alten Opel “organisiert”. Damit kamen sie der Heimat einige wenige Kilometer näher, doch dann werden sie von G.I.s aufgegabelt und wegen Diebstahls vor Gericht gestellt. Das Verfahren ist kurz: “Uieh haissn daine Faddör? Uieh haissn daine Muddör? Four Days!!!” Als sie nach vier Tagen aus dem Knast kommen (sie wären gerne etwas länger geblieben, denn da hatten sie wenigstens etwas zu Essen bekommen) sehen sie “ihren” Opel schon in flottem Olivgrün und mit weißem Stern im Hof stehen.

Als Wolfgang endlich in Berlin ankommt erfährt er, seine Mutter ist mit dem Stiefvater nach Belgien gezogen. In Hamburg stecken ihn die Briten wieder ins Kittchen, das Gute daran ist, hier trifft er seinen zwei Jahre älteren Bruder Ino. Die Engländer begreifen schnell, dass die beiden keine großen Kriegsverbrecher waren und lassen sie laufen.

Für die Jungen, deren ganzes Leben von der Propaganda der Nazi-Diktatur begleitet wurde, ist der Zusammenbruch Nazi-Deutschlands traumatisch. Jetzt erweist sich, dass alles woran sie geglaubt haben Lügen waren. Eine ganze Generation wacht auf und findet sich in einem Alptraum von Zerstörung und Schuld wieder. Die meisten lernen zu verdrängen. Wolfgang ist nicht bereit zu vergessen, wahrscheinlich kann er es nicht. Während die Mehrheit der Deutschen sich bald mit dem sogenannten Wirtschaftswunder betäubt und alte Nazis auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs Karriere machen, als sei nichts geschehen, will Wolfgang auf Abstand zum schwierigen Vaterland gehen. Bei der kühlen, zänkischen Mutter in Belgien möchte er auch nicht bleiben.

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Wolfgang als Reiseagent in Belgien

Nachdem er zwei Jahre für eine auf Flugreisen spezialisierte Reiseagentur gearbeitet hat verlässt Europa, zusammen mit seinem Bruder Ino lässt er sich um die Welt treiben. Die Brüder nehmen fast jeden Job an, zeitweise treten sie sogar als Step-Tänzer auf. Ihr eigentlicher Plan ist es, nach Südafrika auszuwandern. Sie heuern auf Schiffen an. Sie sehen Bombay, durchqueren als Matrosen auf einem Tanker den Persischen Golf, dann wechseln sie auf einen norwegischen Frachter. 1951 landen sie in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela. Hier ist es immer warm, die Menschen sind freundlich, niemand stört sich daran, dass Wolfgang Deutscher ist. Venezuela gefällt ihm gut, es wird sein neues Heimatland werden.

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Bauarbeiter in Venezuela

Zunächst schuftet er auf dem Bau, dann hat er die Möglichkeit als Steward im exklusiven Clipper-Club von Pan American Airways in Caracas zu arbeiten. Im Vergleich zum zerstörten Deutschland muss es dort traumhaft gewesen sein. Die Clipper Clubs waren luxuriöse Lounges der legendären Fluglinie, die anfangs nur auf Empfehlung und später auch gegen eine saftige Gebühr ihre Türen öffneten. Zu dieser Zeit, Anfang der 50er Jahre lernt Wolfgang seine spätere Frau, Notburga, kennen.”

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Als Steward im Clipper Club

1993. Der Nebel auf der schmalen, kurvigen Passstraße in den Anden wird immer dicker. Johannes bleibt stehen, er sieht die Straße nicht mehr und ohne jede Sicherung droht direkt neben dem Straßenrand der Absturz ins tausende Meter tiefere Tal. Ich steige aus und laufe vor dem Jeep, damit Johannes wenigstens langsam weiter fahren kann.

Fortsetzung folgt.

Kapitel 2: Familienportrait Teil 24 – “Siebenbürgen, Curare und erneute Vertreibung” / Die Ballade von Wolfgang und Notburga / Kapitel 2 / 1931-61

Kapitel 3: http://wp.me/p3UMZB-1s7

Alle Folgen der Serie findet ihr hier:

http://wp.me/P3UMZB-1

Neue Bestell-Adresse für Bücher-, T-Shirts und Kunst

Bei GMX scheint es zu haken, daher gibt es eine neue Bestell-Adresse für Bücher, T-Shirts, Fanzines und Kunscht-Mappen! marcusklugeberlin@yahoo.de

Man kann auf alles verzichten, außer auf Literatur, Katzen und schöne T-Shirts. Literatur und T-Shirts kann man unter dieser E-Mail-Adresse  bestellen: marcusklugeberlin@yahoo.de  

An den Katzen arbeiten wir noch …

(Abb. oben: Fanheft)

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Buch und Fanzine

Als erstes Buch in der Edition Assassin erschien im Juli 2015 “Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll in West-Berlin”.

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(Abb.: Titelseite Buch)

Ich erzähle das kurze und heftige Leben des West-Berliners Beaky, der zehn ist als die Mauer gebaut wird und achtzehn, als er seinen ersten Trip nimmt. Er hat einen Plan, wird er funktionieren? Auf jeden Fall hat er zwei Helfer, die schöne Ungarin Susanna und den Dealer mit der Arzttasche, den alle nur den „Doktor“ nennen. Auch Professor Philippus, der Star-Therapeut der 68er Generation wird zu seinem Unterstützer. Das Leben hat ihn aus der Bahn geworfen, doch nun steht er wieder auf und kämpft um eine bessere Zukunft. Er versucht von den Drogen loszukommen, er arbeitet beim Galeristen Puvogel, um etwas aus sich zu machen und er verliebt sich. Doch die Liebe hält nicht lange, als seine Geliebte ihn beim Heroin schnupfen erwischt, beendet sie die Beziehung. Als er auch noch Opfer der perversen Lüste seines Chefs wird, schmiedet er einen Plan, um sich an Puvogel zu rächen, seine Geliebte zurückzugewinnen und sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Doch dann passiert ein Unglücksfall, der wie ein Verbrechen aussieht und Beaky gerät ins Visier der Kriminalpolizei…
Jedes der Kapitel hat Rainer Jacob mit einer exklusiven Bleistiftzeichnung illustriert. Auf 148 Seiten erzählt der erste Roman meiner West-Berlin Trilogie, von der Subkultur, die sich damals in Nebenstraßen des Kudamms entwickelt hatte, bevor diese in Vergessenheit gerät. Ein Exemplar kostet inklusive Verpackung und Porto in Deutschland 13€. Ich signiere jedes Buch, auf Wunsch auch persönlich.
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(Abb. Cover Heft)
 
Mit dem “Xanadu ’73-Fanzine” knüpfen wir an unsere Fanzines aus den 1982 bis 1985. Das neue, von Rainer Jacob gestaltete Heft, vereinigt Texte, Fotos und Materialien, die das Umfeld des Xanadu-Romans beleuchten und von Kindheit und Jugend in der Mauerstadt der 60er Jahre erzählen. Außerdem enthält es Geschichten wie “A Saucerful of Löschpapier”, “Halber Mensch” und “Bela Rattay’s Dead”. Es ist im DIN A4 Format erschienen, hat 28 Seiten und ist vom Autor signiert. Den Spaß kann man für 5€, inkl. Porto bestellen.
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 Das Strahlenmotiv wird in Frühjahr 2016 nachgedruckt.
Bei der Crowdfunding-Kampagne für das Buch hatten wir, von Rainer Jacob gestaltete, West-Berlin T-Shirts angeboten. Besonders zwei Motive wurden zum Bestseller. Wir hatten 120 Stück drucken lassen und die meisten sind jetzt verkauft. Lediglich von Motiv “Rotes Herz mit Bärchen” gibt es Restexemplare in den Größen M und L. Das Motiv Weiße Strahlen werden wir 2016 in einer begrenzten Auflage nachdrucken lassen. Ein T-Shirt kostet 20 €, inkl. Verpackung und Porto, und kann unter marcusklugeberlin@yahoo.de bestellt werden.

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Das Bärchen-Motiv ist noch in M und L erhältlich.

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Abb. Kunschtmappe

Dieses auf 10 Stück limitierte Portfolio mit allen Illustrationen ist noch 2x zu Bestellen. Die Drucke kommen im DIN A4 Format, auf bestem 180 Gramm-Papier. Auf dem Beiblatt bestätigt der Künschtler die Echtheit der Drucke. Inklusive Verpackung und Porto innerhalb Deutschlands kosten die Restexemplare 49€ pro Mappe.

Vorschau auf kommende Projekte:

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Lux Phosphor, Grafic Novel wird 2018 erscheinen.

 

Familienportrait- “Bilder vom Knipskastenonkel” / Fotos aus den “Goldenen Zwanzigern”

Obwohl es gerade in Deutschland nach dem verlorenen Weltkrieg viele Probleme wie Arbeitslosigkeit und Inflation gab, hat sich der Begriff “Goldene Zwanziger” als Pendant zum englischen “Roaring Twenties” eingebürgert. Tatsächlich gab es in der ersten deutschen Republik ein völlig neues Lebensgefühl. Die Frauen schauen selbstbewusst in die Kamera. Der Krieg, durch den sie sich auch Männerberufen bewährt haben, und die Republik haben ihr Rollenverständnis verändert.

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“In Berlin manifestierte sich das Lebensgefühl der Jungen an der Gedächtniskirche und Kurfürstendamm im Westen der Stadt. Dort entstanden am Ende der Stummfilmzeit die neuen Großkinos Marmorhaus, Capitol und Ufa-Palast – noch mit siebzigköpfigem Symphonieorchester in braunen Samtjacken – und machten den ‘Floh-Kinos’ Konkurrenz. Das gesetzte Alter spazierte Unter den Linden, wo Klappstühle für fünf Pfennig aus der Allee eine Kurpromenade machten, so zum Beispiel Gerhart Hauptmann, der häufig im Hotel Adlon wohnte, oder Gustav Stresemann, der versonnen bei Spaziergängen mit seinem Stock im Sand grub. Der Straßenzug zwischen Nollendorfplatz und Olivaer Platz hingegen war Berliner Laufsteg für einen neuen Schick: Mit Erika und Klaus Mann ein Tanz auf dem Vulkan. Max Reinhardt baute seine beiden eleganten Theater am Kurfürstendamm, eingerahmt von Tribüne und Renaissance-Theater.” WiKi

IMG_20130916_0004Meine Großeltern

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In den 1920er Jahren war die Amateur-Fotografie noch eine Sache für die gehobenen Kreise. Einfache Leute ließen sich von ambulanten Fotografen ablichten, die in Parks und auf großen Plätzen ihre Kundschaft fanden. In Berlin nannte man sie auch “Knipskastenonkels”. Ursprünglich war ein “Knipskasten” die zigarrenkistengroße Apparatur in den Straßenbahnen, mit denen man seinen Fahrschein entwertete. Beim Ausstanzen der Pappstreifen gab es ein Geräusch, das ähnlich war wie das beim Auslösen eines Fotoapparats. Fürs fotografieren bürgerte sich also schnell das lautmalerische Wort “knipsen” ein. Folglich wurde aus der Kamera auch ein “Knipskasten”.

IMG_20140211_0003Atelier-Foto

Wenn man etwas mehr ausgeben wollte, ging man in ein Foto-Atelier. Dort ließ man gleich mehrere Kinder oder die ganze Familie ablichten, um Geld zu sparen. Erst als meine Großtante Lotte den Polizei-Offizier Paul Springer heiratete, kam ein Foto-Amateur in die Familie. Onkel Paul war sehr engagiert und seitdem konnte man auf professionelle Fotografen verzichten. Doch merkt man den Bildern an, dass sie noch nicht perfekt sind. Lange Belichtungszeiten führen zu Unschärfen und die Abzüge sind ziemlich körnig. Erst in den 1930er Jahren hatte Onkel eine Ausrüstung, die praktisch professionelle Ergebnisse ermöglichte. Ich hätte gern gesehen, was er in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg fotografiert hätte, aber Paul Springer nahm sich am 1. Mai 1946 das Leben, indem er sich unter die Heidekrautbahn legte.

Seine Geschichte kann man hier nachlesen:
http://wp.me/p3UMZB-3W

IMG_20130908_0001Schäfer-Szene

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Atelier-Foto 1921

IMG_20130908_0002Großmutter (1.v.r.) und Schwestern

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IMG_20131220_0004Weihnachten

IMG_20130916_0003Sonntagskaffee

Weihnachts- und Kaffee-Foto hat wohl schon Paul Springer gemacht. Waldidyll und Lustgarten stammen auf jeden Fall von ihm.

IMG_20131005_0003Waldidyll (1936)

IMG_20130930_0001700-Jahrfeier Berlin, Lustgarten


Neben Fotos aus meinen Familienalben habe ich Bilder der Familie meines Freundes Rainer Jacob verwendet.

Familienportrait – “Bunte 60er Jahre” – 5 West-Berlin-Fotos

Pan-Am-Büro im Europa-Center

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Rankestraße Agrippina-Haus

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Litfaßsäule Am Volkspark

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Breitscheidplatz

Berlin Typography

Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

Das Leben und was uns sonst noch so passiert

500 Wörter die Woche

500 Wörter, (fast) jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

Gabryon's Blog

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Bilder sehen und verstehen.

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In der Kunst spielt ja die Zeit, umgekehrt wie in der Industrie, gar keine Rolle, es gibt da keine verlorene Zeit, wenn nur am Ende das Möglichste an Intensität und Vervollkommnung erreicht wird. H. Hesse

blackbirds.TV - Berlin fletscht seine Szene

Zur Musikszene im weltweiten Berliner Speckgürtel

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