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Familienportrait – “A Day in the Life 1978” / West-Berlin in Schwarz-Weiß

 

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Zahnschmerzen führen nicht zu kreativen Einfällen, doch es scheint Ausnahmen zu geben. Gestern morgen merkte ich schnell, dass die Konzentration nicht zum Schreiben reichte. Also begann ich, meinem “Das Beste in Schwarz-Weiß-Woche” Motto folgend, mit den Kontaktbögen aus den späten 70er und frühen 80er Jahren zu spielen, die Rainer kürzlich mitbrachte. Als man noch mit Negativfilm arbeitete, legte man die Filmstreifen auf ein DIN A4 Fotopapier und belichtete sie dann. Somit hatte man ca. 30 Positivbilder im Format 24×36 Millimeter und konnte auswählen, was sich zu vergrößern lohnte. Ein Bogen gefiel mir besonders gut, Rainer hatte offensichtlich einen Sommertag mit der Kamera dokumentiert. Rainer streifte durch die Stadt, ging mit Freunden essen und abends schaut man sich Fassbinders “Despair” im Delphi an. Gute Unterhaltung bei der Rekonstrution eines West-Berliner Tages, 38 Jahre danach.

Update: Rainer Jacob kommentiert: “Das war so eine Zeit wo ich Negativ-Film vom Meter auf Filmrollen zog und ein Foto-Tagebuch führte. Ich habe dann auch die 18×24 Abzüge mit Negativrahmen und eineinhalb Bildern in die Mittelformat-Bühne des Vergößerungsapparats gelegt. Daraus ist dann mein Stil entstanden, fast filmisch, Lebensssituationen miteinander zu verbinden.”

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Photographer: Rainer Jacob

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Arranged an edited by Marcus Kluge

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„A Day in the Life“ – Serie aktualisiert / 5 Episoden

Heute habe ich die Serie “A Day in the Life” aktualisiert. Sie enthält jetzt die Rekonstruktionen von fünf Tagen in den Jahren 1972, 1977, 1978, 1979 und 1984. Jede erinnert mit Original-Fotos und kleinen Geschichten an einen konkreten Tag im Leben meiner Freunde und mir.

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So fing es an – Oktober 2015:

Zahnschmerzen führen nicht zu kreativen Einfällen, doch es scheint Ausnahmen zu geben. Gestern morgen merkte ich schnell, dass die Konzentration nicht zum Schreiben reichte. Also begann ich, meinem “Das Beste in Schwarz-Weiß-Wochen”-Motto folgend, mit den Kontaktbögen aus den späten 70er und frühen 80er Jahren zu spielen, die Rainer Jacob kürzlich mitbrachte. Als man noch mit Negativfilm arbeitete, legte man die Filmstreifen auf ein DIN A4 Fotopapier und belichtete sie dann. Somit hatte man ca. 30 Positivbilder im Format 24×36 Millimeter und konnte auswählen, was sich zu vergrößern lohnte. 

Die kleinen Bildchen sind nicht sehr scharf und detailreich, aber gerade das Weiche hat einen Reiz. Die Bilder sind sozusagen “noninvasiv” und lassen noch Raum für die Imagination des Betrachters.

Ein Bogen gefiel mir besonders gut, Rainer hatte offensichtlich einen Sommertag mit der Kamera dokumentiert. Rainer streifte durch die Stadt, ging mit Freunden essen und abends schaut man sich Fassbinders “Despair” im Delphi an. Gute Unterhaltung bei der Rekonstrution eines West-Berliner Tages, 38 Jahre danach.

Teil 1 rekonstruiert einen Sommertag im Jahr 1978.

http://wp.me/p3UMZB-1f4

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Teil 2 beschreibt zwei Frühlingstage im Orwell-Jahr 1984. Ein Rockstar besucht mich in meiner bescheidenen Außenklo-Wohnung in der Rheinstraße. Am zweiten Tag unternehme ich mit Herbert einen Selbstversuch im Dauerfernsehen.

http://wp.me/p3UMZB-1gY

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Teil 3 entführt uns in ein Loft im Kreuzberg des Jahres 1977, wo Claudia Skoda ihre erste Modenschau veranstaltet. Rainer kommt zum fotografieren, während ich in Liebesdingen unterwegs bin.

http://wp.me/p3UMZB-1nm

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Der Schneewinter 1978-79 ist legendär. Im März ’79 wird es endlich wärmer. Rainer und ich gehen mit der Kamera den Lenz suchen.Teil 4:

http://wp.me/p3UMZB-1nW

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Am 15. Mai 1972 spielen MC5, die legendäre Polit-Rock-Band aus Detroit, in der Technischen Uni. Noch einmal kommt im verschlafenen West-Berlin ein Gefühl von Revolte auf. Danach fahren 500 Konzertbesucher in die Bülowstraße und besetzen ein Haus. Der 5. Teil der Serie:

http://wp.me/p3UMZB-1t2

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Familienportrait‭ ‬-‭ „Ein Leben für die Straßenbahn‭” ‬/‭ ‬Berlin‭ ‬1920-1963

Mein Großvater Werner Hellmich war‭ ‬21,‭ ‬als er in den‭ Ersten ‬Weltkrieg ziehen musste.‭ ‬Bald wurde ihm klar,‭ ‬dass die Realität des Krieges nichts Ehrenvolles oder Erhabenes hatte.‭ ‬Es war ein schmutziges,‭ ‬sinnloses Töten oder Getötetwerden.‭ ‬Von diesen traumatischen vier Jahren hat er sich nie wieder wirklich erholt.‭ ‬Er kam mit einem Magenleiden zurück,‭ ‬nachdem man ihm ein Drittel des Organs in einer Notoperation im Feldlazarett entfernt hatte.‭ ‬Er war ein stiller,‭ ‬zurückhaltender Mann,‭ ‬der es am liebsten hatte,‭ ‬in Ruhe gelassen zu werden.‭ ‬Leider hatte er sich dafür die falsche Frau ausgesucht.

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Opa (Mitte) mit Kollegen.

Meine Großmutter Elisabeth Schnelle kam‭ ‬1910‭ ‬als‭ ‬15-jährige nach Berlin,‭ ‬um in Steglitz als Hausmädchen in‭ “‬Stellung‭” ‬zu gehen.‭ ‬Im heimischen Liebenwerda gab es nicht genug Arbeit und nur ihre erstgeborene Schwester Martha durfte in der Kleinstadt bleiben.‭ Elisabeth und später ihre kleine Schwester Charlotte musste sich im fernen Berlin ein Auskommen suchen. ‬Hausangestellte wurden nicht gut behandelt,‭ ‬oft waren sie dem Missbrauch durch die‭ “‬Herrschaften‭” ‬ausgesetzt.‭ ‬Jeden zweiten Sonntag hatte sie frei,‭ ‬dann lief sie die Kaiserallee‭ (‬heute Bundesallee‭) ‬hoch in Richtung Zoo und aß bei Aschinger Erbsensuppe.‭ ‬Oft kullerten dabei Tränen in ihren Teller,‭ ‬sie vermisste ihre Familie,‭ ‬hatte Heimweh und litt unter den Arbeitsbedingungen.

Bei allem Leid und den Sorgen,‭ ‬die der Krieg ab 1914 mit sich brachte,‭ ‬hatte er für Elisabeth eine positive Folge.‭ ‬Denn nun wurden Frauen gesucht,‭ ‬die die fehlenden Männer in den Fabriken ersetzten.‭ ‬Sie fing an bei Osram Glühlampen herzustellen.‭ ‬Sie konnte es sich sogar leisten,‭ ‬ab und zu, mit der Bahn in die Heimat zu fahren.‭ ‬Aber sich allein in der fremden,‭ ‬nicht sehr freundlichen Stadt Berlin‭ ‬durchzuschlagen,‭ ‬hatte sie hart gemacht.‭ ‬Ihr Ehemann wird es zu spüren bekommen.

Elisabeth läuft‭ ‬1918‭ ‬während der Novemberrevolution mit der roten Fahne durch Berlin,‭ ‬doch als sie am Abend müde wird,‭ ‬reicht sie das Symbol weiter und geht nach Hause.‭ ‬Sie war dabei und wird später stolz davon erzählen.‭ ‬1920‭ ‬lernt sie Werner kennen.‭ ‬Sie spürt sofort,‭ ‬da ist einer,‭ ‬der sich ihrer Führung nicht verweigert.‭ ‬Schon lange träumt sie den Traum,‭ ‬den viele ledige junge Frauen träumten.‭ ‬Statt in die Fabrik zu gehen,‭ ‬möchte sie Ehefrau,‭ ‬Hausfrau und vielleicht auch Mutter werden,‭ ‬wenn denn das Geld reicht,‭ ‬das der Mann heimbringt.‭ ‬Der stille Werner würde ihr als Gatte gut gefallen,‭ ‬doch einen Fehler hat die Sache, er ist arbeitslos.‭ ‬Elisabeth hört sich um und wird fündig.‭ ‬Morgens um halb fünf weckt sie unsanft ihren Werner und scheucht ihn zu den Verkehrsbetrieben (Die BVG wir erst 1929 gegründet).‭ ‬Ohne Job bräuchte er gar nicht wiederkommen,‭ ‬ruft sie ihm nach.‭ ‬Um viertel sechs meldet sich Werner auf dem Straßenbahnbetriebshof Wiebestraße,‭ ‬er ist der erste Mann,‭ ‬der an diesem Morgen nach Arbeit fragt.‭ ‬So wird er Straßenbahnschaffner und wird es über‭ ‬40‭ ‬Jahre bleiben.‭ ‬Egal bei welchem Wetter und zu welcher Schicht,‭ ‬seine Frau sorgt dafür,‭ ‬dass er aufsteht und zum Dienst geht.‭ ‬Selbst eine leichte Grippe ist keine Entschuldigung,‭ ‬nur wenn er wirklich schwer krank ist,‭ ‬darf er im Bett bleiben,‭ ‬während Elisabeth ihn mit rabiaten Methoden zu heilen versucht.‭ ‬Was sie nicht schafft,‭ ‬erledigt der‭ “‬Vertrauensarzt‭”‬.‭ ‬Heute‭ ‬sind es die medizinischen Dienste der Krankenkassen,‭ ‬damals waren es niedergelassene Ärzte,‭ ‬die als Gutachter vermeintliche Faulenzer und Drückeberger gesundschrieben.‭ ‬Diese Vertrauensärzte sorgten dafür,‭ ‬dass ihre Patienten den Besuch in unguter Erinnerung behielten.‭ ‬Gern nahm man ehemalige Militärärzte,‭ ‬weil die als scharf und gnadenlos bekannt waren.‭ ‬Werner überlegte es sich mehrmals,‭ ‬bevor er sich bei seiner Frau krankmeldete.‭ ‬Es wird ein lebenslanges Trauma für den stillen Mann mit der angeschlagenen Gesundheit.
Trotzdem muss er seine Frau geliebt haben,‭ ‬sie hatte durchaus ihre angenehmen Seiten.‭ ‬Sie schlug sich mit Humor und viel Mutterwitz durchs Leben.‭ ‬Sie war treu und mit einem unbestechlichen Gerechtigkeitssinn ausgestattet,‭ ‬für ihre Familie tat sie fast alles.‭

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Elisabeth (re.) mit Schwestern, ca. 1922.

Es muss ein Sonntag im Sommer‭ ‬1920‭ ‬gewesen sein,‭ ‬als Werner und Elisabeth sich kennenlernten.‭ ‬Elisabeth leistete sich eine Erbsensuppe bei Aschinger,‭ ‬es ist noch immer ihr Sonntagsritual.‭ ‬In der Mitte des großen Stehtisches lagen die Brötchen in einem Korb,‭ ‬von denen man soviel essen konnte,‭ ‬wie man wollte.‭ ‬Es passierte selten,‭ ‬aber eben jetzt war es so:‭ ‬nur noch eine Schrippe lag im Körbchen‭! ‬Im selben Moment wie Elisabeth griff der freundliche Mann mit der Nickelbrille zu,‭ ‬beider Hände berührten sich über dem Körbchen.‭ ‬Beide zogen ihre Hände blitzartig zurück,‭ ‬aber der nette junge Mann fängt sich schnell wieder,‭ verschmitzt ‬lächelnd greift er den Korb und bietet das Brötchen der Dame an:‭ “‬Ladies first,‭ ‬sagen die Engländer,‭ ‬also bitte schön‭!”
Elisabeth wurde rot bei so viel Charme.‭ Dann‬ unterhielten sie sich über Kinofilme.‭ ‬Werner ist Fan der polnischen Schauspielerin Pola Negri,‭ ‬die Anfang der‭ ‬20er Jahre zum internationalen Star aufsteigt.‭ ‬Elisabeths dunkle,‭ ‬träumerische Augen erinnerten ihn an die Diva und er sagte es ihr.‭ ‬Ein tolles Kompliment‭! ‬Das Kino wird ihr gemeinsames Hobby,‭ ‬zumal Werner wie sie,‭ ‬am liebsten romantische Filme sieht.

Es dauerte nicht lange,‭ ‬bis die zwei ein Paar wurden und nachdem Werner bei der BVG anfing,‭ ‬heirateten sie und dachten an Nachwuchs.‭ ‬Die Wohnung in der Perleberger Straße ist war zwar winzig,‭ ‬aber wenigstens ein einziges Kind wollten beide.‭ ‬Am zweiten Weihnachtsfeiertag‭ ‬1922‭ ‬wurde meine Mutter Käthe geboren.‭ ‬Elisabeth wollte sich das Weihnachtsfest nicht mit einer Geburt verderben,‭ ‬aber am‭ ‬26.‭ ‬half nichts mehr,‭ ‬sie mussten ins Krankenhaus und meine Mutter wurde geboren.
Käthe wird schnell groß.‭ ‬Oft leidet sie,‭ ‬wie auch ihr Vater,‭ ‬unter der Strenge der Mutter.‭ ‬Besonders Krankheit duldet die Mutter nicht.‭ ‬Bauchschmerzen werden mit brühendheißen Wärmflaschen kuriert,‭ ‬Ohrenschmerzen mit in siedendes Öl getauchten Wattepfropfen.‭ ‬Trotzdem liebt Käte ihre Mutter,‭ ‬sie fühlt sich sicher und geborgen bei der starken Frau.‭

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Kaffeetafel, Großeltern (Mitte) und meine Mutter, ca.1930.

Die Naziherrschaft und den‭ ‬2.‭ ‬Weltkrieg übersteht die Familie äußerlich unbeschadet.‭ ‬Elisabeth bringt sich mehr als einmal in tödliche Gefahr,‭ ‬weil sie,‭ ‬auch in der Öffentlichkeit,‭ ‬über die ihr verhassten Nazis räsonniert.‭ ‬Als zum Kriegsende die Moabiter Wohnung einen Bombenschaden erleidet,‭ ‬ziehen Mutter und Tochter mit einem Handwagen nach Wilmersdorf.‭ ‬Moabit sollte russisch und Wilmersdorf amerikanisch werden.‭ ‬Sie besetzen eine leerstehende Wohnung in der Bundesallee und behaupten frech ihr Mietvertrag wäre verbrannt,‭ ‬sie kommen durch damit‭! ‬Als Werner krank und abgemagert aus dem Krieg zurückkommt,‭ ‬hört er bei Moabiter Nachbarn,‭ ‬vom Umzug nach Wilmersdorf und die kleine Familie ist wieder vereint.‭

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Werner darf wieder Schaffnerdienst in der Straßenbahn tun und ist vielleicht nicht glücklich, aber zufrieden.‭ ‬Ihm wird eine Kur für seine angeschlagene Gesundheit verschrieben,‭ ‬ein Foto zeigt ihn ein wenig skeptisch in die Kamera blickend.‭ ‬Meist wirkt er verschlossen auf Fotos.‭ ‬So auch‭ ‬1960,‭ ‬als er mit mir und meinem Bruder Thomas in den Zoo geht und Thomas ihn knipst.‭ ‬Lange steht Werner vor dem Eisbären‭ ‬der, hinter dicken Gitterstäben in einem viel zu kleinen Käfig haust.‭ ‬Nach dem‭ ‬2.‭ ‬Weltkrieg waren die meisten Häuser und Freianlagen zerstört,‭ ‬weniger als‭ ‬100‭ ‬Tiere hatten überlebt.

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-Seit‭ ‬1954‭ ‬plant die West-Berliner Politik,‭ ‬die Straßenbahnen abzuschaffen.‭ ‬13‭ ‬Jahre später wird,‭ ‬als letzte Linie,‭ ‬die‭ ‬55‭ ‬eingestellt,‭ ‬die vom Zoo über Charlottenburg nach Spandau fuhr.‭ ‬Es ist eine Entwicklung,‭ ‬die Werner traurig macht.‭ ‬Gerade Berlin,‭ ‬wo‭ ‬1881‭ ‬die allererste elektrische Straßenbahn der Welt fuhr,‭ ‬kann er sich ohne Tram nicht vorstellen.
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Oma nach Unfall.

Anfang der‭ ‬1960er Jahre muss er auf Rente gehen,‭ ‬viel lieber würde er weiter arbeiten.‭ ‬Über‭ ‬40‭ ‬Jahre war er BVG-ler,‭ ‬auch als Rentner fährt er mit seiner‭ “‬Ehrennetzkarte‭” ‬fast täglich quer durch die Stadt.‭ ‬Natürlich tut er das auch,‭ ‬um seiner strengen Ehefrau zu entgehen,‭ ‬die es gar nicht schätzt,‭ ‬dass der Mann jetzt viel zu Hause ist und ihre Kreise stört.‭ ‬Sie ziehen in eine Neubauwohnung,‭ ‬nur eine Ecke weiter in der Prinzregentenstraße.‭ ‬Elisabeth wird von einem Auto angefahren.‭ ‬Ihr Wahlspruch:‭ “‬Der sieht mich doch‭!”‬,‭ ‬hat versagt.‭ ‬Im Krankenhaus wirkt sie munter und gelöst,‭ ‬ein Foto zeigt sie mit leuchtenden Augen.‭ ‬Vielleicht ist es die Wirkung vom Sekt,‭ ‬sie hat ein Glas in der Hand.‭ ‬Gern trinkt sie auch Eierlikör,‭ ‬den sie mit Weinbrand Marke‭ “‬Attaché‭” “‬verdünnt‭”‬,‭ ‬wie sie sich ausdrückt.

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Lange kann sich Werner nicht seines Ruhestandes erfreuen,‭ ‬schon‭ ‬1963‭ ‬stirbt er,‭ ‬sein Herz hatte keine Kraft mehr.‭ ‬Sein Sterben ist meine erste Begegnung mit dem Tod.‭ ‬Während die Erwachsenen in der‭ “‬guten Stube‭” ‬die Beerdigung begießen,‭ ‬hat man mich mit Micky Maus Heften ins großelterliche Schlafzimmer geschickt.‭ ‬Mir wird bewusst,‭ ‬dass ich auf dem Bett liege,‭ ‬in dem mein Opa kurz zuvor gestorben ist.‭ ‬Es ist zum gruseln und trotzdem schwer vorzustellen,‭ ‬ihn nie wieder treffen zu können.‭ ‬Ich mochte ihn gern und vermisse ihn.‭

Werners Frau,‭ ‬meine Oma Elisabeth,‭ ‬wird alt,‭ ‬sehr alt.‭ ‬Erst mit‭ ‬88‭ ‬stirbt sie in einem Altenheim im Zustand der Demenz,‭ ‬der ihre letzten Lebensjahre überschattete.

Wenn Werner heute aus dem Straßenbahnerhimmel auf seine Heimatstadt niederblicken könnte, wäre er erfreut. Durch die Vereinigung beider Stadthälften ist ganz Berlin wieder eine Straßenbahnstadt. Auch der Westen:
„Die erste Strecke wurde 1995 über die Bornholmer Straße in zwei Etappen Richtung Westen eröffnet. Das Rudolf-Virchow-Klinikum sowie die U-Bahnhöfe Seestraße in Wedding und Osloer Straße, in Gesundbrunnen gelegen, sind seitdem wieder an das Straßenbahnnetz angeschlossen.“ Quelle WiKi*.
2010 hat Berlin das weltweit drittgrößte Straßenbahnnetz. Das Netz hat eine Streckenlänge von 189,4 Kilometern und 808 Haltestellen. Werner wäre stolz darauf. Nur wieso es keine Schaffner mehr gibt, würde er fragen. Wer soll denn den Passagieren Fahrscheine verkaufen und Fragen beantworten?

M.K.

*Die Berliner Straßenbahn:
https://de.wikipedia.org/wiki/Stra%C3%9Fenbahn_Berlin

Familienportraits‭ ‬-‭ ‬Die Serie:
http://wp.me/P3UMZB-1

Familienportrait – “A Day in the Life 1978” / West-Berlin in Schwarz-Weiß

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Zahnschmerzen führen nicht zu kreativen Einfällen, doch es scheint Ausnahmen zu geben. Gestern morgen merkte ich schnell, dass die Konzentration nicht zum Schreiben reichte. Also begann ich, meinem “Das Beste in Schwarz-Weiß-Woche” Motto folgend, mit den Kontaktbögen aus den späten 70er und frühen 80er Jahren zu spielen, die Rainer kürzlich mitbrachte. Als man noch mit Negativfilm arbeitete, legte man die Filmstreifen auf ein DIN A4 Fotopapier und belichtete sie dann. Somit hatte man ca. 30 Positivbilder im Format 24×36 Millimeter und konnte auswählen, was sich zu vergrößern lohnte. Ein Bogen gefiel mir besonders gut, Rainer hatte offensichtlich einen Sommertag mit der Kamera dokumentiert. Rainer streifte durch die Stadt, ging mit Freunden essen und abends schaut man sich Fassbinders “Despair” im Delphi an. Gute Unterhaltung bei der Rekonstrution eines West-Berliner Tages, 38 Jahre danach.

Update: Rainer Jacob kommentiert: “Das war so eine Zeit wo ich Negativ-Film vom Meter auf Filmrollen zog und ein Foto-Tagebuch führte. Ich habe dann auch die 18×24 Abzüge mit Negativrahmen und eineinhalb Bildern in die Mittelformat-Bühne des Vergößerungsapparats gelegt. Daraus ist dann mein Stil entstanden, fast filmisch, Lebensssituationen miteinander zu verbinden, hast Du gut interpretiert, Marcus.”

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Photographer: Rainer Jacob

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Arranged an edited by Marcus Kluge

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Familienportrait‭ ‬-‭ „Endstation‬ Straßenbahn‭” ‬/‭ ‬Berlin‭ ‬1920-1963

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Mein Großvater Werner Hellmich war‭ ‬21,‭ ‬als er in den‭ Ersten ‬Weltkrieg ziehen musste.‭ ‬Bald wurde ihm klar,‭ ‬dass die Realität des Krieges nichts Ehrenvolles oder Erhabenes hatte.‭ ‬Es war ein schmutziges,‭ ‬sinnloses Töten oder Getötetwerden.‭ ‬Von diesen traumatischen vier Jahren hat er sich nie wieder wirklich erholt.‭ ‬Er kam mit einem Magenleiden zurück,‭ ‬nachdem man ihm ein Drittel des Organs in einer Notoperation im Feldlazarett entfernt hatte.‭ ‬Er war ein stiller,‭ ‬zurückhaltender Mann,‭ ‬der es am liebsten hatte,‭ ‬in Ruhe gelassen zu werden.‭ ‬Leider hatte er sich dafür die falsche Frau ausgesucht.

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Meine Großmutter Elisabeth Schnelle kam‭ ‬1910‭ ‬als‭ ‬15-jährige nach Berlin,‭ ‬um in Steglitz als Hausmädchen in‭ “‬Stellung‭” ‬zu gehen.‭ ‬Im heimischen Liebenwerda gab es nicht genug Arbeit und nur ihre erstgeborene Schwester Martha durfte in der Kleinstadt bleiben.‭ Elisabeth und später ihre kleine Schwester Charlotte musste sich im fernen Berlin ein Auskommen suchen. ‬Hausangestellte wurden nicht gut behandelt,‭ ‬oft waren sie dem Missbrauch durch die‭ “‬Herrschaften‭” ‬ausgesetzt.‭ ‬Jeden zweiten Sonntag hatte sie frei,‭ ‬dann lief sie die Kaiserallee‭ (‬heute Bundesallee‭) ‬hoch in Richtung Zoo und aß bei Aschinger Erbsensuppe.‭ ‬Oft kullerten dabei Tränen in ihren Teller,‭ ‬sie vermisste ihre Familie,‭ ‬hatte Heimweh und litt unter den Arbeitsbedingungen.

Bei allem Leid und den Sorgen,‭ ‬die der Krieg ab 1914 mit sich brachte,‭ ‬hatte er für Elisabeth eine positive Folge.‭ ‬Denn nun wurden Frauen gesucht,‭ ‬die die fehlenden Männer in den Fabriken ersetzten.‭ ‬Sie fing an bei Osram Glühlampen herzustellen.‭ ‬Sie konnte es sich sogar leisten,‭ ‬ab und zu, mit der Bahn in die Heimat zu fahren.‭ ‬Aber sich allein in der fremden,‭ ‬nicht sehr freundlichen Stadt Berlin‭ ‬durchzuschlagen,‭ ‬hatte sie hart gemacht.‭ ‬Ihr Ehemann wird es zu spüren bekommen.

Elisabeth läuft‭ ‬1918‭ ‬während der Novemberrevolution mit der roten Fahne durch Berlin,‭ ‬doch als sie am Abend müde wird,‭ ‬reicht sie das Symbol weiter und geht nach Hause.‭ ‬Sie war dabei und wird später stolz davon erzählen.‭ ‬1920‭ ‬lernt sie Werner kennen.‭ ‬Sie spürt sofort,‭ ‬da ist einer,‭ ‬der sich ihrer Führung nicht verweigert.‭ ‬Schon lange träumt sie den Traum,‭ ‬den viele ledige junge Frauen träumten.‭ ‬Statt in die Fabrik zu gehen,‭ ‬möchte sie Ehefrau,‭ ‬Hausfrau und vielleicht auch Mutter werden,‭ ‬wenn denn das Geld reicht,‭ ‬das der Mann heimbringt.‭ ‬Der stille Werner würde ihr als Gatte gut gefallen,‭ ‬doch einen Fehler hat die Sache, er ist arbeitslos.‭ ‬Elisabeth hört sich um und wird fündig.‭ ‬Morgens um halb fünf weckt sie unsanft ihren Werner und scheucht ihn zu den Verkehrsbetrieben (Die BVG wir erst 1929 gegründet).‭ ‬Ohne Job bräuchte er gar nicht wiederkommen,‭ ‬ruft sie ihm nach.‭ ‬Um viertel sechs meldet sich Werner auf dem Straßenbahnbetriebshof Wiebestraße,‭ ‬er ist der erste Mann,‭ ‬der an diesem Morgen nach Arbeit fragt.‭ ‬So wird er Straßenbahnschaffner und wird es über‭ ‬40‭ ‬Jahre bleiben.‭ ‬Egal bei welchem Wetter und zu welcher Schicht,‭ ‬seine Frau sorgt dafür,‭ ‬dass er aufsteht und zum Dienst geht.‭ ‬Selbst eine leichte Grippe ist keine Entschuldigung,‭ ‬nur wenn er wirklich schwer krank ist,‭ ‬darf er im Bett bleiben,‭ ‬während Elisabeth ihn mit rabiaten Methoden zu heilen versucht.‭ ‬Was sie nicht schafft,‭ ‬erledigt der‭ “‬Vertrauensarzt‭”‬.‭ ‬Heute‭ ‬sind es die medizinischen Dienste der Krankenkassen,‭ ‬damals waren es niedergelassene Ärzte,‭ ‬die als Gutachter vermeintliche Faulenzer und Drückeberger gesundschrieben.‭ ‬Diese Vertrauensärzte sorgten dafür,‭ ‬dass ihre Patienten den Besuch in unguter Erinnerung behielten.‭ ‬Gern nahm man ehemalige Militärärzte,‭ ‬weil die als scharf und gnadenlos bekannt waren.‭ ‬Werner überlegte es sich mehrmals,‭ ‬bevor er sich bei seiner Frau krankmeldete.‭ ‬Es wird ein lebenslanges Trauma für den stillen Mann mit der angeschlagenen Gesundheit.
Trotzdem muss er seine Frau geliebt haben,‭ ‬sie hatte durchaus ihre angenehmen Seiten.‭ ‬Sie schlug sich mit Humor und viel Mutterwitz durchs Leben.‭ ‬Sie war treu und mit einem unbestechlichen Gerechtigkeitssinn ausgestattet,‭ ‬für ihre Familie tat sie fast alles.‭

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Elisabeth (re.) mit Schwestern, ca. 1922.

Es muss ein Sonntag im Sommer‭ ‬1920‭ ‬gewesen sein,‭ ‬als Werner und Elisabeth sich kennenlernten.‭ ‬Elisabeth leistete sich eine Erbsensuppe bei Aschinger,‭ ‬es ist noch immer ihr Sonntagsritual.‭ ‬In der Mitte des großen Stehtisches lagen die Brötchen in einem Korb,‭ ‬von denen man soviel essen konnte,‭ ‬wie man wollte.‭ ‬Es passierte selten,‭ ‬aber eben jetzt war es so:‭ ‬nur noch eine Schrippe lag im Körbchen‭! ‬Im selben Moment wie Elisabeth griff der freundliche Mann mit der Nickelbrille zu,‭ ‬beider Hände berührten sich über dem Körbchen.‭ ‬Beide zogen ihre Hände blitzartig zurück,‭ ‬aber der nette junge Mann fängt sich schnell wieder,‭ verschmitzt ‬lächelnd greift er den Korb und bietet das Brötchen der Dame an:‭ “‬Ladies first,‭ ‬sagen die Engländer,‭ ‬also bitte schön‭!”
Elisabeth wurde rot bei so viel Charme.‭ Dann‬ unterhielten sie sich über Kinofilme.‭ ‬Werner ist Fan der polnischen Schauspielerin Pola Negri,‭ ‬die Anfang der‭ ‬20er Jahre zum internationalen Star aufsteigt.‭ ‬Elisabeths dunkle,‭ ‬träumerische Augen erinnerten ihn an die Diva und er sagte es ihr.‭ ‬Ein tolles Kompliment‭! ‬Das Kino wird ihr gemeinsames Hobby,‭ ‬zumal Werner wie sie,‭ ‬am liebsten romantische Filme sieht.

Es dauerte nicht lange,‭ ‬bis die zwei ein Paar wurden und nachdem Werner bei der BVG anfing,‭ ‬heirateten sie und dachten an Nachwuchs.‭ ‬Die Wohnung in der Perleberger Straße ist war zwar winzig,‭ ‬aber wenigstens ein einziges Kind wollten beide.‭ ‬Am zweiten Weihnachtsfeiertag‭ ‬1922‭ ‬wurde meine Mutter Käthe geboren.‭ ‬Elisabeth wollte sich das Weihnachtsfest nicht mit einer Geburt verderben,‭ ‬aber am‭ ‬26.‭ ‬half nichts mehr,‭ ‬sie mussten ins Krankenhaus und meine Mutter wurde geboren.
Käthe wird schnell groß.‭ ‬Oft leidet sie,‭ ‬wie auch ihr Vater,‭ ‬unter der Strenge der Mutter.‭ ‬Besonders Krankheit duldet die Mutter nicht.‭ ‬Bauchschmerzen werden mit brühendheißen Wärmflaschen kuriert,‭ ‬Ohrenschmerzen mit in siedendes Öl getauchten Wattepfropfen.‭ ‬Trotzdem liebt Käte ihre Mutter,‭ ‬sie fühlt sich sicher und geborgen bei der starken Frau.‭

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Die Naziherrschaft und den‭ ‬2.‭ ‬Weltkrieg übersteht die Familie äußerlich unbeschadet.‭ ‬Elisabeth bringt sich mehr als einmal in tödliche Gefahr,‭ ‬weil sie,‭ ‬auch in der Öffentlichkeit,‭ ‬über die ihr verhassten Nazis räsonniert.‭ ‬Als zum Kriegsende die Moabiter Wohnung einen Bombenschaden erleidet,‭ ‬ziehen Mutter und Tochter mit einem Handwagen nach Wilmersdorf.‭ ‬Moabit sollte russisch und Wilmersdorf amerikanisch werden.‭ ‬Sie besetzen eine leerstehende Wohnung in der Bundesallee und behaupten frech ihr Mietvertrag wäre verbrannt,‭ ‬sie kommen durch damit‭! ‬Als Werner krank und abgemagert aus dem Krieg zurückkommt,‭ ‬hört er bei Moabiter Nachbarn,‭ ‬vom Umzug nach Wilmersdorf und die kleine Familie ist wieder vereint.‭

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Werner darf wieder Schaffnerdienst in der Straßenbahn tun und ist vielleicht nicht glücklich, aber zufrieden.‭ ‬Ihm wird eine Kur für seine angeschlagene Gesundheit verschrieben,‭ ‬ein Foto zeigt ihn ein wenig skeptisch in die Kamera blickend.‭ ‬Meist wirkt er verschlossen auf Fotos.‭ ‬So auch‭ ‬1960,‭ ‬als er mit mir und meinem Bruder Thomas in den Zoo geht und Thomas ihn knipst.‭ ‬Lange steht Werner vor dem Eisbären‭ ‬der, hinter dicken Gitterstäben in einem viel zu kleinen Käfig haust.‭ ‬Nach dem‭ ‬2.‭ ‬Weltkrieg waren die meisten Häuser und Freianlagen zerstört,‭ ‬weniger als‭ ‬100‭ ‬Tiere hatten überlebt.

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-Seit‭ ‬1954‭ ‬plant die West-Berliner Politik,‭ ‬die Straßenbahnen abzuschaffen.‭ ‬13‭ ‬Jahre später wird,‭ ‬als letzte Linie,‭ ‬die‭ ‬55‭ ‬eingestellt,‭ ‬die vom Zoo über Charlottenburg nach Ruhleben fuhr.‭ ‬Es ist eine Entwicklung,‭ ‬die Werner traurig macht.‭ ‬Gerade Berlin,‭ ‬wo‭ ‬1881‭ ‬die allererste elektrische Straßenbahn der Welt fuhr,‭ ‬kann er sich ohne Tram nicht vorstellen.
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Anfang der‭ ‬1960er Jahre muss er auf Rente gehen,‭ ‬viel lieber würde er weiter arbeiten.‭ ‬Über‭ ‬40‭ ‬Jahre war er BVG-ler,‭ ‬auch als Rentner fährt er mit seiner‭ “‬Ehrennetzkarte‭” ‬fast täglich quer durch die Stadt.‭ ‬Natürlich tut er das auch,‭ ‬um seiner strengen Ehefrau zu entgehen,‭ ‬die es gar nicht schätzt,‭ ‬dass der Mann jetzt viel zu Hause ist und ihre Kreise stört.‭ ‬Sie ziehen in eine Neubauwohnung,‭ ‬nur eine Ecke weiter in der Prinzregentenstraße.‭ ‬Elisabeth wird von einem Auto angefahren.‭ ‬Ihr Wahlspruch:‭ “‬Der sieht mich doch‭!”‬,‭ ‬hat versagt.‭ ‬Im Krankenhaus wirkt sie munter und gelöst,‭ ‬ein Foto zeigt sie mit leuchtenden Augen.‭ ‬Vielleicht ist es die Wirkung vom Sekt,‭ ‬sie hat ein Glas in der Hand.‭ ‬Gern trinkt sie auch Eierlikör,‭ ‬den sie mit Weinbrand Marke‭ “‬Attaché‭” “‬verdünnt‭”‬,‭ ‬wie sie sich ausdrückt.

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Lange kann sich Werner nicht seines Ruhestandes erfreuen,‭ ‬schon‭ ‬1963‭ ‬stirbt er,‭ ‬sein Herz hatte keine Kraft mehr.‭ ‬Sein Sterben ist meine erste Begegnung mit dem Tod.‭ ‬Während die Erwachsenen in der‭ “‬guten Stube‭” ‬die Beerdigung begießen,‭ ‬hat man mich mit Micky Maus Heften ins großelterliche Schlafzimmer geschickt.‭ ‬Mir wird bewusst,‭ ‬dass ich auf dem Bett liege,‭ ‬in dem mein Opa kurz zuvor gestorben ist.‭ ‬Es ist zum gruseln und trotzdem schwer vorzustellen,‭ ‬ihn nie wieder treffen zu können.‭ ‬Ich mochte ihn gern und vermisse ihn.‭

Werners Frau,‭ ‬meine Oma Elisabeth,‭ ‬wird alt,‭ ‬sehr alt.‭ ‬Erst mit‭ ‬88‭ ‬stirbt sie in einem Altenheim im Zustand der Demenz,‭ ‬der ihre letzten Lebensjahre überschattete.

Wenn Werner heute aus dem Straßenbahnerhimmel auf seine Heimatstadt niederblicken könnte, wäre er erfreut. Durch die Vereinigung beider Stadthälften ist ganz Berlin wieder eine Straßenbahnstadt. Auch der Westen:
„Die erste Strecke wurde 1995 über die Bornholmer Straße in zwei Etappen Richtung Westen eröffnet. Das Rudolf-Virchow-Klinikum sowie die U-Bahnhöfe Seestraße in Wedding und Osloer Straße, in Gesundbrunnen gelegen, sind seitdem wieder an das Straßenbahnnetz angeschlossen.“ Quelle WiKi*.
2010 hat Berlin das weltweit drittgrößte Straßenbahnnetz. Das Netz hat eine Streckenlänge von 189,4 Kilometern und 808 Haltestellen. Werner wäre stolz darauf. Nur wieso es keine Schaffner mehr gibt, würde er fragen. Wer soll denn den Passagieren Fahrscheine verkaufen und Fragen beantworten?

M.K.

*Die Berliner Straßenbahn:
https://de.wikipedia.org/wiki/Stra%C3%9Fenbahn_Berlin

Familienportraits‭ ‬-‭ ‬Die Serie:
http://wp.me/P3UMZB-1

Familienportrait Teil 3 – “Straßenbahnen, Schokoschrippen und Fackeln” / Oma Elisabeth – 1919-33

Am 9. November 1918 rufen Scheidemann und Liebknecht die Republik aus. Meine Oma Elisabeth steht wie alle Deutschen vor einem kompletten Neuanfang. Die Vorkriegswelt, in der jeder wusste, wo sein Platz war und was er erreichen konnte im Leben, existierte plötzlich nicht mehr.

Zum einen ist die Freude groß, der Krieg ist zu Ende und ein korruptes System von Adel, Beamtentum, Militär, Landjunkern hat sich scheinbar weitgehend aufgelöst. Zum anderen ist Deutschland, dass den Krieg angezettelt hat,  zerstört und geächtet. Es wird auch wegen der Versailler Verträge lange brauchen, bis seine Bürger es wieder aufgebaut haben werden.

Elisabeth, meine Großmutter, ist trotzdem froh, sie hat Arbeit bei OSRAM, braucht nicht hungern und steht auf eigenen Beinen. Allerdings möchte sie eine Familie gründen. Im Krieg hatte man andere Sorgen, doch jetzt wäre der richtige Zeitpunkt. 1920 ist sie 25, sie ist selbstbewußt, der Krieg hat sie ein wenig hart gemacht. Also sucht sie einen Mann, der sie nicht dominieren will. Viele Männer sind infolge des Krieges verroht. Einen derben Kerl, wie es ihn jetzt häufig gibt, der säuft und schlägt will aber sie nicht, da bliebe sie lieber allein.

Sie hat Glück, sie begegnet Werner. Er ist groß, hat einen schicken Schnurrbart und ist eher zurückhaltend. Sie verlieben sich, aber Elisabeth hält ihn auf Abstand. Es gibt da noch einen Mangel, Werner ist wie so viele Zeitgenossen arbeitslos. Eine Kollegin bei OSRAM verrät ihr, die BVG sucht Männer.

Am nächsten Morgen weckt sie Werner um vier, lässt kein Pardon gelten und schickt ihn zum Betriebshof Moabit in der Wiebestraße. Heute kann man dort, in der Classic Remise, historische Autos bewundern. Ohne Arbeitsstelle brauche er gar nicht wiederzukommen, gibt sie ihm in ihrer resoluten Art auf den Weg.

Image Tatsächlich wird er auf Probe angestellt. Er bewährt sich beim Dienst auf der Straßenbahn, kann sich durchsetzen, kein blinder Passagier entgeht ihm und trotzdem bleibt er immer freundlich. So ist er bald Straßenbahnschaffner und wird es 40 Jahre lang bleiben.

Das Paar findet eine kleine Wohnung in der Stephanstraße, nicht weit vom Depot und am 26.12.1922 wird Käte, meine Mutter geboren. Oma hört auch zu arbeiten, von Werners Lohn können sie leben, natürlich ohne große Sprünge zu machen.

Image  Werner (Mi.) mit Kollegen

Auch Schwester Lotte hat Glück, sie lernt Paul Springer, einen Polizei-Unteroffizier kennen. Paul sieht blendend aus, kommt aus guter Familie und nimmt sie auch ohne Mitgift. Paul hat Lebensart, isst gern und gut, sie machen kleine Reisen. Kinder wollen sie nicht, sie schätzen ihre Unabhängigkeit. Paul fotografiert viel, die Familie, Sehenswürdigkeiten und seine Kollegen vom Revier.

Image   Lotte und Paul vor dem Berliner Dom

Image  Die kleine Käte vorm Weihnachtsbaum

Käte geht nach der Schule gern zu Tante Lotte in die vornehme Schumannstraße nahe dem Deutschen Theater. Sie bekommt Schrippen mir Schokolade, montags mit Schweinebraten-Resten vom Sonntag. Tante Lotte betuttelt ihre Nichte gern. Von ihrer Mutter wird die kleine Käte nicht so herzlich behandelt. Ihre Mutter schlägt sie nie, aber Umarmungen und Küsse sind sehr selten.

Manchmal darf Käte ihrem Vater warmes Essen im Henkelmann ins Straßenbahndepot bringen. Das Kind ist beeindruckt von der riesigen Halle mit den spiegelblanken Wagen. Werner ist schmuck in seiner Uniform und er liebt seinen Dienst.

Am 30. Januar 1933 ist Käte 10 Jahre alt. Die Familie sitzt am Abendbrottisch, durch das offene Fenster hört man kehlige Männerstimmen und im Takt marschierende Stiefel. Der schweflige Geruch der Fackeln mischt sich mit dem Testosteron-Dunst der vom Erfolg berauschten Männer. Die Familie hat kein Radio, aber sie wissen, die Nazis haben die Wahl gewonnen und es wird keine gute Zeit folgen.

Das Kind fragt, wer da draussen singt und grölt? Die Mutter geht zum Fenster, schlägt es zu und zieht die Vorhänge davor. Sie setzt sich wieder und antwortet ärgerlich: “Ess, ess, mein Kind!”

M.K.

In den nächsten Folgen geht es um Kletterwesten, Kätes ersten Job und die große Liebe mitten im großen Krieg. Demnächst in diesem Blog.

Familienportrait – Oma Elisabeth / Straßenbahnen, Schokoschrippen und Fackeln 1918-33

Image   Oma Elisabeth in den frühen 20er Jahren

Am 9. November 1918 rufen Scheidemann und Liebknecht die Republik aus. Meine Oma Elisabeth steht wie alle Deutschen vor einem kompletten Neuanfang. Die Vorkriegswelt, in der jeder wusste, wo sein Platz war und was er erreichen konnte im Leben, existiert plötzlich nicht mehr.

Zum einen ist die Freude groß, der Krieg ist zuende und ein korruptes System von Adel, Beamtentum, Militär, Landjunkern hat sich scheinbar weitgehend aufgelöst. Zum anderen ist Deutschland zerstört und geächtet, es wird wegen der Versailler Verträge lange brauchen, bis seine Bürger es wieder aufgebaut haben werden.

Elisabeth ist trotzdem froh, sie hat Arbeit bei OSRAM, braucht nicht hungern und steht auf eigenen Beinen. Allerdings möchte sie eine Familie gründen. Im Krieg hatte man andere Sorgen, doch jetzt wäre der richtige Zeitpunkt. 1920 ist sie 25, sie ist selbstbewußt, der Krieg hat sie ein wenig hart gemacht. Also sucht sie einen Mann, der sie nicht dominieren will. Einen derben Kerl, wie es ihn jetzt häufig gibt, der säuft und schlägt will sie nicht, da bliebe sie lieber allein.

Sie hat Glück, sie begegnet Werner. Er ist groß und hat einen schicken Schnurrbart. Sie verlieben sich, aber Elisabeth hält ihn auf Abstand. Es gibt da noch einen Mangel, Werner ist wie so viele arbeitslos. Eine Kollegin bei OSRAM verrät ihr, die BVG sucht Männer.

Am nächsten Morgen weckt sie Werner um vier, lässt kein Pardon gelten und schickt ihn zum Betriebshof Moabit in der Wiebestraße. Heute kann man dort, in der Classic Remise, historische Autos bewundern. Ohne Arbeitsstelle brauche er garnicht wiederzukommen, gibt sie ihm in ihrer resoluten Art auf den Weg.

Image  Elisabeth und Werner

Tatsächlich wird er auf Probe angestellt. Er bewährt sich beim Dienst auf der Straßenbahn, kann sich durchsetzen, kein blinder Passagier entgeht ihm, doch er bleibt immer freundlich. So ist er bald Straßenbahnschaffner und wird es 40 Jahre bleiben.

Das Paar findet eine kleine Wohnung in der Stephanstraße, nicht weit vom Depot und am 26.12.1922 wird Käte, meine Mutter geboren. Oma hört auch zu arbeiten, von Werners Lohn können sie leben, natürlich ohne große Sprünge zu machen.

Image  Werner (Mi.) mit Kollegen

Auch Schwester Lotte hat Glück, sie lernt Paul Springer, einen Polizei-Unteroffizier kennen. Paul sieht blendend aus, kommt aus guter Familie und nimmt sie auch ohne Mitgift. Paul hat Lebensart, isst gern und gut, sie machen kleine Reisen. Kinder wollen sie nicht, sie schätzen ihre Unabhängigkeit. Paul fotografiert viel, die Familie, Sehenswürdigkeiten und seine Kollegen vom Revier.

Image   Lotte und Paul vor dem Berliner Dom

Image  Die kleine Käte vorm Weihnachtsbaum

Käte geht nach der Schule gern zu Tante Lotte in die vornehme Tschaikowskistraße nahr dem Deutschen Theater. Sie bekommt Schrippen mir Schokolade, montags mit Schweinebraten vom Sonntag. Tante Lotte betuttelt ihre Nichte gern. Von ihrer Mutter wird die kleine Käte nicht so herzlich behandelt. Ihre Mutter schlägt sie nie, aber Umarmungen und Küsse sind sehr selten.

Manchmal darf Käte ihrem Vater warmes Essen im Henkelmann ins Straßenbahndepot bringen. Das Kind ist beeindruckt von der riesigen Halle mit den spiegelblanken Wagen. Werner ist schmuck in seiner Uniform und er liebt seinen Dienst.

Am 30. Januar 1933 ist Käte 10 Jahre alt. Die Familie sitzt am Abendbrottisch, durch das offene Fenster hört man kehlige Männerstimmen und im Takt marschierende Stiefel. Der schweflige Geruch der Fackeln mischt sich mit dem Testosteron-Dunst der erfolgsberauschten Männer. Die Familie hat kein Radio, aber sie wissen, die Nazis haben die Wahl gewonnen und es wird keine gute Zeit folgen.

Das Kind fragt, wer da draussen singt und grölt? Die Mutter geht zum Fenster, schlägt es zu und zieht die Vorhänge davor. Sie setzt sich wieder und antwortet ärgerlich: “Ess, ess, mein Kind!”

In der nächsten Folgen geht es um Kletterwesten, Kätes ersten Job und die große Liebe mitten im großen Krieg. Demnächst in diesem Blog.

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