Familienportrait – “Große Liebe, Blei-Streu-Straße, WG und Tolstefanz” / 1973-74

Image Gesehen habe ich Ilona zum ersten Mal im Cafe Bleibtreu in der Blei-Streu-Straße, wie sie damals genannt wurde. Am 27. Juni 1970 gibt es eine spektakuläre Schießerei zwischen der Bande von Kiez-König Klaus Speer und einer konkurrierenden iranischen Gangstergruppierung. Streitpunkt war die lukrative Vorherrschaft in der Bordellszene. Der Schusswechsel, in der seitdem Blei-Streu-Straße genannten Nebenstraße des Kudamms, kostete ein Todesopfer und drei Verletzte. Speer gilt als Gewinner der Auseinandersetzung, er wird wegen “Raufhandels” und unbefugten Waffenbesitzes zu milden 27 Monaten Haft verurteilt. Jahrzehnte später legen Stasi-Akten nahe, dass Speer die Stararchitektin Kressmann-Zschach ermordete, weil sie mit dem Steglitzer Kreisel pleite zu gehen drohte und Speers Kumpan, der Bordellchef Helmke mit drei Millionen beteiligt war. Speer bekommt ein Dauervisum für die DDR, macht mit Schalck-Golodkowski Geschäfte und gründet, nach dem Knastaufenthalt, eine Boxschule. Er fördert unter anderem die Karriere von Graziano Rocchigiano. Eine typische West-Berliner Biografie.

Ich sitze oft im Café Bleibtreu, Ilona auch, ihre Freundin Hanna aus Bielefeld arbeitet hinterm Tresen. Ilona selbst jobbt bei Dralle in seiner Teestube in der Pfalzburger Straße am Ludwig-Kirchplatz, nebenbei modelt sie ein bißchen. Sie erzählt, dass sie bei Claudia Skoda läuft, die ihre Strickmode in ihrem Loft in der Zossener Straße präsentiert. Bei der Modenschau schleiche ich mich ein, mit amerikanischem Schrauber-Overall und Kamera, gebe ich mich als DPA-Reporter aus. Ich flirte mit Ilona, kann aber nicht mit ihr reden. Ein Fotograf hat das ganze Loft, auch den Fussboden, mit Fotos tapeziert und mit Klarlack fixiert. Der Fotograf hat auch Ilona abgelichtet.

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Im Schrauberoverall

Als ich Ilona bei Wassily, dem russischen Schauspieler, in der Kantstraße wiedertreffe, bin ich schon bis über beide Ohren in sie verliebt. Ich lade sie zum Essen ein, die Zuneigung ist gegenseitig, schnell werden wir ein Paar. Wir ziehen in eine Zehn-Zimmerwohnung, eine WG in der Schlüterstraße. Zwei Häuser weiter im Haus 39 wird ein paar Jahre später Zitty seine Redaktionsräume haben. 1973 ist die Gegend noch billig, viele Studenten wohnen hier. Es wird der erste Kiez in Berlin sein, an dem ich das Phänomen Gentrifizierung beobachten kann.

Wir arbeiten im Ur-Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Sie hinterm Tresen, ich als DJ. Es ist die Ära des Philly-Sound. Der Spiegel hat gerade in einer Titelstory behauptet, Philly-Sound wird zur Musik der 70er, wie Rock in den 50ern und Beat in den 60ern. Zu einer Hälfte spiele ich schwarze Musik, zur anderen Rock. Eine Mischung, die zu etwas heftigen Stimmungswechseln führt. Der Geschäftsführer, ein Mann mit Schnäuzer, von dem ich morgens 60 oder 70 Mark in die Hand gedrückt bekomme, hat das Sagen. Er hat die Theorie, man müsse die Tänzer ab und zu von der Tanzfläche holen, damit sie sich Drinks kaufen. Wie Wirte so denken.

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Zum Sonnenaufgang gehen wir ins Borriquito um die Energie der Nacht loszuwerden, auschillen würde man heute sagen. Ilona ist Spanienfan, sie isst Conejo, ich Tintenfisch. Später, als sie schon längere Zeit auf Ibiza lebt, verrät ihre Mutter ihr, dass Ilonas biologischer Vater ein Spanier war.

Wenn wir nicht arbeiten, gehen wir ins Filmkunst 66 in die Spätvorstellung. Da laufen immer tolle Filme, an ein Festival mit Melodramen kann ich mich gut erinnern. Unser Lieblingsfilm ist natürlich Cabaret, Ilona hat durchaus etwas von einer Sally Bowles. Unter der S-Bahnbrücke schreien wir, drücken und küssen uns, bis die glotzenden Passanten zu sehr nerven und wir weitergehen, um Mark-Pizza zu essen oder in der Knesebeckstraße Billiard zu spielen.

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Ein halbes Jahr sind wir sehr glücklich. In der WG feiern wir Heiligabend, die erste weihnachtliche Feuerzangenbowle, der noch viele folgen werden, nur in anderen Räumen mit anderen Menschen. Vorn wohnt ein Schlagersänger, sein Raum hat eine kleine Bühne. Vorher war ein Bordell in der Wohnung, 200qm für 1500.-. Ganz hinten wohnt Schilys geschiedene Frau Christine mit ihrer sechsjährigenTochter Jenny.

Einmal im Monat kommt Schily selbst, stiefelt in schickem dreiteiligen Anzug übers Parkett. Entweder er hat Glück mit seiner Konfektionsgröße oder er trägt damals schon Masskleidung. Seine Krawatten sind geschmackvoll, die Schuhe blankgeputzt, er trägt gedeckte Farben, oft mit Nadelstreifen. Otto läßt Geld da und schärft uns anderen Bewohnern ein, wir sollen aufpassen, dass seine Ex nur das leichte “Homegrown” raucht und nichts Stärkeres nimmt. Das kaum wirkende Gras steht in einem Marmeladenglas in der Küche und wird nie weniger, entweder niemand nimmt davon oder die Heinzelmännchen füllen es immer wieder auf. Obwohl seine Ex es sich verbeten hat, muss Otto sich immer einmischen und er ist ein ziemlicher Besserwisser. Er hält unsere WG fälschlicherweise für eine Art Kommune, die ihre Grundwiedersprüche in langen Diskussionen löst. Unsere Versuche, seinen Irrtum aufzuklären sind erfolglos, er erweißt sich als beratungsresistent.

Das Tolstefanz soll schließen. Angeblich hat man ein oder zwei Dealer erwischt, außerdem stand im Stern, hier würden RAF-Leute verkehren. Ich habe nie welche gesehen, nur einmal hat eine ungeschickte Zivi-Frau mich anwerben wollen. Vielleicht war sie auch von der Stasi, das wußte man ja nie genau damals. Sie war Anfang 30, ein bißchen zu bürgerlich angezogen und behauptete Beziehungen in den Untergrund zu haben. Der bewaffnete Kampf der RAF hatte nie meine Sympathie und das erklärte ich ihr.

Es gibt eine rauschende Abschiedsparty im Tolstefanz. Alle Stammgäste lassen noch einmal die Sau raus. Dietmar Kracht, Star des Praunheim-Films “Die Berliner Bettwurst” und exhibitionistischer Selbstdarsteller demonstriert, dass man Joints auch mit dem Gesäß rauchen kann. Es sind wilde Zeiten.

Dann leben wir uns auseinander. Ich bin arbeitslos, habe kaum Geld. Ilona verdient gut in einem Kneipenjob, fliegt nach London, entdeckt die Rocky Horror Show und kauft bei BIBA trendige Klamotten im Art-Deco Stil. Mir geht es nicht gut, ich habe abgenommen, merke, dass sie mir entgleitet. Sie bringt mir auch was mit, aber sie ist auf dem Sprung.

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Der Abend nach London, sie hat mir ein BIBA-Shirt mitgebracht

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Sie führt mir ihre neuen Kleider vor, bleibt aber distanziert

Ilona will unbedingt in den Süden. Schließlich trennen wir uns. Sie geht nach Ibiza, ich erkenne sie auf einem Foto im Stern. Sie posiert mit anderen hübschen Mädchen auf einem schnellen Motorboot und hat offensichtlich viel Spass.

Image Das Stern-Foto

Ein halbes Jahr später treffe ich sie in der Bleibtreustraße, sie ist wieder in Berlin und arbeitet als Nanny bei Jürgen Barz, dem Benjamin von Insterburg und Co. Ich besuche sie in der Xantener Straße, Jürgen, der nicht da ist, hat einen Videorekorder. Ich bin begeistert, so etwas wünsche ich mir schon seit 1965. Damals sah ich in der Micky Maus den Prototyp eines solchen Heimgeräts, 20 000 $ sollte das Teil damals kosten. Wir kucken “The Pink Panther”, Ilona erzählt von ihrer Enttäuschung auf Ibiza.

Ein Jahr später fliegt sie wieder auf die Insel, diesmal läuft es besser. Sie bleibt und lebt immer noch dort, als wir uns in den 90ern auf der Funkausstellung wiedersehen. Dort laufen wir uns alle zwei Jahre über den Weg. Sie macht Promotion für “Filmbrillen” oder was immer ihr der Messe-Service vermittelt. Mit diesen regelmäßigen Jobs in Deutschland sichert sie sich zumindest eine kleine Rente. Ich produziere Fernsehsendungen für den Offenen Kanal Berlin und gehe in dieser Aufgabe ziemlich auf. Zwischendurch esse ich mich durch die VIP-Lounges. Sie ist bodenständig geworden, hat Mann, Haus und Café. Mein Herz macht jedesmal einen Sprung, wenn ich sie sehe. Doch wir leben in unterschiedlichen Welten und haben uns wenig zu sagen.

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